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„Die Macht der Schrift“ : Von Gutenbergs Presse zu Fords Fließband?

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Keilschrift in einer Wand von Persepolis, um 500 vor Christus Bild: Science Photo Library

Kunstgriffe: Martin Puchner fragt nach der Bedeutung der Literatur für die Menschheitsgeschichte und unternimmt dabei abwegige Exkurse.

          Herrschaft und Literatur pflegen ein dunkles Verhältnis. Dem Auge der Gegenwart erscheint die literarische Kultur meist als ein genuin widerständiges, machtfernes Gefüge, das sich dem despotischen Zugriff widersetzt und zum Refugium der Unterdrückten und Exilierten avanciert. Der Vorstellung von Literatur als einem per se herrschaftskritischen, da ambivalenzbewussten Medium steht freilich der Befund gegenüber, dass Texte religiöse wie politische Macht nicht nur zersetzen, sondern ebensogut auch legitimieren und absichern können. Die formative Kraft von Literatur – die Begründung von Weltbildern, Epochen, Dynastien aus der Schrift – kann kaum überschätzt werden und erstreckt sich von den heiligen Texten der Weltreligionen über Kants Kritiken bis hin zu tatsächlich weltbewegenden Funkenschlägen wie dem „Kommunistischen Manifest“.

          Wenn Martin Puchners umfängliche Studie „Die Macht der Schrift“ sich nun den Wirkungszusammenhängen zuwendet, welche die Kulturtechnik des Schreibens mit der globalen Kategorie der „Menschheitshistorie“ verbinden, dann ließe sich ein solches Unternehmen grundsätzlich aus zwei Perspektiven beginnen: einer mediengeschichtlichen oder einer ideengeschichtlichen. So könnte man erstens danach fragen, wie die Produktion, Verwahrung und Distribution von Schrift zur Stabilität oder Instabilität politischer Herrschaft beitragen, den Grundstein solcher Betrachtungen fände man etwa in Harold Innis’ immer noch unerreichter Arbeit zu „Empire and Communications“ von 1950. Man könnte auch über das Beharrungsvermögen der Dichtung sprechen – den abgerissenen, doch singenden Kopf des Orpheus – oder sich um die ökonomische Realität des Schreibmaterials kümmern, wie Lothar Müllers „Weiße Magie“ (2012) das getan hat.

          Wie muss Literatur gebaut sein, damit sie Menschheitsgeschichte formt?

          Zweitens evoziert ein Buch, das den Untertitel „Wie Literatur die Geschichte der Menschheit formte“ führt, natürlich auch den Gedanken, dass man es hier mit einer Abhandlung über die großen Texte zu tun hat. Ganz klassisch käme man dann bei einem Kanon an, der völlig unterschiedliche Genres in sich fasst, in dem Homer neben Darwin, die Bibel neben „Don Quijote“ steht. Die Frage hinter einer solchen Tour de Force würde vermutlich lauten: Wie muss Literatur eigentlich gebaut sein, damit sie Menschheitsgeschichte zu formen, mit ihr zu interagieren vermag? Es wäre nicht verwegen, Martin Puchners Arbeit zu unterstellen, dass es ihr zentrales Anliegen gewesen sei, die Antwort auf diese Frage zu finden.

          Inszeniert wird „Die Macht der Schrift“ zunächst als ein weltliterarischer Aufriss. In insgesamt sechzehn Episoden führt Puchner – nach einem kurzem Abstecher an Bord der Apollo 8, wo man die Genesis liest – durch die humanoide Textgeschichte. Von der Ilias, die Alexander der Große als „Kopfkissenbuch“ mit sich führte, und das erst 1845 bei Mossul geborgene Gilgamesch-Epos über Esra, „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ und Sheherazade bis hin zum „Popol Vuh“, zur amerikanischen „Freiheitserklärung“ und zu Derek Walcott: Puchner sucht die großen Episoden, die, jede für sich genommen, schon recht gut erforscht sind.

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