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Fusion im Buchhandel : Alle Kanäle führen nach Hagen und Aachen

Zusammenschluss: Buchhandelskette Thalia und die Mayersche Buchhandlung fusionieren. Bild: dpa

Vier Familien und ein Neuzugang: Deutschlands größte Buchhandelskette Thalia und die Mayersche Buchhandlung – die Nummer vier auf dem Markt – schließen sich zusammen.

          Auf den Fotos, die zur Presseerklärung versendet wurden, steht Michael Busch vorn. Und da gehört er auch hin, denn er vertritt mit rund dreihundert Buchhandlungen den gewichtigeren Teil des neuen Paares. Dahinter legt ihm mit einem strahlenden Lächeln Hartmut Falter den Arm um die linke Schulter, er geht mit fünfundfünfzig Buchhandlungen in die Ehe. Diese ist eine denkwürdige Entscheidung, man könnte sagen: die Vernunftehe eines reifen Paares, dem diese Liebschaft nicht in die Wiege gelegt war.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Seit Jahren entwickelt sich der Sortimentsbuchhandel wieder zurück zu seinen Wurzeln, zu einem altmodischen, aber bewährten Unternehmermodell – dem Familienunternehmen. Thalia, einst ein Teil der in Hagen ansässigen Douglas-Holding und als solcher an den Finanzinvestor Advent verkauft, ist seit Mitte 2016 im Besitz eines Familienkonsortiums, in dem die Freiburger Verlegerfamilie Herder den größten Anteil hält. Die Gründerfamilie Kreke hält einen Minderheitenanteil, weitere die Familie Göritz und der langjährige Thalia-Geschäftsführer Michael Busch. Nun betritt mit der Familie Falter ein fünfter Gesellschafter die Brücke, denn Hartmut Falter soll von der Zentrale der Mayerschen in Aachen aus und unter Fortführung des dortigen Stammhauses die Integration der beiden Unternehmen leiten.

          Zusammen kommen die beiden Häuser nach Schätzungen des Branchenmagazins „Buchreport“ auf mehr als 1,1 Milliarden Euro Umsatz, im Portfolio sind Buchhandlungen in Österreich und der Schweiz sowie die Mayersche Tochter B.O.B. (Best of Books), die auf Nebenmärkten wie dem Lebensmittelhandel, Drogerie- und Baumärkten operiert.

          Stabil im Kampf gegen Amazon

          Thalia wie die Mayersche sind sogenannte Omni-Channel-Buchhändler, bespielen also alle Verkaufskanäle, was vielen kleinen Buchhändlern nicht gegeben ist. Thalia beschäftigt um die fünftausend Mitarbeiter, die Mayersche annähernd tausend, hat aber eine um 102 Jahre längere Firmentradition als die vor hundert Jahren in Hamburg gegründete Firma Thalia. Es kommt also eine Menge Erfahrung zusammen in einem Markt, der sich trotz aller Schwierigkeiten bei der Anpassung an die digitale Konkurrenz durch Amazon die letzten Jahre doch einigermaßen stabil gehalten hat – wenn man die Umsatzentwicklung betrachtet. Auf den massiven Schwund der Buchkäufer insgesamt sucht man weiter nach Antworten. Eine lautet derzeit, Buchhandlungen als „analoge Rückzugsorte“ zu positionieren, in denen man „in Geschichten eintauchen“ könne.

          Vom Umsatz des Sortimentsbuchhandels, den der Börsenverein des Deutschen Buchhandels im vergangenen Jahr mit 4,3 Milliarden Euro bezifferte, wird sich der neue Großbuchhändler ein ordentliches Stück abschneiden. Dabei sei die „beständige Allianz“ derzeit das Mittel der Wahl, wie es Michael Busch formulierte: „Wir im deutschen Buchhandel sind erfolgreicher, wenn wir gemeinsam handeln“. Das klang bei Thalia früher anders, unvergessen die Briefe an Verlage, in denen Zuschüsse gefordert wurden. Und im Wettbewerb mit alteingesessenen Buchhändlern kämpften die Hagener mit harten Bandagen. Man bezog innerstädtische Toplagen und grub dem Traditionsbuchhandel das Wasser ab. Seit einiger Zeit übernimmt Thalia auch eigentümergeführte Buchhandlungen, allerdings kommt dabei das Mittel des Serienbriefs noch immer zum Einsatz. Man stellt in Aussicht, alsbald eine Filiale vor Ort zu eröffnen, und bietet gleichzeitig die „grundsätzliche Möglichkeit“ an, alternativ über eine Übernahme zu sprechen. Auch die Mayersche hat zuletzt Buchhandlungen übernommen, ebenso der Konkurrent aus dem Südwesten, die Osiandersche, die derzeit rasant wächst.

          Nun entsteht nach Einschätzung der Frischvermählten „der bedeutendste familiengeführte Sortimentsbuchhändler in Europa“. Eine Schließung von Filialen sei „derzeit nicht geplant“. Über die Modalitäten der Fusion hat man Stillschweigen vereinbart, auch muss das Kartellamt der Fusion erst noch zustimmen. Was es schon einmal, beim mittlerweile wieder rückgängig gemachten Zusammenschluss von Thalia und Weltbild, nur unter Auflagen tat.

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