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Sehnsuchtsort Cevennen : Gottes Narren können nicht irren

  • -Aktualisiert am

Klatschmohnfeld in den Cevennen Bild: Picture-Alliance

Die Cevennen sind für viele Deutsche ein Niemandsland im Süden Frankreichs – und zugleich seit jeher ein Sehnsuchtsort der deutschen Literatur.

          Die Provence kennen alle, zumindest ein bisschen. Gemeinsam mit der Toskana liefert sie die bei uns am meisten verbreiteten Bilder des mediterranen Südens: Lavendel, Sonnenblumen, Weinreben, Ölbäume, im heißen Sonnenlicht flirrendes Kalkgestein, Dörfer, die von weitem aussehen wie Mittelalter, viel Römisches und Romanisches. Von Norden kommend, liegt sie links des Rhonetals, und sie fängt spätestens mit dem Mont Ventoux spektakulär an. Rechts gegenüber liegen die Cevennen, die viel weniger bekannt sind. Es herrscht nicht einmal wirklich Einigkeit darüber, welches Gebiet sie einnehmen. Gemeinhin betrachtet man als die nördliche Grenze die Linie zwischen Montélimar und Mende, als östliche die Rhone-Talautobahn, als südliche den breiten mittelmeerischen Küstenstreifen zwischen Nîmes und Montpellier und als westliche die Autobahn 75, die über Norman Fosters gigantische Brücke nach Millau und zu den Schluchten des Tarn führt.

          Die Landschaft ist vielfältig. Da sind die Causses, Hochplateaus, öde, steinige Landschaften, trocken, kaum fruchtbar, abweisend und fesselnd zugleich. Die Causses wurden von den Flüssen, von Cèze und Gardon, Lot und Tarn, Jonte und Durbie in den Kalkstein gefräst. Die tiefen Schluchten dazwischen, die ihre Namen tragen, sind teils wild und spektakulär, teils von einem satten Grün, das man in der Provence lange suchen muss. Die Gegend ist, von ein paar Hauptstraßen in den Ferienwochen abgesehen, schön, karg und einsam. Umso seltsamer ist es, dass gerade diese Region Generationen deutscher Dichter angezogen hat, selten als Wohnort, obwohl in den vergangenen Jahrzehnten Peter Kurzeck einen Teil des Jahres in Uzès lebte und Birgit Vanderbeke hierher umsiedelte und sogar eine hübsche Gebrauchsanweisung über die Cevennen schrieb. Doch meist haben sich hier nicht Deutschlands Dichter angesiedelt, sondern ihre Träume und Phantasien, für die sich sonst kein Ort fand.

          Wolfram von Eschenbach jedenfalls war nie in den Cevennen. Er kannte aber den Sagenstoff um Guillaume d’Orange, Enkel von Karl Martell, der mit Karl dem Großen in vielen Schlachten gegen die Sarazenen kämpfte, sich schließlich in die Einsamkeit der südlichen Cevennen zurückzog, das Kloster Gellone gründete und 812 fastend und betend fromm gestorben sein soll. Aus diesem Stoff, angereichert um andere Sagenkreise über Sarazenen-Schlachten, machte Wolfram im Auftrag Hermanns von Thüringen sein unvollendetes Versdrama „Willehalm“, einen der großen Texte des Mittelalters. Guillaume wurde heiliggesprochen, und der von ihm gegründete Ort bekam den Namen Saint-Guilhelm-le-Desert. Doch den Teufeln des Tourismus ist es gelungen, das schöne mittelalterliche Städtchen am Eingang der Cevennen um seine Seele zu bringen. Diejenigen, die hier meist vergeblich Parkplätze suchen, wissen wenig von Guillaume d’Orange und meist gar nichts von „Willehalm“. Dabei geht es in dem Text um Fragen, die achthundert Jahre später nichts von ihrer Dringlichkeit verloren haben, um den Kampf zwischen Christentum und Islam.

          Rebellische Protestanten

          Es war das Zeitalter der allerchristlichsten Kreuzzüge und das Zeitalter der Invasion des Abendlandes durch die Sarazenen. Die christliche Kirche propagierte die Lehre vom „bellum iustum“, dem gerechten Krieg gegen die teuflischen Heiden, die alle Grausamkeit rechtfertigte. An Grausamkeit und Rache fehlt es nicht in Wolframs Erzählung, doch es gibt auch andere Töne. Willehalms Gattin Gyborg, zum Christentum übergetretene Tochter eines orientalischen Herrschers, dessen Heere bald mit denen Willehalms im Krieg liegen, besteht nicht nur ihrem Vater gegenüber auf ihrem neuen Glauben, sondern ebenso auf der anderen Seite den Christen gegenüber darauf, dass die islamischen Ritter keine Unmenschen, sondern gleichwertig und ehrenhaft seien, als Verlierer geschont und nicht wie Vieh getötet werden dürften.

