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Hanni Münzer im Porträt : Die Selfpublishing-Königin weiß, was Frauen wünschen

Die Freiheit, die Hanni Münzer meint, heißt: viel Kontakt mit den Lesern Bild: privat

Holzbücher sind doch nicht zu verachten: Deutschlands erfolgreichste Selbstverlegerin liebäugelt neuerdings mit einem richtigen Verlag. Wer ist die Frau aus Stoiber-City? Ein Porträt.

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          Herz und Schmerz geht immer: Die heimliche Bestseller-Königin Hanni Münzer ist mit ihrem vierten Roman zum festen Mobiliar der Amazon-E-Book-Charts geworden, aktuell belegt sie Platz vier. Das Buch mit dem seltsamen Titel „Honigtot“ erzählt die Geschichte der Amerikanerin Felicity. Die junge Frau stößt bei der Suche nach ihrer Mutter auf ein Geheimnis, das sie mitten in die Abgründe der deutschen Geschichte hineinführt. Die Kunden-Rezensionen jubeln in den höchsten Tönen, nach Hollywood müsse diese Geschichte von Liebe und Obsession, bloß kein Vierteiler im ZDF dürfe daraus werden.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Der Roman dominierte die Verkaufsliste schon an jenem Donnerstag Ende Januar, an dem unter großer Aufmerksamkeit erstmals die ersten zehn Plätze von sogenannten Selfpublishern (Selbstverlegern) belegt wurden; Autoren also, die ihre Bücher über den hauseigenen Verlegerdienst Kindle Direct Publishing (KDP) elektronisch bei Amazon einstellen und vertreiben. Sie bestimmen den Preis ihres Buches, bis zu siebzig Prozent des Verkaufspreises gehen direkt an den Urheber, der Rest an Amazon. „Honigtot“, immerhin gute vierhundert Druckseiten dick, kostet 2,99 Euro. Das ist mittleres Preissegment - viele Spitzentitel kosten nur 99 Cent. E-Books großer Publikumsverlage liegen mit 12,99 Euro deutlich darüber.

          Gratis-Aktion brachte den Durchbruch

          Wer ist diese Frau? Die quirlige Endvierzigerin lebt mit Mann, zwei Kindern und Hund in einem Dorf nahe dem bayerischen Wolfratshausen, das sie „Stoiber-City“ nennt. Ihre Laufbahn war bunt, sie führte nach einem Highschool-Jahr in Seattle nach Rom zu einem nicht abgeschlossenen Informatikstudium, dann zehn Jahre zu Siemens-Nixdorf, wo sie sich mit multilingualen Systemen beschäftigte. Nach Zwischenstationen als Mitarbeiterin eines EU-Koordinators und Inhaberin eines eigenen Ladengeschäfts landete sie als Vorstandsassistentin beim Autovermieter Erich Sixt. Nach zwölf Jahren schied sie dort Ende 2012 aus familiären Gründen aus - und erinnerte sich an einen Roman, den sie einer Münchner Agentur angeboten hatte.

          Diese hatte ihn für gelungen befunden, und beinahe wäre das Buch auch bei einem großen Münchner Verlag gelandet. Aber eben nur beinahe. Dann verschwand das Manuskript von „Die Seelenfischer“ wieder in der Schublade. Bis Hanni Münzer einen Artikel übers Selbstverlegen las. Anfang 2013 stellte sie den Roman ins Netz. Zunächst passierte nicht viel, bis Münzer das Buch am Faschingswochenende im Rahmen einer Gratis-Aktion verschenkte. Bis Aschermittwoch gab es 10 000 Downloads. Eine entscheidende Zahl, hievte die Aktion das Buch doch auf die Empfehlungsseiten, und das brachte den Durchbruch: Die Kunden fingen an, für das Buch Geld auszugeben. Die beiden anderen Teile der „Seelenfischer“-Trilogie folgten.

          „Ich sitze auf meinem hohen E-Book-Ross“

          „Honigtot“ steht seit einem halben Jahr konstant unter den ersten zehn, 750 Rezensionen hat der Roman, um Längen mehr als die Konkurrenz. 150 000 Downloads und eine Taschenbuchausgabe später liegt die Gesamtauflage von Münzers vier Büchern derzeit bei 365 000 Downloads und 12 000 Taschenbüchern. Ungewöhnlich ist der Weg vom elektronischen zum gedruckten Buch nicht. Berühmtestes Beispiel ist die „Shades of Grey“-Trilogie, die so zum Weltbestseller wurde.

