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Shortlist zum Buchpreis : Sechs aus 197

Da waren es nur noch sechs: Die Titel auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis Bild: vntr.media

Keine andere Literaturauszeichnung hat eine solche Publikumswirksamkeit. Nun stehen die Finalisten zum Deutschen Buchpreis fest: sechs neue Romane. Was sagt diese Shortlist aus?

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          Wer folgt Anne Webers „Annette – Ein Heldinnenepos“ nach, das im vergangenen Jahr den Deutschen Buchpreis für den besten Roman des Jahres gewann? Dieses Buch hatte die Grenzen der Kategorie ausgelotet, denn Lyrik, auch ungebundene, ist eigentlich gar nicht teilnahmeberechtigt. Aber „Annette“ war eben ein Heldinnenepos, also eine in Versen erzählte lange Geschichte, ganz nach dem Vorbild des Ursprungs aller abendländischen Literatur. Es war mutig, dieses Buch auszuzeichnen – formal, aber auch inhaltlich, denn Anne Webers Werk stellt eine reale französische Widerstandskämpferin vor, die es sich selbst nicht leicht gemacht hat, weil sie ihren moralischen Überzeugungen auch dann treu blieb, als es um Interessen des eigenen Landes ging. Und diese Annette Beaumanoir war zuvor in Deutschland unbekannt. Wird die diesjährige Jury nun ähnlichen Wagemut beweisen?

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Endgültig werden wir das erst am 18. Oktober wissen, wenn im Kaisersaal des Frankfurter Römers zum Auftakt der Buchmessenwoche das diesjährige Gewinnerbuch bekanntgegeben wird – womöglich sogar wieder mit anwesendem Publikum. Aber die jetzt verkündete Shortlist mit den noch verbliebenen sechs Romanen erlaubt natürlich bereits eine Einordnung, denn aus diesem Kreis wird der Siegertitel bestimmt. 197 Bücher wurden in diesem Jahr von der Jury gelesen; das verbliebene halbe Dutzend ist also eine winzige Auswahl. Allerdings hatte die vor einem Monat publizierte Longlist ja noch zwanzig Werke umfasst. Es gehört zur Spannungsdramaturgie dieses Preises, dass die Aufmerksamkeit immer weiter fokussiert wird.

          Was unter den Nominierten erwartet wurde

          Die Longlist durfte man verlässlich nennen, auch im Hinblick darauf, dass neben den bislang üblichen Erwartungen an ein ausgewogenes Verhältnis von Schriftstellerinnen und Schriftstellern nun auch noch streng beobachtet wird, ob auch genug identitätspolitische Literatur ihren Weg auf die Listen gefunden hat. Man konnte mindestens vier Bücher auf der Longlist finden, die solchen Ansprüchen gerecht werden (die Romane von Shida Bazyar, Dilek Güngör, Sasha Marianna Salzmann und Mithu Sanyal). In absehbarer Zeit, so muss man fürchten, wird über solche Quantitätserwägungen die Qualität als vorrangiges Kriterium verdrängt. Auch deshalb war im vergangenen Jahr die Entscheidung für Anne Webers Buch so erfreulich.

          Wer steht nun diesmal am Ende zur Wahl? Die sechs Finalisten lauten in alphabetischer Reihenfolge: Norbert Gstrein mit „Der zweite Jakob“, Monika Helfer mit „Vati“, Christian Kracht mit „Eurotrash“, Thomas Kunst mit „Zandschower Klinken“, Mithu Sanyal mit „Identitti“ und Antje Rávik Strubel mit „Blaue Frau“. Ausgeglichenheit zwischen Frauen und Männern also, nachdem es bei der Longlist noch ein Männerübergewicht gegeben hatte. Mit Sanyals auch schon beim Publikum höchst erfolgreichem Roman ist die erwartete Vertreterin der heftig eingeforderten identitätspolitischen Literatur vertreten, und auch Antje Rávik Strubels „Blaue Frau“ ist alles andere als unpolitisch: Dieser Roman erzählt in hochvirtuoser Manier von maskuliner Gewalt gegen Frauen.

          Wer bekommt die Favoritenrolle?

          Aber man kann auch klassische Literatur auf der Liste finden, und damit ist jeweils nicht konventionelle gemeint, sondern es handelt sich um Romane, die ihre Mission vor allem im Erzählen selbst finden. Dafür stehen Norbert Gstrein und Monika Helfer, auch sie schon lange auf den Bestsellerlisten. Wo auch Christian Krachts „Eurotrash“ seinen Platz gefunden hatte – und das noch etwas höher. Es dürfte nie eine Buchpreis-Shortlist gegeben haben, die derart viele bereits im Handel erfolgreiche Romane geboten hat. Das wird die Debatte um die Entscheidung befeuern, und mit Christian Kracht ist ein Schriftsteller noch im Rennen, an dem sich die Geister scheiden. Das sein „Mutter-Buch“ gegen Monika Helfers „Vater-Buch“ antritt, ist zusätzlich reizvoll.

          Die Überraschung ist Thomas Kunsts bisweilen hochkomische Schilderung des Lebensentwurfs eines ostdeutschen Aussteigers; die Resonanz auf sein Buch bei der Kritik war bereits eindrucksvoll, nun wird es sein verdientes Publikum finden. Gibt es einen eindeutigen Favoriten auf den Preis? Nein. Aber es gibt natürlich eigene Favoriten. Meiner ist die „Blaue Frau“. Derart kompromisslos erzählt kein anderes der sechs Bücher. Nicht einmal Christian Kracht. Seine wunderbare Selbstironie hält im Vergleich mit der elementaren Wucht von Antje Rávik Strubels Roman dann doch nicht stand.

          Die diesjährige Jury besteht neben ihrem Sprecher Knut Cordsen, Kulturredakteur beim Bayerischen Rundfunk, aus Bettina Fischer, Leiterin des Literaturhauses Köln, Anja Johannsen, Leiterin des Literarischen Zentrums Göttingen, Richard Kämmerlings, literarischer Korrespondent der Tageszeitung Die Welt, Sandra Kegel, Ressortleiterin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeine Zeitung, Beate Scherzer, Buchhändlerin bei Proust Wörter + Töne in Essen, und Anne-Catherine Simon, Feuilleton-Redakteurin der österreichischen Tageszeitung Die Presse.

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