          Stein an Stein schmiegt sich das Dorf La Malène in die Tarn-Schlucht. Bilderstrecke

          Ludwig Tieck war so wenig in den Cevennen wie Wolfram von Eschenbach, aber seine unvollendete Novelle „Aufruhr in den Cevennen“ von 1826, die in der Nähe von Florac spielt, fängt sowohl die geographischen Orte als auch den historischen Hintergrund erstaunlich genau ein, weil er sich schon auf zahlreiche französische Darstellungen stützen konnte. Die historischen Ereignisse hinter der fiktiven Handlung haben über Jahrhunderte die Region geprägt und sie zum Protestantenland gemacht. Der Protestantismus kam erst im späten sechzehnten Jahrhundert in die abgelegene Gegend, fand aber bei den Bauern und Handwerkern, den „Kamisarden“, wie man die rebellische Bevölkerung nach ihren Wollhemden nannte, vor allem in der Zeit nach dem Toleranzedikt von Nantes (1598) rasch Verbreitung.

          1685 wurde das Edikt von Ludwig XIV. widerrufen, der die Glaubenseinheit des Landes wiederherstellen wollte. Dagegen gab es bei den Protestanten in ganz Frankreich Widerstand, aber nur in den Cevennen führte dieser Widerstand zum Aufstand. Die Staatsgewalt und der katholische Klerus versuchten, die protestantischen Gläubigen mit Gewalt wieder rechtgläubig zu machen. Wer nicht abschwörte, kam auf die Galeeren oder wurde hingerichtet, 466 Dörfer und Weiler wurden zerstört, damit die Rebellen dort keine Unterstützung finden konnten.

          Liebe überwindet Gewalt

          Gegen die blutige Verfolgung erhob sich ein ebenso blutiger Aufstand, der im Juli 1702 begann und erst 1704 mit der Niederlage der Aufständischen ein vorläufiges Ende nahm. Ihre Guerrillatruppe umfasste niemals mehr als zweitausend Kämpfer, doch sie wurde von der Bevölkerung unterstützt, sodass die königlichen Soldaten sie lange Zeit nicht besiegen konnten. Dabei waren ihre militärischen Führer einfache Leute aus dem Volk ohne Kriegserfahrung, ihre geistlichen Führer hatten prophetische Visionen, aber keine theologische Ausbildung. Die Überzeugung der „Narren Gottes“, aus göttlicher Inspiration zu handeln und den richtigen Glauben zu verteidigen, war stärker als alle Staatsgewalt. Mit Psalmen auf den Lippen stellten sie sich jeder Übermacht und übertönten das Trommeln der Henker, mit Psalmen auf den Lippen zündeten sie Kirchen an und ermordeten katholische Priester.

          Ludwig Tieck macht daraus die Geschichte von Edmond von Beauvais, katholisch geboren, zum Protestantismus konvertiert, der sich den Kamisarden anschließt und prophetische Visionen hat. Er sieht sich vor die Wahl gestellt, in Gottes Namen zu vernichten oder barmherzig zu sein auch gegenüber Andersgläubigen, bis sich das wundersame Ende andeutet, an dem die Liebe die Gewalt überwindet – ein Stoff so recht nach dem Geschmack der deutschen Romantik mit ihren vielen Konvertiten, ihrem Geschmack an übersinnlichen Erfahrungen und ihrer Liebesromantik, ein Stoff gegen Parteienhass, ein Stoff auch ganz im Geist der Zeit der Volksrevolutionen zwischen 1789 und 1830. Spätestens seit Tiecks Buch sind die Cevennen in Deutschland ein Sinnbild für Rebellion und Revolte, für ein anderes, populäres, gläubiges, der glänzenden Hauptstadt und allem Höfischen fernes Frankreich.

          Moritz Hartmann, Autor des Werkes „Tagebuch einer Reise durch Languedoc und Provence“ von 1853, kannte im Gegensatz zu Tieck die Cevennen, allerdings nicht freiwillig, sondern als Etappe seiner Flucht. Er war Mitglied des Paulskirchenparlaments von 1848, nahm an der Revolution in Wien und am badischen Aufstand teil, floh dann nach deren Niederlage zwanzig Jahre lang durch zahlreiche europäische Länder und verfasste wirklichkeitsgesättigte Reiseberichte.

          Bis zum letzten Psalm

          Der Aufstand der protestantischen Kamisarden nimmt in seinem Südfrankreich-Buch einen wichtigen Platz ein. Er beschäftigt sich weniger mit dem Widerstand in den Bergen als mit dem in der Region südwestlich von Nîmes, in dem es offene Feldschlachten zwischen den Aufständischen unter dem Kamisarden-Führer Jean Cavalier gab, einem in militärischen Dingen gänzlich unausgebildeten Schäferjungen mit prophetischen Visionen. Zeitweise blieb der wilde Haufen Cavaliers gegenüber den 25.000 Mann der königlichen Truppen unter den berühmtesten Marschällen Ludwigs XIV. auf wundersame Weise siegreich – bis Cavalier sich schließlich auf Verhandlungen mit den Repräsentanten des Königs einlässt, taktiert, seiner Eitelkeit erliegt und am Ende ruhmlos kapituliert, während die Glaubensgenossen in den unzugänglichen Bergen bis zum letzten Psalm weiter kämpften.

