https://www.faz.net/-gr0-9pm66

„Die Macht der Schrift“ : Von Gutenbergs Presse zu Fords Fließband?

  • -Aktualisiert am

Keilschrift in einer Wand von Persepolis, um 500 vor Christus Bild: Science Photo Library

Kunstgriffe: Martin Puchner fragt nach der Bedeutung der Literatur für die Menschheitsgeschichte und unternimmt dabei abwegige Exkurse.

          Herrschaft und Literatur pflegen ein dunkles Verhältnis. Dem Auge der Gegenwart erscheint die literarische Kultur meist als ein genuin widerständiges, machtfernes Gefüge, das sich dem despotischen Zugriff widersetzt und zum Refugium der Unterdrückten und Exilierten avanciert. Der Vorstellung von Literatur als einem per se herrschaftskritischen, da ambivalenzbewussten Medium steht freilich der Befund gegenüber, dass Texte religiöse wie politische Macht nicht nur zersetzen, sondern ebensogut auch legitimieren und absichern können. Die formative Kraft von Literatur – die Begründung von Weltbildern, Epochen, Dynastien aus der Schrift – kann kaum überschätzt werden und erstreckt sich von den heiligen Texten der Weltreligionen über Kants Kritiken bis hin zu tatsächlich weltbewegenden Funkenschlägen wie dem „Kommunistischen Manifest“.

          Wenn Martin Puchners umfängliche Studie „Die Macht der Schrift“ sich nun den Wirkungszusammenhängen zuwendet, welche die Kulturtechnik des Schreibens mit der globalen Kategorie der „Menschheitshistorie“ verbinden, dann ließe sich ein solches Unternehmen grundsätzlich aus zwei Perspektiven beginnen: einer mediengeschichtlichen oder einer ideengeschichtlichen. So könnte man erstens danach fragen, wie die Produktion, Verwahrung und Distribution von Schrift zur Stabilität oder Instabilität politischer Herrschaft beitragen, den Grundstein solcher Betrachtungen fände man etwa in Harold Innis’ immer noch unerreichter Arbeit zu „Empire and Communications“ von 1950. Man könnte auch über das Beharrungsvermögen der Dichtung sprechen – den abgerissenen, doch singenden Kopf des Orpheus – oder sich um die ökonomische Realität des Schreibmaterials kümmern, wie Lothar Müllers „Weiße Magie“ (2012) das getan hat.

          Wie muss Literatur gebaut sein, damit sie Menschheitsgeschichte formt?

          Zweitens evoziert ein Buch, das den Untertitel „Wie Literatur die Geschichte der Menschheit formte“ führt, natürlich auch den Gedanken, dass man es hier mit einer Abhandlung über die großen Texte zu tun hat. Ganz klassisch käme man dann bei einem Kanon an, der völlig unterschiedliche Genres in sich fasst, in dem Homer neben Darwin, die Bibel neben „Don Quijote“ steht. Die Frage hinter einer solchen Tour de Force würde vermutlich lauten: Wie muss Literatur eigentlich gebaut sein, damit sie Menschheitsgeschichte zu formen, mit ihr zu interagieren vermag? Es wäre nicht verwegen, Martin Puchners Arbeit zu unterstellen, dass es ihr zentrales Anliegen gewesen sei, die Antwort auf diese Frage zu finden.

          Inszeniert wird „Die Macht der Schrift“ zunächst als ein weltliterarischer Aufriss. In insgesamt sechzehn Episoden führt Puchner – nach einem kurzem Abstecher an Bord der Apollo 8, wo man die Genesis liest – durch die humanoide Textgeschichte. Von der Ilias, die Alexander der Große als „Kopfkissenbuch“ mit sich führte, und das erst 1845 bei Mossul geborgene Gilgamesch-Epos über Esra, „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ und Sheherazade bis hin zum „Popol Vuh“, zur amerikanischen „Freiheitserklärung“ und zu Derek Walcott: Puchner sucht die großen Episoden, die, jede für sich genommen, schon recht gut erforscht sind.

