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Akademie-Tagung „Wie wir lesen“ : Geschielt, gezwinkert

Wähnt sich beim Schreiben nicht allein: die Schriftstellerin Anne Weber Bild: dpa

Wie denken die Schriftsteller an ihr Publikum? Was sieht die Forschung den Umgang mit Büchern? Was treibt die Branche um? Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung befasst sich mit dem Lesen.

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          Vielleicht, überlegt die Schriftstellerin Anne Weber, sei ja das Schielen der angemessene Blick auf den Leser. Immerhin hätten schon die Klassiker nach dem Leser geschielt. Auf ihrer Herbsttagung in Darmstadt hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihrem Tagungstitel „Wie wir lesen“ gemäß Schriftstellern, Leseforschern und Buchmarktexperten die Bühne bereitet.

          Cornelia Rosebrock, Lesedidaktikerin an der Universität Frankfurt, sieht die Fähigkeit zum vertieften Lesen durch die Einladungen zur Oberflächlichkeit in Gefahr, die vom Lesen auf Bildschirmen ausgehen. Pascal Nicklas, Gruppenleiter der Neuroästhetik in der Mainzer Universitätsmedizin, schlug eine Differenzierung des vertieften Lesens vor, trennt das Eintauchen, das Versinken beim kindlichen Lesen, aus dem man herauswachsen müsse, vom ästhetisch bewussten Lesen. Wer glaube, erwidert Rosebrock, dass Erwachsene nicht ebenfalls „wunscherfüllend“ läsen, sei „unendlich naiv“. Sie sieht nicht die Notwendigkeit einer Ablösung der einen Leseweise durch die andere, sondern eine Ausdifferenzierung der Modi, die dem erwachsenen Leser in gleicher Weise zur Verfügung stehen.

          Sascha Schroeder, Professor für Pädagogische Psychologie in Göttingen und einer der Unterzeichner der Stavanger-Erklärung, die unter anderem vor einer unbedachten Bevorzugung digitaler Lesemedien in der Schule warnt, stellt unterdessen die Vorzüge des Bildschirmlesens heraus: Leser könnten Schriftgrößen wählen und auf eine große Auswahl an Texten zugreifen, Inhalte könnten für unterschiedliche Rezeptionsniveaus angeboten und um passende Verweise oder sogar Geräusche ergänzt werden. Skepsis im Publikum. Die Sorge, der Bildschirm könne das Buch verdrängen, sieht Schroeder mit einem Blick in die Mediengeschichte als unbegründet an, vielmehr gelte es, deren wechselseitige Ergänzung zu vermitteln. Cornelia Rosebrock stellt fest, ein Fünftel der Schüler komme heute gar nicht erst so weit, sich als Leser in der Welt zu entdecken.

          Wachsende Abhängigkeit

          Was tun? Pascal Nicklas bringt „Shared Reading“ ins Spiel, bei dem sich Menschen voraussetzungslos zum gemeinsamen Lesen auch anspruchsvoller Texte treffen, um sie anschließend im Gespräch mit der eigenen Welt zu verbinden - für Cornelia Rosebrock das, was ein guter Literaturlehrer ohnehin anbieten sollte.

          Helge Malchow, bis zum Jahreswechsel Verleger bei Kiepenheuer & Witsch, sieht die Verlage angesichts der Digitalisierung vor einer inhaltlichen Herausforderung, sie sollten Bücher zu deren Auswirkungen auf Arbeit und Privates, auf Lebensrhythmus und Entfremdung veröffentlichen. Strukturell sieht er die Instanz Verlag für die dynamische Veränderung der Digitalisierung gerüstet: Die Auswahl, Verbesserung und Vermarktung von Büchern bleibe gefragt. Nikola Richter, Verlegerin des digitalen Kleinverlags Mikrotext, schätzt, auch wenn sie Bücher ebenfalls gedruckt anbietet, die Vorzüge von E-Books in der Logistik und Backlist-Pflege. Gegen die Dominanz der Großen fordert sie eine Allianz unabhängiger Verlage und Buchhändler. Dieter Dausien von der Hanauer Buchhandlung am Freiheitsplatz rechnet fest damit, dass die marktdominierenden Buchhändler Einfluss nehmen auf Buchcover, Buchtitel und Inhalte. Er stellt heraus, was Läden wie seiner gerade Online-Händlern voraushaben: Menschen, die mit dem Herzen dabei sind. Florian Höllerer, Leiter des Literarischen Colloqiums in Berlin, betont die wachsende Abhängigkeit der Autoren von Lesungen. Dabei sei vieles, was Literaturveranstaltungen bieten könnten, heute noch nicht eingelöst.

          Ausbleibende Beschwerde

          Und wie denken Schriftsteller an die Leser? Die Lyrikerin Monika Rinck sieht das Gedicht in besonderer Weise auf sie angewiesen. Ihre Verlegerin sei allerdings der Überzeugung, bei einer Auflage von fünfhundert Exemplaren müsse noch nicht an sie gedacht werden. Der Romanautor Ulrich Peltzer bemerkt einen Imperativ der Lesbarkeit und beklagt die geringer werdende Bereitschaft, sich Kunst auszusetzen. Anne Weber gesteht die Präsenz imaginärer Leser beim Schreiben ein: all der Schriftsteller, vor denen sie sich beim Schreiben nicht blamieren wolle.

          Aus seiner Zielgruppe, sagt der Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel, habe ihn noch kein Vorwurf erreicht, dass in einem seiner Bücher ein Satz über anderthalb Seiten gehe. „Und Kinder beschweren sich durchaus.“ Allerdings scheinen viele Deutschlehrer zu glauben, er schreibe allein für ihren Unterricht. Steinhöfel sieht das Kind von Instanzen in Sorge umstellt, dass es auch ja das Richtige lese. Bei ihm könne es auch mal was Falsches lesen, sagt er, und man ahnt ein Zwinkern Richtung Publikum.

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