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Treffen der Buchbranche : Verlegerglück

Manchmal sieht alles rosig aus: Föhnwetter in München Bild: dpa

Traditionell trifft sich die bayerische Buchwelt zur sogenannten Verlegertafel in einem Münchner Nobelhotel – und schmiegt sich selig an die starke Schulter der Staatskanzlei.

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          München löchelt. In einem Ozean von Baugruben – der Hauptbahnhof ist weg, auch das Hotel Königshof am Stachus und am Sendlinger Torplatz wühlen sie seit Jahren –, bedrängt vom Ansturm digitaler Bilderwelten, gönnt sich die bayerische Buchwelt einmal im Jahr eine festliche Verschnaufpause. Zur Selbstvergewisserung. Wir sind doch noch wer. Wir sprechen noch Gutenberg. Auch bei der diesjährigen sogenannten Verlegertafel in einem Nobelhotel gab es diesen alteuropäisch-mürben, melancholischen Grundton, dem die zusammen mit der örtlichen Sektion des Börsenvereins einladende Dtv-Verlegerin Claudia Baumhöver mit einem bunten Strauß Dutzender aufmunternder Beispiele vergessen machen wollte. Tenor: Geklagt wurde schon immer.

          Ihr Vorgänger Heinz Friedrich, der den Deutschen Taschenbuchverlag aufbaute, schrieb in seinem Jahresbrief von 1981 den Satz: „Manchmal lohnt es sich, den Schnee von gestern zu besichtigen“. Den Schnee von heute beleuchtete im anekdotensatten Festvortrag die israelische Autorin Lizzie Doron („Sweet Occupation“), die für die Aussöhnung mit den Palästinensern kämpft. Das glühendste Bekenntnis zum Buch legte dann aber in der Abteilung Gästedank indes Florian Herrmann, Leiter der Bayerischen Staatskanzlei sowie Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten und Medien, ab. Schon als Schüler habe er, nachdem im Unterricht Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ durchgenommen worden war, das Gesamtwerk Zweigs gelesen. Gleiche Vorgehensweise bei Fontane und Thomas Mann. Als er sich allerdings ertappt habe, anstelle von „äh“ „recht eigentlich“ zu sagen, habe er sich nach neuen Autoren umgesehen.

          Und heute? Nur noch Akten. Hätte er früher gewusst, wie schön der Verlegerberuf sei, er hätte ihn ergriffen, sprach der Minister, und die Gastgeber strahlten ob des feurigen Buchbekenntnisses. Dass Herrmanns Vater noch vor vier Jahren als Präsident der Technischen Universität München alle Masterstudiengänge ausschließlich in englischer Sprache anbieten wollte, würde, wie der Bayer sagt, gar nie nicht ins Konzept seines Sohnes passen. Denn der Prädikatsjurist preist mit Thomas Bauer die „Ambiguitätstoleranz“ und wettert gegen die „asozialen Netzwerke“: „Wir wollen nicht, dass Algorithmen gewinnen, sondern Argumente.“ Die Verleger waren selig, selten war man so bereit, sich an die starke Schulter der Staatskanzlei zu schmiegen. Zuletzt packte Herrmann noch einen Karl-Valentin-Spruch drauf: „Sie wissen ja: Sie sind auf uns nicht angewiesen, sondern wir auf Sie. Merken’s Ihnen des!“ So viel Liebe am ersten Advent.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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