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Digitale Wörterbücher : Nach den letzten Wälzern

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Die Neuedition des gedruckten Grimmschen Wörterbuchs reicht nur bis zum F, die folgenden Buchstaben werden digital sein. Installation in der Grimmwelt Kassel. Bild: Harry Soremski

Die Wörterbücher wandern ins Digitale. Und in der Forschung tobt ein Streit über die Lesefreundlichkeit: Soll man die Einträge künftig erzählerisch gestalten?

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          Ein hervorragender Jazzmusiker sei der „Vollblut-Neger“ Charlie Parker, schrieb die „Zeit“ 1948. Offenbar empfanden Journalisten und Leser das Wort zu dieser Zeit noch nicht als abwertend, obwohl nur wenige Jahre zuvor die Nazis noch den „Negerjazz“ beschimpft hatten.

          Das ist eines von vielen Details, die der Gießener Germanist Thomas Gloning zurzeit für ein historisches Wörterbuch des Jazz zusammenträgt. Sein Projekt gäbe es gar nicht, wenn das „Oberländer Tagblatt“ recht behalten hätte. Die Schweizer Zeitung verkündete nämlich vor genau hundert Jahren schon das baldige Ende des Jazz und die „Wiederkehr des Walzers“. Dass man im deutschen Sprachraum „Jazz“ zunächst vor allem als Tanz verstand, zählt auch zu Glonings Befunden.

          Dokumente nationaler Identität

          Er stellte sein Vorhaben bei einer Tagung zur Zukunft der historischen Wörterbücher vor, die von der Göttinger Akademie der Wissenschaften veranstaltet wurde. Das Jazz-Projekt war nicht nur das jüngste, sondern auch das schlankste zwischen lexikographischen Dickschiffen, die, getragen von wissenschaftlichen Akademien, auf viele Bände und Jahrzehnte hin ausgelegt sind. Das populärste und monumentalste ist das von den Brüdern Grimm begründete „Deutsche Wörterbuch“, das die Zeit seit Luther abdeckt. Das Spektrum der anderen historischen Wörterbücher, die sich zurzeit in unterschiedlichen Stadien der Vollendung befinden, spannt sich vom Deutschen Rechtswörterbuch, das Sprachzeugen von der Völkerwanderungszeit bis zum Wiener Kongress versammelt, über das Goethe-Wörterbuch bis hin zu Werken, die den Wortschatz des Alt-, Mittel- und Frühneuhochdeutschen dokumentieren.

          Werke dieser Art galten lange als unentbehrliche Dokumente nationaler Identität. Seit diese Legitimation brüchig geworden ist, existieren sie in einem Spannungsfeld zwischen dem bildungspolitischen Wunsch nach der Pflege des „kulturellen Gedächtnisses“ und einer finanzpolitischen Abneigung gegenüber der Förderung langfristiger Vorhaben in den Geisteswissenschaften. Hinzu gesellen sich die Anforderungen der Digitalisierung, die das Ende des gedruckten Wörterbuchs eingeläutet hat.

          Die momentan in Arbeit befindlichen Werke erscheinen zwar noch parallel in digitaler und gedruckter Form. Aber es sind die letzten Wälzer. Neu entstehende Wörterbücher existieren nur noch als Informationssysteme. Einige der historischen Wörterbücher gehören sogar zu den Pionieren dieser Entwicklung wie zum Beispiel das Deutsche Rechtswörterbuch. Es ging bereits 1997 online, im selben Jahr wie Google. Zu kämpfen haben viele Arbeitsstellen momentan mit einem Mangel an Experten, die sprachwissenschaftliche und informationstechnische Kompetenz verknüpfen.

          Vorteile durch Digitalisierung

          Die Digitalisierung erlaubt die Verknüpfung der Wörterbuchartikel mit Quellen und anderen Informationsressourcen, und sie eröffnet auch Nutzern außerhalb der Universitäten den Zugang. Aber die akademische Lehre profitiert ebenfalls von dieser Barrierefreiheit, denn selbst die Studenten philologischer Fächer fremdeln mittlerweile gegenüber Wörterbüchern aus Papier. Wichtiger noch ist die Möglichkeit, aktuelle Forschungsergebnisse laufend einzuarbeiten, ohne auf Jahre später erscheinende Ergänzungsbände warten zu müssen. Wie viele Entdeckungen gerade in den ältesten Schichten des Deutschen noch gemacht werden, zeigte Brigitte Bulitta vom Althochdeutschen Wörterbuch in Leipzig. Zahlreiche deutsche Wörter aus dem achten bis zehnten Jahrhundert sind nur als Anmerkungen und Übersetzungshilfen am Rand oder zwischen den Zeilen lateinischer Texte überliefert. Tausende dieser sogenannten Glossen wurden erst in letzter Zeit entdeckt und untersucht. Zu ihnen gehört „cunta“, eine vulgäre Bezeichnung für das weibliche Sexualorgan, die als Übersetzung von „pudenda“ am Rand einer kirchengeschichtlichen Handschrift des neunten Jahrhunderts auftauchte. Ein so früher Beleg dieses Tabuworts gilt als echte Überraschung.

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