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Didier Fassins Anthropologie : Für eine Welt, in der wir gut und gerne leben

Fassin belegt mit der kollegialen Einschätzung, dass der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft vor dem Ereignis von Ferguson ein Bewusstsein dafür fehlte, wie alltäglich für Schwarze das Risiko ist, zum Opfer von Polizeigewalt zu werden. Das lebensweltliche Wissen der Minderheit und das Wissen, an dem sich die Mehrheit orientiert, klafften auseinander. Nicht nur ist das Leben zumal junger schwarzer Männer in anderer Weise gefährdet als das ihrer weißen Altersgenossen, es wird außerdem als Erfahrungsreservoir und Erkenntnisquelle ignoriert. Und diese Missachtung wird als Verdopplung der körperlichen Gewalt erlebt.

Didier Fassin: „Das Leben“. Eine kritische Gebrauchsanweisung. Aus dem Englischen von Christine Pries. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 191 S., geb., 25,– .

Schwarze Leben sind etwas wert. Der absolute Gebrauch des Verbs „to matter“ ist üblich. Aber jedermann weiß, wie der Satz zu ergänzen ist: Schwarze Leben sind genauso viel wert wie weiße. Der Witz der Devise ist nicht die philosophische These der Gleichheit der Menschen ungeachtet der Hautfarbe, die der Abolitionismus des neunzehnten Jahrhunderts noch gegen die Verteidiger der Sklaverei durchsetzen musste. Die wohlmeinenden Liberalen, die noch vor der Appropriation von „White Lives Matter“ durch die Neonazis zu bedenken gaben, weiße Leben seien doch auch etwas wert, verfehlten den Punkt. Erst recht gilt das für die Polizeilobbyisten, die sich die Variation „Blue Lives Matter“ einfallen ließen. Dieser Spruch blendet aus, dass bei Polizisten erstens die Möglichkeit der Lebensgefahr zu den Berufsrisiken zählt und dass ihre Aufgabe zweitens der Schutz des Lebens ist.

Wenn Leben gegen Leben steht

Ein Hauptgedanke Fassins, der 2010 eine Geschichte der „humanitären Vernunft“ vorlegte, ist: Eine dem Leben als Höchstwert verpflichtete Politik manövriert sich in Aporien. Wenn Leben gegen Leben steht, kann scheinbar keine Entscheidung mehr fallen. Betrachtet man freilich wie bei den „blauen Leben“ die tatsächlichen Funktionen und Ansprüche, die in die Waagschalen gelegt werden, so erweisen sich manche Pattsituationen als trügerisch.

Fassins Arbeit am Lebensbegriff steht in der französischen Tradition der Selbstkritik des Universalismus, die in Deutschland meist nur in der ideologischen Zurichtung durch die gealterten „neuen Philosophen“ ankommt. Das Leben, oft als nacktes oder bloßes apostrophiert, wird als natürliches Substrat und Inbegriff des Konkreten gegen die Allgemeinbegriffe einer idealistischen Moral ausgespielt, verwandelt sich aber ebenfalls in eine abstrakte Münze.

Mark Lilla bestreitet nicht, dass die „Black Lives Matter“-Bewegung mit der polizeilichen Misshandlung von Schwarzen ein ernstes Problem zur Sprache gebracht hat. Im Jargon eines Bernard-Henri Lévy redet er von einem Weckruf ans Gewissen. Aber er wirft der Bewegung vor, aus ihrem Monitum eine Anklage gegen die amerikanische Gesellschaft und den Justiz- und Polizeiapparat als ganzen gemacht zu haben. Diese Zurückweisung der Frage nach den allgemeinen Bedingungen von Einzelfällen, die eine fatale Kette bilden, sobald man hinblickt, verträgt sich schlecht mit Lillas Selbstbild als Champion des Universalismus.

Der Skandal, den der Satz „Black Lives Matter“ mit kontrafaktischer Nüchternheit der Verzweiflung auf den Punkt bringt, liegt in der Empirie von Handicaps, die stabil bleiben, auch wenn rassistische Gesinnung sich verflüchtigt: Schwarze Leben sind de facto weniger wert, weil Schwarze in schlechten Wohngegenden konzentriert werden, wo die Schulen ebenso schlecht sind wie die öffentlichen Verkehrsmittel und wo das Polizeirevier auch nicht die besten Nachwuchskräfte anzieht. Alles scheint sich verschworen zu haben, um das Leben missglücken zu lassen. Diesen Schein einer unmenschlichen Totalität nicht zu dementieren, sondern als Bedingungsgeflecht zu analysieren ist die Mission der Anthropologie von Didier Fassin.

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