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Ausstellung im Goethehaus : Hatem an Suleika

Aus Goethes Nachlass formte sein Nachlassverwalter aus unveröffentlichten Papieren eine umfangreiche Edition. Bild: Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum

Persischer Zwillingsbruder: Das Frankfurter Goethehaus zeigt, wie der „West-östliche Divan“ entstand.

          Als Goethe 1832 gestorben war, formte sein Nachlassverwalter Johann Peter Eckermann aus unveröffentlichten Papieren des Autors in den folgenden Jahren eine umfangreiche Edition. Zugleich hinterließ Eckermann, als er selbst 1854 in bitterer Armut starb, der seither mit dem Gedichtband „West-östlicher Divan“ beschäftigten Forschung ein Rätsel. Denn unter Goethes Papieren ist auch eine Hülle, beschriftet mit „Zum künftigen Divan“. Sie ist leer. Was sich darin befunden hat – ob dort überhaupt etwas war –, als Eckermann sie sichtete, ist unbekannt.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          In der feinen Ausstellung „Poetische Perlen“, die jetzt im Arkadensaal des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt zum „West-östlichen Divan“ eröffnet wird, ist auch diese Hülle zu sehen, allerdings als eines der wenigen Objekte nicht als Original. Das Rätsel, das mit ihr verknüpft ist, kann auch die Ausstellung nicht lösen. Aber sie bietet dem Besucher, der am Ende auch auf diesen Aspekt der Entstehung und Überlieferung der Gedichtsammlung gestoßen wird, zuvor genügend Anregungen, damit er zumindest eigene Vermutungen anstellen kann.

          Alles begann mit einem Buch, der deutschen Übersetzung des „Diwans des Mohammed Schemsed-din Hafis“, die der große Orientalist Joseph von Hammer 1812/13 vorlegte und die dessen Verleger Cotta 1814 seinem Autor, dem knapp fünfundsechzigjährigen Goethe, schenkte. Das Buch, zierlich im Format und mit Goldschnitt versehen, ist auch das erste Objekt der Ausstellung, die sich im Arkadensaal traditionell den strikten räumlichen Vorgaben eines eher engen, zweimal geknickten Ganges unterwerfen muss.

          Arabische Schreibübungen von Johann Wolfgang von Goethe.

          Hier hat das den Vorteil, dass Beginn und Ende der Schau einigermaßen klar einander gegenüberstehen und die Stele am Anfang, deren Aufsatz Hammers Band enthält, mit einer zweiten am Schluss korrespondiert, in der sich die Erstausgabe von Goethes „Divan“ befindet. Der Weg dazwischen führt über eine Reihe von Vitrinen, die sich zumeist je einer Passage von Goethes Gedichtbuch widmen und Anregungen dafür offenlegen – eine Ausstellung also, die zum allergrößten Teil aus Drucken und Handschriften besteht und all die kleinen Beigaben aus dem Besitz der Autoren auslässt, mit denen andere Literaturausstellungen oft die vermeintlich mäßig interessanten Papiere begleiten. Diese mutige Entscheidung der Kuratorin Anke Bosse aus Klagenfurt wird man begrüßen, denn wie außergewöhnlich spannend sich dieses Material von Vitrine zu Vitrine erweist, welch feine Verbindungslinien sich ziehen lassen, erschließt sich sofort.

          Das beginnt schon mit dem Motto, das Hammer – dem an gleicher Stelle im vergangenen Frühjahr eine vorzügliche Ausstellung gewidmet worden war – seiner Übersetzung voranstellt und das Goethe aufgreift und verwandelt: „Keiner hat noch Gedanken, / Wie Hafis, entschleiert, / Seit die Locken der Wortbraut / Sind gekräuselt worden.“ Goethe, der wenig später über das Erlebnis der Hafis-Lektüre schrieb: „Ich mußte mich dagegen productiv verhalten, weil ich sonst vor der mächtigen Erscheinung nicht hätte bestehen können“, der auch tatsächlich fast unmittelbar danach mit eigenen Gedichten beginnt, die Motive und Tonfall des persischen Dichters aus dem vierzehnten Jahrhundert aufnehmen, Goethe also zeigt sich fasziniert von dem Ausdruck „Wortbraut“. Bei ihm wird daraus: „Sey das Wort die Braut genannt / Bräutigam der Geist! / Diese Hochzeit hat gekannt / Wer Hafisen preist.“ In einem anderen Gedicht nennt er sich Hafis’ „Zwilling“.

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