          Die Innovation dieses Buches wäre also weniger in den Einzelbetrachtungen, sondern in der sie umfassenden und verknüpfenden Erzählung zu suchen. Genau hier aber hakt es nun – denn was ist das eigentlich für eine Erzählung, in welcher Einsicht gründet sie?

          Aus der Zusammenschau der einzelnen Kapitel erwächst zunächst einmal der Eindruck, dass sich die Geschichte der Literatur (oder: die Literatur der Geschichte) vor allem über Techniken der Sicherung und Verbreitung von Texten entziffern ließe. Extensiv referiert Puchner Fachwissen über das assyrische Keilschriftsystem, die Steinbibliotheken der Kaiserlichen Akademie von Peking, die Entstehung der Kana-Schrift, die Gutenbergsche Drucktechnik, die Bücher der Maya und Benjamin Franklins Druckernetzwerk; ergreifend sind die Momente, in denen von Jahrhunderten verschüttetes Schriftgut wie das Diamant-Sutra wieder das Tageslicht erblickt. Bisweilen dringt man hier zu überraschenden Befunden vor, etwa zum Desinteresse der arabischen Welt am Druckverfahren bei gleichzeitiger Adaption der chinesischen Papiertechnik. Zu denken gibt überdies die fundamentale Ambivalenz, die im Zuge der Übersetzung von Technik in Geistesgeschichte immer wieder aufscheint. Als bestes Beispiel mag hierbei der Gutenbergsche Druck dienen, der zuerst den Ablasshandel befeuert, um sodann zur mächtigsten Waffe der Reformation zu avancieren. Aber auch eine Figur wie Diego de Landa, der das Wissen um die Mayaschriften einerseits aufspeichert und tradiert und andererseits den größten Bestand an Maya-Texten im Autodafé von 1562 vernichten lässt, mag als Exempel jener Überblendung von bewahrender und verheerender Kraft dienen, die den Korridor zwischen Literatur und Macht beherrscht.

          Holztafeldruck aus dem 9. Jahrhundert: Das Diamant-Sutra

          In diesen mediengeschichtlichen Referaten erscheint Literatur vorrangig in den Parametern von Widerständigkeit und Eroberung, Rückzug und Ausdehnung. „Global“ ist die Schrift, weil sie in der Welt bestehen und diese zu durchmessen vermag. Das könnte man so hinnehmen, wäre da nicht dieser seltsam hypostasierte Begriff von „Schrift“, den man in dieser dezidierten Ausprägung eigentlich nur von Friedrich Kittler kennt, der ihm freilich eine ganz andere definitorische Schärfe verliehen hat. Diese Trennschärfe fehlt Puchner. An ihre Stelle tritt eine eigentümliche Substantialisierung von Texten (so heißt es etwa, das Diamant-Sutra habe „wie ein sich selbst replizierender Organismus immer weitere Versionen seiner selbst“ reproduziert oder der Maya-Gefangene Jerónimo de Aguilar sei allein durch den Besitz eines Breviers davon abgehalten worden, „sich den einheimischen Sitten zu unterwerfen“.

          Im Verlauf der Lektüre erweist es sich immer mehr als Problem, dass die Lücke zwischen dem überladenen Schriftbegriff und der Geschichte stets nur durch Kunstgriffe geschlossen werden kann. Dazu zählt neben der rhetorischen Substantialisierung auch die Spekulation, die etwa bemüht wird, wenn Querverbindungen zwischen der Auflagenstärke des Kommunistischen Manifests an bestimmten Orten und den dort sich häufenden „Anzeichen für eine bevorstehende Revolution“ gezogen werden oder in Gutenbergs Druckwerkstatt „Henry Fords Fließbandproduktion“ vorweggenommen wird. Vor allem aber sind es die jedem Kapitel eingefügten Reiseberichte des Autors, die zweifellos die empirische Spur der Schrift bezeugen sollen, jedoch – das gilt beispielhaft etwa für die Schilderung von Puchners Besuch in Istanbul bei Orhan Pamuk – ein ums andere Mal die Argumentation durch abwegige Privatexkurse und Selbstbespiegelungen zersetzen. Nichts gegen den spielerischen Umgang mit Philologie, aber spätestens bei jenem extensiven „Tagtraum“, den Puchner „Schahrasad eingegeben haben könnte“, ist dann die Grenze des Schicklichen erreicht, und es stellt sich die Frage nach dem Adressatenkreis dieses Buches.