          Auch im Hause Münzer stehen die Verlage Schlange, um Verträge für gedruckte Bücher anzubieten. Aber die erfolgreiche Selbstverlegerin mochte bislang ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben: „Ich sitze auf meinem hohen E-Book-Ross“, lacht sie. Und rechnet vor, dass sie beim E-Book von 2,99 Euro siebzig Prozent einstreicht; beim Taschenbuch erhielte sie bei einem Ladenpreis von neun Euro fünfzehn Prozent (und also schon fünf Prozent mehr als üblich), insgesamt ein Drittel weniger.

          Fehler werden einfach ignoriert

          Auch wolle sie die Kontrolle über ihre Bücher behalten. Dazu gehört, dass sie sich von den E-Book-Rechten nicht trennen will - was die Verlage sehr wohl im Sinn haben; dazu gehört auch, dass sie jederzeit Aktualisierungen vornehmen kann. Zum Beispiel wenn, wie geschehen, Leser sich über eine missglückte Liebesszene beschweren, in der ein Karamellbonbon eine Rolle spielt, dann fliegt das Konfekt eben raus. Professionalisiert habe sie ihr Schreiben nur insofern, als sie mittlerweile für das Korrektorat Geld ausgibt; anders als andere Selfpublisher verzichtet Hanni Münzer auf einen Lektor oder Hersteller.

          Hier greift netztypisch auf beiden Seiten - bei Produzenten und Lesern - eine gewisse Nonchalance gegenüber schiefer Grammatik und falscher Zeichensetzung um sich. Fehler werden einfach ignoriert. Dennoch räumt Hanni Münzer ein, dass ein perfekter Text für sie immer wichtiger werde. Noch wichtiger ist ihr der Kontakt zu den Lesern. Sie hat all den Hunderten, die ihr Buch mit einer Rezension würdigten, geantwortet. Auch und gerade bei schlechten Bewertungen. „Ich werde nie einen Blog schreiben, aber zu meinen Lesern habe ich ein sehr persönliches Verhältnis.“

          Die deutsche Selbstverleger-Szene als Community

          Freilich, ohne die Zugkraft der traditionellen Buchmarkt-Lokomotive führe auch der Waggon der Selbstverleger nicht so gut, da ist sich auch Münzer sicher. Den „Holzbuch“-Markt - so heißen traditionelle Publikumsverlage im Jargon der Selbstverleger - haben sie damit noch nicht aus der Spur gebracht, aber ernst genommen wird das neue Marktsegment längst. Es konzentriert sich auf den Marktführer Amazon mit dem Lesegerät Kindle, gefolgt von Apples iPad und dem deutschen Konkurrenten Tolino.

          Auf welchen Kanälen ihre Bücher an die E-Reader kommen, weiß Hanni Münzer auch nicht. Sie mache weder auf Facebook noch Twitter Werbung; sie werde einfach weiterempfohlen. Zum Beispiel von der einflussreichen Selfpublisher-Plattform XTME des Nürnbergers Johannes Zum Winkel, dessen Beratungsleistung in der Szene gern in Anspruch genommen wird. Man kennt sich, man ist befreundet: Die deutsche Selbstverleger-Szene sei wie eine Community organisiert, berichtet Münzer. Mit den erfolgreichen Kolleginnen Poppy J. Anderson („Verliebt in der Nachspielzeit“) oder Carina Bartsch („Dreimal Liebe“) tausche sie sich aus; man schickt sich auch wechselseitig die Klappentexte zu.

          Nur vom Hörensagen kenne sie die Einschätzung, unter Holzbuch-Autoren herrsche viel mehr „Stutenbissigkeit“. Selfpublishing hält sie für den entscheidenden Umbruch am Lesermarkt: „Die Verlage haben nicht mehr das Monopol auf den Lesergeschmack. Es ist wie bei Darwin - natürliche Auslese. Allein der Leser entscheidet, was er will.“ Demnächst sollen das auch Leser in den Vereinigten Staaten, Frankreich, Polen, Litauen und Südkorea tun können. Aus diesen Ländern liegen Lizenzangebote vor. Auch ist der Stellenwert des „Selbst“ verhandelbar: Ein Vertrag mit einem Holzverlag scheint in greifbare Nähe gerückt.

          Ihren Rang als Schriftstellerin beurteilt Hanni Münzer pragmatisch. Sie schreibe Geschichten, die den Menschen gefielen. Früher hat man das Genre Trivialliteratur genannt, noch früher Groschenromane. Hanni Münzer hat damit kein Problem. „Jane Austen, die Brontë-Schwestern - das waren Schriftstellerinnen. Ich bin ja nur Autorin.“

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