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Sehnsuchtsort Cevennen : Gottes Narren können nicht irren

  • -Aktualisiert am

Klatschmohnfeld in den Cevennen Bild: Picture-Alliance

Die Cevennen sind für viele Deutsche ein Niemandsland im Süden Frankreichs – und zugleich seit jeher ein Sehnsuchtsort der deutschen Literatur.

          7 Min.

          Die Provence kennen alle, zumindest ein bisschen. Gemeinsam mit der Toskana liefert sie die bei uns am meisten verbreiteten Bilder des mediterranen Südens: Lavendel, Sonnenblumen, Weinreben, Ölbäume, im heißen Sonnenlicht flirrendes Kalkgestein, Dörfer, die von weitem aussehen wie Mittelalter, viel Römisches und Romanisches. Von Norden kommend, liegt sie links des Rhonetals, und sie fängt spätestens mit dem Mont Ventoux spektakulär an. Rechts gegenüber liegen die Cevennen, die viel weniger bekannt sind. Es herrscht nicht einmal wirklich Einigkeit darüber, welches Gebiet sie einnehmen. Gemeinhin betrachtet man als die nördliche Grenze die Linie zwischen Montélimar und Mende, als östliche die Rhone-Talautobahn, als südliche den breiten mittelmeerischen Küstenstreifen zwischen Nîmes und Montpellier und als westliche die Autobahn 75, die über Norman Fosters gigantische Brücke nach Millau und zu den Schluchten des Tarn führt.

          Die Landschaft ist vielfältig. Da sind die Causses, Hochplateaus, öde, steinige Landschaften, trocken, kaum fruchtbar, abweisend und fesselnd zugleich. Die Causses wurden von den Flüssen, von Cèze und Gardon, Lot und Tarn, Jonte und Durbie in den Kalkstein gefräst. Die tiefen Schluchten dazwischen, die ihre Namen tragen, sind teils wild und spektakulär, teils von einem satten Grün, das man in der Provence lange suchen muss. Die Gegend ist, von ein paar Hauptstraßen in den Ferienwochen abgesehen, schön, karg und einsam. Umso seltsamer ist es, dass gerade diese Region Generationen deutscher Dichter angezogen hat, selten als Wohnort, obwohl in den vergangenen Jahrzehnten Peter Kurzeck einen Teil des Jahres in Uzès lebte und Birgit Vanderbeke hierher umsiedelte und sogar eine hübsche Gebrauchsanweisung über die Cevennen schrieb. Doch meist haben sich hier nicht Deutschlands Dichter angesiedelt, sondern ihre Träume und Phantasien, für die sich sonst kein Ort fand.

          Wolfram von Eschenbach jedenfalls war nie in den Cevennen. Er kannte aber den Sagenstoff um Guillaume d’Orange, Enkel von Karl Martell, der mit Karl dem Großen in vielen Schlachten gegen die Sarazenen kämpfte, sich schließlich in die Einsamkeit der südlichen Cevennen zurückzog, das Kloster Gellone gründete und 812 fastend und betend fromm gestorben sein soll. Aus diesem Stoff, angereichert um andere Sagenkreise über Sarazenen-Schlachten, machte Wolfram im Auftrag Hermanns von Thüringen sein unvollendetes Versdrama „Willehalm“, einen der großen Texte des Mittelalters. Guillaume wurde heiliggesprochen, und der von ihm gegründete Ort bekam den Namen Saint-Guilhelm-le-Desert. Doch den Teufeln des Tourismus ist es gelungen, das schöne mittelalterliche Städtchen am Eingang der Cevennen um seine Seele zu bringen. Diejenigen, die hier meist vergeblich Parkplätze suchen, wissen wenig von Guillaume d’Orange und meist gar nichts von „Willehalm“. Dabei geht es in dem Text um Fragen, die achthundert Jahre später nichts von ihrer Dringlichkeit verloren haben, um den Kampf zwischen Christentum und Islam.

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