          Angloamerikanische Übersetzungshegemonie

          In der Tat: An wen richten sich Aussagen wie „Die Literaturgeschichte ist voll von Geschichtensammlern“? Wer soll dem Befund zustimmen, dass „das Geniale an Don Quijote“ sei, dass dieser als „ein hilfloser Narr“ umherirre, „der stinksauer ist auf die Welt und damit unsere eigene kollektive Erfahrung in einer mechanisierten modernen Kultur widerspiegelt“? Und vor allem: Wie kommt man heute noch zum Analogieschluss zwischen Buchdruck und Digitalisierung und fragt, ob „auch unsere Schreibrevolution zu fundamentalistischen Auslegungen heiliger Schriften animieren“ wird?

          Martin Puchner: „Die Macht der Schrift“. Wie Literatur die Geschichte der Menschheit formte. Blessing Verlag, München 2019. 448 S., geb, 26,- €.

          Am Grunde dieses Buchs liegt dann immer noch jener Begriff, auf dem das Gesamtprojekt aufruht und der im letzten Drittel des Werks, das sich unter anderem durch Westafrika, die Karibik und Indien bewegt, immer drängender wird: der Begriff der Weltliteratur. Natürlich hat man es hier mit einem „weltliterarischen“ Projekt zu tun, der Blick auf die Erde aus dem Weltraum, mit dem der Text einsetzt, ist entsprechend programmatisch zu lesen. Gewünscht hätte man sich freilich, dass die Tragfähigkeit des Begriffs allerdings überhaupt erst einmal diskutiert würde, bevor man lesen darf, dass „Goethes Vorstellung von Weltliteratur als einer Ware, die auf der Existenz eines internationalen Literaturmarkts beruht und dank Übersetzern vertrieben werden kann, bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren“ habe.

          Dass gerade der „internationale Literaturmarkt“ eher auf einer angloamerikanischen Übersetzungshegemonie, das Konzept der „World Literature“ somit auf Voraussetzungen ruht, die die literarische Erfahrung afrikanischer oder asiatischer Welten eher verstellen als zugänglich machen, gehört mittlerweile – frühestens seit den Einlassungen von Gayatri Chakravorty Spivak, allerspätestens seit Emily Apters „Against World Literature“ von 2014 – zu den Grundeinsichten der Debatte. Man muss die Skepsis an der Funktionalität des Begriffes sicher nicht uneingeschränkt teilen. Sie aber schlichtweg zu übergehen, steht einem Text mit solchem Anspruch nicht gut an. Und so bleibt man am Ende eher ratlos vor einer zwar in Teilen informativen, aber doch stilistisch zerklüfteten und in den entscheidenden Momenten spekulativen Schrift.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Torwartwechsel: Manuel Neuer (l.) verteidigt seine Position gegenüber Marc-Andre ter Stegen

          Ter Stegen gegen Neuer : Zeit für einen Torwartwechsel?

          Keine Position im Fußball wird so gerne diskutiert wie die zwischen den Pfosten. Nur wenige Torhüter haben den Nummer-1-Status in der Nationalmannschaft konservieren können – und es ins kollektive Gedächtnis geschafft.
          Michael Jürgs starb im Juli mit 74 Jahren

          Michael Jürgs’ letztes Buch : Wer tot ist, muss sehen, wo er bleibt

          Eine Seele wirft keinen Schatten: Der Journalist Michael Jürgs hat zwei Wochen vor seinem Ableben sein letztes Buch beendet. In „Post mortem“ surft er durchs Jenseits und trifft dort höchst lebendige Tote.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.