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Was will die Romantik? : Die Empfindung als Wille und Werbetext

  • -Aktualisiert am

Spricht da Goethe als Spießer? Erste Schülergruppen üben eine Annäherung an die Romantik. Bild: Frank Röth

Ist das Empfinden ebenso eine erlernte Kulturtechnik wie das Denken? Ein Dramolett für das neue Romantik-Museum in Frankfurt.

          5 Min.

          Enthusiast: Ohne die Romantik wären wir nicht, was wir sind!

          Skeptiker: Selbst wenn das stimmen sollte und nicht nur ein Werbeslogan wäre, spricht das für die Romantik? Es stimmt übrigens auch nicht.

          Enthusiast: O doch. Der Weg des menschlichen Geistes führt zu immer größerer Vollständigkeit. Die Zeit vor der Romantik liegt jenseits des Berggrades, auf der anderen Seite der großen Wasserscheide, in einem anderen Land, in das wir nicht zurückkönnen, wir sind seither reicher geworden, widersprüchlicher.

          Skeptiker: Ich habe dieses Land nie verlassen.

          Enthusiast: Doch, das haben Sie, auch Sie. Auch wer die Romantik ablehnt, ist durch die Romantik geprägt. Das Empfinden ist ebenso eine erlernte Kulturtechnik wie Denken. Seit der Romantik empfinden wir anders.

          Skeptiker: „Wir . . . ?“

          Enthusiast: Deutsche, Engländer, Franzosen. Spanier. Italiener. Wir Europäer. Bitte jetzt nicht die antikolonialistische Perspektive, die hat damit wirklich nichts zu tun! Reden wir doch über Inhalte!

          Skeptiker: Ach, Inhalte. Gerne.

          Enthusiast: Schlegel schreibt: „Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Sie will die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen. Sie kann auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln . . .“

          Skeptiker: Das ist kein Inhalt, das ist Werbetext. „Das Leben und die Gesellschaft poetisch machen” – was heißt denn das? Heißt das nicht nur, dass die Romantik die erste geistige Bewegung ist, die schon ihr eigenes Pressebüro unterhält? Wenn Sie Slogans wollen, wie wäre es dann mit diesem? „Das Klassische nenne ich das Gesunde, das Romantische ist das Kranke.“

          Enthusiast: Das mussten Sie natürlich zitieren.

          Skeptiker: Zunächst scheint Goethes Verdikt sehr hart, aber je länger man darüber nachdenkt, desto mehr findet man sich . . .

          Enthusiast: Finden Sie sich, wollen Sie sagen!

          Skeptiker: . ­. . finde ich mich bereit zuzustimmen. Die Abwendung von der Idee, dass die Welt sinnvoll geordnet sein soll. Die Ablehnung der Aufklärung, weil sie ja das Gefühl vergesse. Die Ahnungen, die Geisternacht, die Seelengründe. Überhaupt, der ganze unheilvolle Kult der Tiefe. Jemand sagt einem etwas, das Hand und Fuß hat und gut durchdacht ist, und anstatt sich damit auseinanderzusetzen, wiegt man den Kopf und murmelt: Ja, das mag schon sein, aber ist solche Richtigkeit nicht . . . flach? Die grässliche deutsche Ablehnung von Logik und Konsistenz zugunsten von etwas, das man nicht einmal als Gegenposition zu formulieren bereit ist, denn könnte man es formulieren, es wäre ja schon selbst zu nahe bei Logik und Konsistenz und Zahlen und Figuren und entbehrte damit, natürlich, der Tiefe.

          Enthusiast: Sind Sie fertig?

          Skeptiker: Noch lange nicht.

          Enthusiast: Erstens, in dem Satz vom Romantischen als dem Kranken spricht nicht Goethe der Kulturdenker, sondern da spricht Goethe der Spießer, der übrigens auch den Humor aus der Literatur verbannen wollte, mit dem Hinweis, Witze seien für Leute mit schlechtem Charakter. Zweitens, Sie haben ja mit vielem Recht. Aber –

          Skeptiker: Aber nur auf oberflächliche Weise!

          Enthusiast: Aber nur zur Hälfte, und ja, nur an der Oberfläche.

          Skeptiker: Nicht in der Tiefe!

          Die Ahnungen, die Geisternacht, die Seelengründe. Überhaupt, der ganze unheilvolle Kult der Tiefe: Schmeichelhafte Goethebüste mit wallendem Haupthaar.
          Die Ahnungen, die Geisternacht, die Seelengründe. Überhaupt, der ganze unheilvolle Kult der Tiefe: Schmeichelhafte Goethebüste mit wallendem Haupthaar. : Bild: Frank Röth

          Enthusiast: Dass Sie den Einwand kommen sehen, macht ihn nicht falsch. Nehmen wir Goethe und Voltaire, zum Beispiel. Wenn wir sie heute lesen, tun wir das mit Liebe und mit Bewunderung. Mit Dankbarkeit. Aber egal wie entschlossen man zur Begeisterung ist über Voltaires vernunftfrommen Witz und Goethes marmorne Schönheit, ja sogar – da fehlt einem doch etwas bei ihnen, und das liegt daran, dass wir andere sind, als sie waren. Was wir sind, wie wir sind, das ist bei den Klassikern nicht mehr vollständig eingefangen. Der Mensch ist bei ihnen noch Herr im Haus. Darin liegt, geisteshistorisch gesehen, ihre Unwahrheit. Wir haben dazugelernt seither.

          Skeptiker: Natürlich, durch Freud!

          Enthusiast: Und Einstein. Der gekrümmte Raum und der Irrgarten der Lüste. Die Romantik begreift das, auch wenn sie es noch nicht aussprechen kann. Deshalb stammelt sie zuweilen.

          Skeptiker: „Was von Menschen nicht bewusst oder nicht gedacht . . .“

          Enthusiast: „. . . durch das Labyrinth der Brust wandelt in der Nacht“. Ja, er war eben auch schon Romantiker. Deswegen gibt es Mephisto. Goethe hat den nächsten Schritt, der nötig war, der unvermeidlich war, den der menschliche Geist selbst verlangte, eben zum Teil schon selbst getan.

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