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Buchmarkt : Zur Krise des Lesens

Bücher nehmen im Leben vieler Menschen immer weniger Raum ein. Bild: dpa

Es ist eindeutig, der Einbruch ist da. Warum der Buchmarkt so drastisch schrumpft und wir über eine Krise des Lesens reden müssen.

          Lange wurde nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen. Dann brach Philipp Keel, der Verleger des Schweizer Diogenes-Verlages, als einer der Ersten das Schweigen der Branche, als er in einem Gespräch mit dieser Zeitung während der Frankfurter Buchmesse im Oktober von der Krise sprach, in der sich der Buchmarkt derzeit befinde: „Was wir in den Verlagen machen, nämlich Bücher, ist seit jeher ein schwieriges Geschäft. Schon länger aber ist es besonders schwierig“, sagte Keel: „Praktisch auf der ganzen Welt ist der Buchmarkt in den vergangenen siebzehn Jahren um die Hälfte eingebrochen.“ Weil aber heute niemand mehr wisse, „warum das Geschäft auf die Weise, wie wir es für selbstverständlich gehalten haben, nicht mehr funktioniert“, so Keel in entwaffnender Ehrlichkeit, seien die Herausforderungen immens.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Heinrich Riethmüller, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der schon früheren Artikeln dieser Zeitung zur Lesekrise entschieden widersprach, gab vor einigen Wochen auf einer Veranstaltung zum Thema in Frankfurt abermals positive Wasserstandsmeldungen ab. Er sprach von „relativ stabilen Umsatzzahlen“ für die Branche, die sich auf neun Milliarden Euro im Jahr 2016 beliefen, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete. Wer hat nun recht? Gibt es eine Krise oder doch nicht? Und welchen Zahlen und Aussagen kann man trauen?

          Mehrere Millionen Buchabwanderer

          Schon der monatlich verschickte Branchenmonitor des Börsenvereins verhieß zuletzt nichts Gutes. Jetzt wurden auf der Jahrestagung der IG Belletristik & Sachbuch Zahlen präsentiert, die für sich sprechen. Von Entwarnung kann keine Rede sein, im Gegenteil: Innerhalb von nur vier Jahren, zwischen 2012 bis 2016, gingen dem Buchhandel laut Gesellschaft für Konsumforschung 6,1 Millionen Buchkäufer verloren. Die Käuferreichweite – der Anteil der Bevölkerung also, der Bücher kauft – sank im selben Zeitraum um knapp neun Prozentpunkte auf 45,6 Prozent.

          Gute Frage: Wie bringt man das Kind zum Buch?

          Die Zahlen für das erste Halbjahr 2017 zeigen, wie Michael Roesler-Graichen nun im „Börsenblatt“ meldet, dass sich der Trend fortsetzt. So weit, so schlecht. Vor allem im Jahr 2016 sei die Zahl der Buchkäufer gegenüber dem Vorjahr massiv eingebrochen, um sieben Prozent, was Verleger, Buchhändler und Lektoren indes längst wissen. Die absolute Zahl der „Buchabwanderer“ ist demnach sogar noch höher: „8,9 Millionen Kunden, die 2014 und 2015 noch mindestens ein Buch gekauft hatten, kauften 2016 keines.“

          Weniger Käufer geben mehr aus

          Dass sich der Käuferschwund – zumindest bislang – nur bedingt auf die Buchhandelsumsätze auswirkt, hat einen Grund: Es gibt zwar weniger Käufer, die aber geben für mehr Bücher mehr Geld aus, und das nicht zuletzt auch deshalb, weil Verlage ihre Buchpreise Stück für Stück anheben, um bei den ohnehin geringen Margen überhaupt noch wirtschaften zu können. Warum aber werden weniger Bücher gekauft? Die Antwort darauf geben Kundenbefragungen: Es wird weniger gelesen. Seit 2014 geht die Lesefrequenz kontinuierlich zurück, und die Kluft zwischen Lesern und Nichtlesern wird immer größer. Das Buch, dieses alte, wichtige Leitmedium, erlebt, so viel steht fest, momentan einen Bedeutungsverlust, dessen Folgen noch gar nicht abzusehen sind.

          Gerade deshalb ist die Frage nach den Ursachen wichtig: Längst etwa sprechen Leseforscher von einer Krise des vertieften Lesens. Die führen sie vor allem auf die Omnipräsenz von Bildschirmen in unserem Alltag zurück. Die Beobachtung wird vom Zahlenmaterial der GfK bestätigt: Neunzig Prozent aller Deutschen benutzen das Internet, bei den Vierzehn- bis Neunundzwanzigjährigen sind es sogar hundert Prozent. Jugendliche sitzen im Schnitt viereinhalb Stunden täglich am Computer – wo soll da Zeit bleiben, um noch zum Buch zu greifen?

          Da muss nichts herbeigeredet werden

          Statt in der Buchhandlung trifft man Jugendliche also vor allem bei der Beschäftigung mit Videospielen, Streamingdiensten oder beim Whatsapp-Daddeln an: unter allen Unterhaltungsangeboten „verliert das Buch als einziges Medium Anteile“, so das „Börsenblatt“: „Die jüngeren Zielgruppen sind es, deren Kaufbereitschaft im Buchhandel massiv abnimmt.“

          Als Ursachen werden Zeitknappheit, Aufmerksamkeitsdefizit durch Informationsüberfluss, Abhängigkeit von digitalen Medien und Verlust der Konzentrationsfähigkeit genannt sowie die Feststellung, dass „die gesellschaftliche Rolle des Bücherlesens schwächer wird“. Die Folge: unter anderem der Verlust der Fähigkeit, lange Texteinheiten konzentriert zu lesen.

          Auf der jüngsten Frankfurter Buchmesse hatten sich die Buchbranche und ihre Interessenvertreter noch selbstbewusst und optimistisch gezeigt. „Also doch alles in Butter?“, hatte diese Zeitung daraufhin in einem Leitartikel gefragt und dem Beschönigen entgegengehalten, was aus Gesprächen mit Verlegern, Lektoren, Vertretern und Buchhändlern Gegenteiliges zu erfahren war. Es wurde uns unterstellt, eine Krise herbeireden zu wollen. Doch da muss nichts herbeigeredet werden. Die Krise ist längst da. Und sie geht über Umsatzzahlen hinaus. Denn eine der wichtigsten Kulturtechniken, die wir besitzen, ist bedroht: das Lesen. Es ist an der Zeit, darüber zu reden.

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