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Von Bastard bis Zigeuner : Sechs Liebeserklärungen an geschmähte Begriffe

Im 19. Jahrhundert wurde die Hysterie als medizinisches Phänomen erfunden, heute ist es ein schützenswertes Wort: Abbildung aus „La Grande Hysterie“ (1881). Bild: Picture-Alliance

Wörter können verschwinden, verbraucht und vereinnahmt werden. Als Schriftsteller ist man sowieso Rettungsdienst: Die Autorin Olga Martynova hat sechs Dichter gebeten, über Begriffe, die sie bewahren wollen, zu schreiben.

  • -Aktualisiert am
          9 Min.

          Professoren versuchen verzweifelt und vergeblich, den Unterschied zwischen Genus und Sexus zu erklären, der niemanden interessiert. Manchmal denke ich resigniert, dass „Radfahrende“ statt „Radfahrer“ für mich wie der Kühlschrank für unsere Urgroßmütter sind, die meinten, es wäre sowieso absurd, Lebensmittel für länger als einen Tag zu kaufen, die Butter solle frisch sein! Andererseits werden wir uns angesichts der angekündigten Klimakatastrophe womöglich noch gezwungen sehen, Kühlschränke abzuschaffen.

          Sprache ist eines der Umweltmedien und hat auch ihre ökologischen Probleme. Gendersternchen sind Plastikmüll der Sprache, was nicht unbedingt besagt, dass sie schlecht sind. Plastik und Co, an denen jetzt der Planet zu ersticken droht, haben dazu beigetragen, dass viele Menschen eine Lebensqualität erreichen konnten, die davor nur für sehr wenige Auserwählte möglich gewesen war. In einem gewissen Sinn haben sie eine demokratischere Ordnung ermöglicht. Die Lösung vieler Probleme, auch jener der Umwelt oder der Kommunikation, braucht Gespräche – was derzeit ein Defizit ist. Ein Kollege schlägt vor, jeder Autor und jedes Medium dürfe und solle nach eigenem Ermessen schreiben, mit oder ohne „*“, ein anderer lehnt das Angebot ab. Ich würde es annehmen. Wenn auch sprachliche Normen für eine funktionierende Verständigung notwendig sind, gibt es ab und zu Zeiten der diffusen Rechtschreibung, Sprache kann das verkraften. Inzwischen werden die Gendersternchen zum Spaß der Privilegierten, aber auch zunehmend zum Merkmal von Behördendeutsch und erschweren vielen Bürgern vermehrt die Entzifferung der Amtsbriefe.

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