          Man vermag sich leicht vorzustellen, was den gescheiterten Paulskirchenrevolutionär Hartmann an der Geschichte der Kamisarden interessierte: die Wortbrüchigkeit der Könige – die des früheren französischen wie die der zeitgenössischen in Wien und Berlin – und die Eitelkeit der Revolutionäre, die auf die etablierten Mächte vertrauen und schließlich feige die Seite wechseln: „Als Prophet hat er seine kriegerische Laufbahn in den Cevennen begonnen ... An die Stelle der Begeisterung ist die Berechnung, an die Stelle der Aufopferungslust für eine heilige Sache ist eitle Ruhmsucht getreten, an die Stelle des Priestertums gedankenloser militärischer Ehrgeiz.“

          Verloren hat sich das literarische deutsche Bild der Cevennen im ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert nicht, es hat sich im Grunde nicht einmal wesentlich gewandelt. Das zeigt sich etwa an Gertrud von Le Forts „Der Turm der Beständigkeit“ von 1957, der der hugenottischen, über Jahrzehnte in Aigues-Mortes gefangenen Marie Durand ein Denkmal setzt. Die unerschütterliche Hartnäckigkeit, mit der sie allen Versuchungen widersteht, um ihrer Freiheit willen ihrem protestantischen Glauben abzuschwören, bewegt den adeligen Gouverneur des Königs, sie um den Preis des Risikos einer eigenen Inhaftierung zu entlassen, schließlich selbst von der aufgeklärten „Pariser“ Freidenkerei wieder zum Glauben zu finden und dem höfischen Versailles mit seinem Mätressenwesen den Rücken zuzuwenden.

          Zuflucht in den wildzerklüfteten Bergen

          Le Fort stammt aus einem hugenottischen Adelsgeschlecht und ist nach intensiver Beschäftigung mit der Theologie zum katholischen Glauben konvertiert. So versteht sich leicht ihr Interesse für den Stoff, bei dem Le Fort aber nicht für die Rebellen Partei ergreift, sondern allein die Unbeirrbarkeit des rechten Glaubens feiert. Jenseits der persönlichen Motive hat der Blick auf die Religionskriege aber auch einen zeitgenössischen Hintergrund. Der Text entstand in einer entscheidenden Phase der deutsch-französischen Verhältnisse, als hundertfünfzig Jahre „Erbfeindschaft“ zu Ende gingen und sich die künftige, enge Allianz abzeichnete. Man merkt dem Buch an, welches Frankreich sich die deutschen konservativen Eliten wünschten: Freundschaft mit Frankreich ja, aber nicht mit dem aktiven Widerstand, nicht mit der gottlosen Aufklärung, nicht mit der höfisch-libertären Tradition. Ernst Jünger war mit seinem Interesse an der aristokratischen Tradition Frankreichs ziemlich allein unter den deutschen Autoren. Links wie rechts stand man den beiden dominierenden Traditionen der neueren französischen Geschichte, der höfischen wie der revolutionären, ziemlich skeptisch gegenüber.

          Es ist wenig beachtet worden, dass die Cevennen auch das Telos von Günter Grass’ Wenderoman „Ein weites Feld“ bilden. Grass führt hartnäckig die besten Traditionen Preußen-Deutschlands auf die verfolgten, französischen Reformierten zurück, die nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes vor allem nach Preußen geholt wurden. So gesehen, sind im Roman die Cevennen eine Art deutscher Ursprungsort. Fonty, Wiedergänger Fontanes und Hauptfigur des Romans, wird in die französische Widerstandstradition eingeschrieben, er bekommt eine illegitime französische Enkelin zugesellt, mit der er sich, angeekelt von naiver Vereinigungsbegeisterung und generalisierter Schnäppchenjagd nach dem Ende des deutschen Staatssozialismus, freiwillig ins französische Exil begibt – freilich nicht nach Paris, nicht ins aristokratische Frankreich von Versailles, nicht ins revolutionäre des Bastille-Sturms und nicht ins kapitalistisch-moderne Frankreich der Hochgeschwindigkeitszüge.

          Fontys Sehnsüchte „finden Zuflucht, wie einst die bedrängten Hugenotten, in den wildzerklüfteten Gorges de l’Ardèche“. Das Idyll, in das sich Fonty mit seiner Enkelin aus Einheitsdeutschland flüchtet, ist ein Steinhäuschen in einsamer Landschaft. Es steht natürlich in den Cevennen, in denen Großvater und Enkelin in „kolossal menschenleerer Landschaft“ Pilze sammeln gehen. Und so bietet der Roman als einzige praktische Option zum wiedervereinten Deutschland die Cevennen an.

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