https://www.faz.net/-gr0-8e0jn

Die Ästhetik des Stotterns : Warum Stoibers Transrapid-Rede eigentlich Kunst ist

Big Bayer is watching her: Kathrin Röggla in Frankfurt Bild: Joel Fourier

Stottern ist nicht nur ein Problem, sondern auch eine Möglichkeit, das bewiesen Künstler wie David Bowie und Klaus Kinski. Ein gar nicht stockender Vortrag der Schriftstellerin Kathrin Röggla in Frankfurt.

          3 Min.

          Als der König endlich Luft holt und zu sprechen beginnt, atmet auch das britische Volk hörbar auf, das sich an diesem 3. September 1939 vor den Radiogeräten versammelt hat. Jetzt werden wir es schaffen, denken die Briten, weil auch ihr König es geschafft hat, ans Mikrofon zu treten und diese Rede zu halten – gegen alle Widerstände, die ihm sein Körper auferlegt hat.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Tatsächlich hat es der Kinofilm „The King’s Speech“ mit der historischen Wahrheit nicht so genau genommen. Georg VI. überwand sein Stottern lange vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Doch spätestens seit Colin Firth ihn auf der Leinwand verkörperte, gehört Georg VI. zu den berühmtesten Stotterern der Geschichte, von denen es bekanntlich nicht wenige gab. Moses zählt ebenso zu ihnen wie Isaac Newton, Charles Darwin, Marilyn Monroe, Bruce Willis oder John Updike. Gerade die Künstler unter den Stotterern erzählen in Interviews gern, wie ihnen in jungen Jahren geraten wurde, einen sprachfernen Beruf zu ergreifen. Anders als Georg VI. hatten sie immerhin die Wahl und entschieden sich trotzdem dafür.

          Stottern ästhetisch umgesetzt

          Die Schriftstellerin Kathrin Röggla beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen des Stotterns. Nicht jedoch aus dem medizinischen Blickwinkel. Logopädische und soziologische Fachliteratur über die gestörte Sprachproduktion gibt es zuhauf. Die gebürtige Salzburgerin untersucht das Stottern unter dem Aspekt seiner ästhetischen Umsetzung, was für die Forschung bislang kein Thema war. Ihr Sensorium für das semantische Stolpern entwickelte die Autorin und Dramatikerin, nachdem sie in den neunziger Jahren aus Österreich nach Berlin übersiedelte und feststellte, dass hierzulande weniger gestottert wurde als in ihrer Heimat.

          Im ausverkauften Frankfurter Club Orange Peel analysierte sie in der Reihe „text & beat“, die gerade ihr fünfjähriges Bestehen feiert, im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Christian Metz den topographischen Aspekt dann nur am Rande. Stattdessen wurde ihre Ausgangsthese, dass Stottern nicht nur ungewollte Unterbrechung in Gesprächen sein kann, die ohnehin störanfällig seien, sondern bewusstes Mittel zur Inszenierung, im Laufe des Abends mit verblüffenden Film-, Musik- und Literaturbeispielen illustriert.

          Was Dada, The Who und Einar Schleef gemeinsam haben

          Längst nicht nur Dada-Künstler wie Kurt Schwitters machten sich in ihren Lautgedichten daran, das Zusammenspiel von Wortlaut und Bedeutung zu zerbrechen. Auch im Kino und in der Popmusik, von Bands wie The Who oder den Rolling Stones, wurde vorgefertigte Sprache gern zerlegt, oft genug auch zertrümmert, um schon semantisch eine Distanz zu früheren Generationen zu markieren. Dem Theatermann Einar Schleef, selbst Stotterer, ging es in seinen Inszenierungen um die Verstrickung des modernen Menschen in (sprach)mechanische Prozesse. Viel sei vom Stottern als Fehler die Rede, schrieb Schleef, aber kaum „von der instruktiven Stärke der Beobachtens“, die aus dem Stocken der Sprache erwachsen könne. Andererseits ist man Kathrin Röggla zufolge etwa im Fernsehen nur zu gern auf Gesten des Uninszenierten aus: „All das Stottern, die verwackelten Kameras, rauhen Schnitte sind Manierismen“ – einer auf Authentizität spekulierenden Inszenierung, die um ihren Effekt weiß.

