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Lyrik-Bestseller : Chartstürmer

  • -Aktualisiert am

Liebling der deutschen Lyrik-Leser: Erich Kästner führt mit seiner „Lyrischen Hausapotheke“ von 1936 die Charts an. Bild: Picture-Alliance

Die Lyrik-Charts werden leider immer noch von bereits verstorbenen Dichtern angeführt. Ob es den Lyrikern der Gegenwart wohl helfen könnte, wenn man ihre Werke öfter in Fernsehfilmen aufsagte? Ein paar Vorschläge.

          Unter den Top 25 der verkauften Lyrikbände, die Media Control für den Zeitraum Januar bis Juli 2018 ermittelt hat, ist Mascha Kaléko gleich sechsmal vertreten. Ein Grund dafür, so das vermeldende Branchenportal „Börsenblatt“, sei ein im Januar ausgestrahlter Fernsehfilm, bei dem in einer Beerdigungsszene ein Kaléko-Gedicht rezitiert wurde. Ihr Band „Mein Lied geht weiter“, nun auf Platz zwei der Liste, war daraufhin sogar kurzzeitig vergriffen. So schön das alles für den Nachruhm der 1975 verstorbenen Dichterin Kaléko ist, fragt man sich allerdings, warum in den deutschen Lyrik-Charts nur so wenige lebende Dichter vorkommen. Die Plätze eins bis neun teilen sich Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Rainer Maria Rilke und eine Anthologie; erst auf Platz zehn taucht der Büchnerpreisträger Jan Wagner mit seinen „Regentonnenvariationen“ auf. Die immerhin haben sich, insbesondere seit seinem Gewinn des Preises der Leipziger Buchmesse 2015, für Lyrik exorbitant gut verkauft, der Verlag bestätigte dieser Zeitung „gut vierzigtausend saldierte Exemplare“.

          Dennoch scheint Wagners Erfolg nicht so recht auf andere Gegenwartslyrik abzufärben: Auf den verbleibenden Plätzen der besagten Liste sind mit Michael Krüger und Durs Grünbein immerhin zwei „household names“ vertreten, dann noch mal Jan Wagner. Und Klaus Büchner, Sänger der Gruppe „Torfrock“, der in „Hanebüchner“ die Gedichte und Fotos seines Lebens versammelt. Am überraschendsten war zunächst Platz vierzehn der Lyrik-Charts mit Heinar Kipphardts Theaterstück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ – wie wir vom „Börsenblatt“ erfuhren, war der Titel vom Suhrkamp Verlag in die falsche Warengruppe eingeordnet worden, und bei Media Control hat das wohl niemanden gestört; inzwischen wurde er entfernt. Immerhin ein bisschen Aufmerksamkeit für Theatertexte, eine andere heute zumindest in Buchform nicht mehr allzu stark rezipierte Gattung.

          Wie aber steht es nun um alle die Gegenwartslyriker, die man auf der Liste schmerzlich vermisst? Vielleicht würde es ja helfen, wenn im deutschen Fernsehfilm öfter Gedichte aufgesagt würden, es müssen ja nicht nur beerdigungstaugliche sein. Wir hätten da auch schon ein paar Ideen: Wie wäre es mit Lutz Seiler in einer Dokumentation über Brandenburg, Ulf Stolterfoht im Stuttgarter „Tatort“, einem der Fremdwörterbuchsonette Ann Cottens in der „Lindenstraße“? Und falls es irgendwie ginge: Ob Julia Koschitz, die in dem besagten Film „Der letzte schöne Tag“ Mascha Kalékos „Letztes Lied“ aus dem Off sprach und ja ohnehin fast jeden Tag in einem anderen Fernsehfilm zu sehen ist, demnächst einmal Martina Hefters „Die Pflegeheimkatze spaziert durch die Gänge des Pflegeheims“ aufsagen könnte, vielleicht in einem Drama an der Seite von Wotan Wilke Möhring? Das müsste doch wohl möglich sein im Dienste der Lyrik.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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