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Longlist des Buchpreises : Interessanter als der Preisträger selbst

Nicht jeder Juror hat jedes Buch gelesen – das verkompliziert die Vergabe des deutschen Buchpreises. Bild: Picture-Alliance

Auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis findet sich viel Bewährtes und bereits jetzt ein haushoher Favorit. Aber ein erstaunliches Werk wurde nicht berücksichtigt.

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          Dass der Deutsche Buchpreis in seinem verflixten dreizehnten Jahr nicht längst zur Routine erstarrt ist, verdankt sich vor allem den jährlich wechselnden Jurys. Die kontinuierliche Neubesetzung bringt angesichts des ansonsten festgezurrten Ablaufs des Procederes aus Nominierungen und Preisverleihung ein unberechenbares Element in die Struktur der Auszeichnung und sorgt dafür, dass sich keine individuellen Präferenzen festsetzen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ob allerdings tatsächlich am Ende der „beste Roman des Jahres“ (deutschsprachig versteht sich) gefunden wird, darf man füglich bezweifeln. Denn ein anderes Kriterium als das nicht verallgemeinerbare Geschmacksurteil gibt es dafür am Ende nicht, und die Dynamik einer Jury hängt dann trotz großer Besetzung doch wieder an den Einzelpersönlichkeiten. Dass zudem sieben Juroren sich nicht nur untereinander mehrheitlich einig werden, sondern mit dem Resultat auch noch dem Urteil der zahllosen Leser entsprechen sollen, ist denkbar unwahrscheinlich. Daraus resultiert der gelegentliche Frust über die Entscheidungen beim Deutschen Buchpreis.

          Deshalb sind die vorherigen Listen, die heute bekanntgegebene  lange mit zwanzig Titeln und die in vier Wochen folgende kürzere mit den daraus gewählten sechs Finalisten, meist interessanter als der Preisträger selbst, der am 9. Oktober, dem Montag der Buchmessenwoche, verkündet wird. Denn unter zwanzig Titeln lassen sich Tendenzen erkennen: für die Arbeit der Jury, aber auch für die literarische Qualität der Belletristik im Jahr 2017. Folgende Bücher sind, sortiert in alphabetischer Reihenfolge nach den Namen der der Autoren, auf die diesjährige Longlist gekommen: Mirko Bonnés „Lichter als der Tag“ (Schöffling Verlag), Gerhard Falkners „Romeo oder Julia“ (Berlin Verlag), Franzobels „Floß der Medusa“ (Zsolnay),  Monika Helfers „Schau mich an, wenn ich mir dir rede“ (Jung & Jung), Christoph Höhtkers „Das Jahr der Frauen“ (Weissbooks), Thomas Lehrs „Schlafende Sonne“ (Hanser),  Jonas Lüschers „Kraft“ (C.H. Beck), Robert Menasses „Die Hauptstadt“ (Suhrkamp), Birgit Müller-Wielands „Flugschnee“ (Otto Müller), Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“ (Matthes & Seitz), Marion Poschmanns „Die Kieferninseln“ (Suhrkamp), Kerstin Preiwuß‘  „Nach Onkalo“ (Berlin Verlag), Robert Prossers „Phantom (Ullstein), Sven Regeners „Wiener Straße“ (Galiani), Sasha Marianna Salzmanns „Außer sich“ (Suhrkamp), Ingo Schulzes „Peter Holtz“ (S. Fischer), Michael Wildenhains „Das Singen der Sirenen“ (Klett-Cotta), Julia Wolfs „Walter Nowak bleibt liegen“ (Frankfurter Verlagsanstalt), Christine Wunickes „Katie“ (Berenberg) und Feridun Zaimoglus „Evangelio“ (Kiepenheuer & Witsch).

          Gibt es darunter Überraschungen? Natürlich, aber nicht viele. Die größte wäre gewesen, wenn der haushohe Favorit dieses Jahres, Ingo Schulzes „Peter Holtz“ nicht vertreten gewesen wäre. Andere Entscheidungen gehören schon zur Preisfolklore: Von Jung & Jung zum Beispiel ist immer ein Buch vertreten, deshalb überrascht Monika Helfer nicht. Christine Wunnicke war schon mit ihrem Vorgängerbuch auf der Longlist, Julia Wolf wurde von der Kritik hochgelobt, Sasha Marianna Salzmann gerade erst preisgekrönt.  Überraschen können vor allem  die Bücher von Jakob Nolte, Birgit Müller-Wieland und Christoph Höhtker. Suhrkamp hat gleich drei Nominierungen erhalten, der Berlin Verlag zwei; sonst ist kein Haus mit mehr als einer Nominierung vertreten. Mit Sven Regener, Feridun Zaimoglu und Robert Menasse sind gleichermaßen bekannte wie erfolgreiche Autoren vertreten, das immer wieder gern erwähnte Verhältnis zwischen Männern und Frauen auf der Longlist beträgt diesmal dreizehn zu sieben, fast eine Zweidrittelmehrheit für die Männer.

          Dass mit Barbara Zoekes Roman „Die Stunde der Spezialisten“ ein erstaunliches Werk nicht berücksichtigt wurde, ist bedauerlich, aber angesichts der Eigendynamik der Juryarbeit beim Buchpreis auch erklärlich. 174 Romane waren diesmal eingereicht, zusätzlich wurden 26 von der Jury nachnominiert. Kein Juror wird alle gelesen haben, die schwierigste Hürde ist die Beurteilung durch denjenigen in der Jury, dem ein bestimmter Titel zugeteilt wurde. Wird da der Daumen gesenkt, braucht es schon die Bereitschaft eines anderen Jurymitglieds, für das betreffende Buch zu kämpfen. Und dafür müsste es neben dem riesigen eigenen Kontingent ja erst einmal gelesen worden sein. Da haben die Bücher bereits bekannter Autoren oder aus den Programmen der literarischen Traditionsverlage bessere Chancen als eine unbekannte Schriftstellerin, deren Roman bei der Anderen Bibliothek erscheint.

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