          Woody Allen, der an diesem Abend in einem irrwitzigen Zusammenschnitt seiner Filme von „Annie Hall“ bis „Manhattan“ auf die Leinwand des Orange Peel projiziert wurde, entpuppte sich dabei als wahrer Meister der unvollendeten Rede. Sein Stottern wird ihm in diesen Filmen zum ureigenen Ausdruck einer Psychopathologie, die es dem Stadtneurotiker erlaubt, beim Psychologen auf der Couch zwar große Reden zu schwingen, doch schon im nächsten Augenblick, wenn er mit Diane Keaton auf der Straße steht, nur noch stammeln zu können.

          Auch David Bowie setzte in seinem Song „Changes“ aus dem Jahr 1971 das Stottern musikalisch ein. In seinem gesungenen Manifest für den Wandel bleibt Bowie beim entscheidenden Wort schon am Anfangslaut ein ums andere Mal hängen: „Ch... ch... ch... ch...“ setzt er wieder und wieder neu an, bis ihm das Wort „changes“ schließlich wie eine Erlösung in einem Rutsch über die Lippen kommt. Wovon er singt – von der Angst vor Veränderung wie dem Glück, die Hürde genommen zu haben –, findet seine Entsprechung in der Semantik.

          Sprachverweigerung und Politikersprech

          War die geschliffene Rede einst Garant für Glaubwürdigkeit, führte Kathrin Röggla einen Talkshowauftritt von Klaus Kinski als Beispiel dafür an, wie auch die unvollkommene Rede einem Ritardando gleich zur Erzeugung von Spannung und medialer Aufmerksamkeit eingesetzt werden kann. Der Schauspieler, während der Sendung damals durch einen Einwurf aus dem Publikum unterbrochen, greift die Störung dankbar auf, um seinerseits in ein crescendohaftes Stottern zu verfallen, mit dem er die Sprechkomödie zur besten Sendezeit lustvoll unterwandert.

          Während Kinski sich der Sprachverweigerung für seine Zwecke bewusst bedient, erweist sich Edmund Stoibers legendäre Transrapid-Rede aus dem Jahr 2003 als unfreiwillige Parodie des eigenen Politikersprechs, die in der Nonsense-Aussage „Sie steigen in den Bahnhof ein“ gipfelt. Erst die Vertonung des bayerischen Kabinettstücks durch den Perkussionisten Jonny König machte an diesem Frankfurter Abend klar, dass es sich bei der verunglückten Rede in Wahrheit nur um ein Kunstwerk handeln kann.

          Weitere Themen

          Splatter-Rap mit Grillenzirpen

          Neues Album von Eminem : Splatter-Rap mit Grillenzirpen

          Eminems neues Album will Konzeptmusik sein, wird aber durch platte Provokation beschädigt. So entsteht skrupelloser Boulevard-Rap, der das Richtige mit falschen Mitteln zu erreichen sucht.

          Topmeldungen

          5:0 gegen Schalke : Die Bayern blasen zur Jagd auf Leipzig

          Die Münchner erteilen Schalke eine Lehrstunde und kommen Spitzenreiter Leipzig, der sein Spiel in Frankfurt verliert, nah. Die Bayern indes siegen imposant – auch weil der Torwart der Königsblauen zwei Mal patzt.
          Demonstranten in Leipzig

          Sechs Polizisten verletzt : Wieder Krawall in Leipzig

          Etwa 1300 Menschen demonstrieren in Leipzig gegen das Verbot einer linksextremen Online-Plattform. Zunächst bleibt der Protest friedlich, dann fliegen Steine. Die Polizei kesselt die Demonstranten ein, sechs Beamte werden verletzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.