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Didier Fassins Anthropologie : Für eine Welt, in der wir gut und gerne leben

Wenn Leben gegen Leben steht: Protest gegen Polizeigewalt in Chicago, nachdem der 17 Jahre alte Laquan McDonald erschossen wurde. Bild: jon lowenstein / NOOR / laif

Leben gegen Leben darf man nicht abwägen, sagt das Menschenrecht. Und doch geschieht es ständig. Der französische Anthropologe Didier Fassin zeigt in Fallstudien, was das konkret bedeutet.

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          Einer der Slogans der Neonazis, die durch Charlottesville marschierten, lautete „White Lives Matter“. Folgt man dem politischen Philosophen Mark Lilla, dessen polemische Kritik der Identitätspolitik auch im deutschen Justemilieu auf große Resonanz stößt, so hatten es sich die Erfinder des Namens der jüngsten schwarzen Bürgerrechtsbewegung selbst zuzuschreiben, dass ihnen ihre Feinde die Losung entwendeten, um sie in rassistischer Absicht umzupolen. Für Lilla ist „Black Lives Matter“ ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie man Solidarität nicht organisiert. Die Aktivisten, die aus dem Tod von Michael Brown in der Kleinstadt Ferguson im Umland von St. Louis ein Fanal machten, hätten den Fehler begangen, an ihre Mitbürger nicht als Mitbürger zu appellieren, sondern ihre Zugehörigkeit zur Gruppe der Schwarzen zu betonen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Lilla hat seine Reputation mit Auslegungen philosophischer Autoren des Dichtheitsgrades von Leo Strauss erworben. Die Mangelhaftigkeit seiner Interpretation des Drei-Wörter-Satzes „Black Lives Matter“ zeigt schon der Blick auf den Wortlaut. Der Satz appelliert unüberlesbar an etwas, was Schwarze und Weiße gemeinsam haben: die Eigenschaft, menschliche Lebewesen zu sein.

          Feldforschungen zur Polizeiarbeit

          Der Begriff des Lebens als Generalschlüssel der gegenwärtigen Politik ist der Gegenstand der Adorno-Vorlesungen, die der französische Anthropologe Didier Fassin im Vorjahr an der Universität Frankfurt hielt. In den drei Vorlesungen, die dem jetzt erschienenen Buch zugrunde liegen, geht er jeweils von terminologischen Überlegungen in Anknüpfung an Klassiker der Sozialtheorie unter besonderer Berücksichtigung Frankfurter Hausgötter aus, um eine begriffliche Ambivalenz herauszupräparieren, die er in einem zweiten Schritt mit Befunden seiner Feldforschung illustriert – denkbar konkrete Befunde, typischerweise einzelne Fallgeschichten.

          Fühlen sich sofort auch benachteiligt: „White Lives Matter“ forderten die rechten Demonstranten von Charlottesville.

          Fassin, geboren 1955, bekleidet seit 2009 die weltweit wohl luxuriöseste Position, die sein Fach zu bieten hat, den Lehrstuhl von Clifford Geertz am Institute for Advanced Study in Princeton. Seine empirischen Studien führen ihn, der über die Medizin zur gesellschaftlichen Symptomatik und politischen Ätiologie gekommen ist, in Krankenhäuser, Gefängnisse, Hospize, Flüchtlingslager und Elendsquartiere in Frankreich, Afrika und Palästina.

          Auf schwarze Leben kam es nicht an

          Zur Diskussion um „Black Lives Matter“ steuert Fassin eine Notiz aus seinen Feldforschungen zur Polizeiarbeit in den Vorstädten von Paris bei. In diesem Fall handelt es sich um die Bemerkung eines Mitforschers. Der Kollege hatte viele Jahre lang in den Armenvierteln von Großstädten der Vereinigten Staaten gearbeitet. „Als ich ihm erzählte, dass in Frankreich alle Unruhen in den Städten seit den 1980er Jahren eine Reaktion auf den Tod von Jugendlichen aus ethnisch-rassischen Minderheiten und sozialen Schichten mit niedrigem Einkommen gewesen seien, dessen Ursache gewaltsame Zusammenstöße mit den Ermittlungsbeamten waren, scherzte er, dass wenn solche Vorfälle in den Vereinigten Staaten ähnliche Reaktionen hervorrufen würden, das Land ständig im Aufruhr wäre. Der Tod von Afroamerikanern unter solchen Umständen würde im Grunde genommen niemanden kümmern.“ Anders gesagt: Auf schwarze Leben kam es nicht an.

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