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Shortlist Deutscher Buchpreis : Die hoffnungsfrohen Sechs: Überraschungsarm, aber konsequent

Da waren es nur noch sechs: die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2022 Bild: vntr.media

Etabliertes ist diesmal Trumpf, das wird den Filialbuchhandel freuen: Die sechs Finalisten um die kommerziell wichtigste deutschsprachige Literaturauszeichnung stehen fest. Überraschungen sind weitgehend ausgeblieben.

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          Die Würfel sind gefallen beim Deutschen Buchpreis, aus zwanzig Büchern sind sechs geworden, die Longlist mutiert zur Shortlist, und was es noch an Überraschungen gegeben hatte, das ist nun weg. Die sechs Finalisten um die kommerziell wichtigste Literaturauszeichnung der deutschsprachigen Literatur (und laut Selbstverständnis des Preises für den besten Roman des Jahres) lauten in alphabetischer Autorenreihenfolge: „Dschinns“ von Fatma Aydemir, „Nebenan“ von Kristine Bilkau, „Lügen über meine Mutter“ von Daniela Dröscher, „Trottel“ von Jan Faktor, „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon und „Spitzweg“ von Eckhart Nickel.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Damit bestätigt die siebenköpfige Jury ihre Liebe zum Etablierten: Alle sechs Bücher sind in großen Literaturverlagen erschienen: Hanser, Luchterhand, Kiepenheuer & Witsch (gleich zweimal mit Dröschers und Faktors Romanen), DuMont und Piper. Nicht mehr dabei, obwohl auf der Longlist noch doppelt vertreten, sind Suhrkamp, S. Fischer und Rowohlt. Auch ausgeschieden – die einzige Überraschung – ist die Mitfavoritin Theresia Enzensberger. Leider gar nicht überraschend: Die ohnehin diesmal wenigen Entdeckungen aus Kleinverlagen sind nun alle eliminiert worden: Dabei befand sich unter Carl-Christian Elzes „Freudenberg“ (Edition Azur“), Gabriele Riedles „In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.“ (Andere Bibliothek) und Slata Roschals „153 Formen des Nichtstuns“ (Homunculus) durchaus ernsthaftes Preismaterial. Immerhin sind die Bücher der Longlist dem Vernehmen nach gut verkauft worden; das war in jüngeren Jahren nicht immer so.

          Der Deutsche Buchpreis hat ja vor allem eine raison d’être: die Belebung des Handels. Natürlich ist das zu begrüßen. Und da in den Pandemiezeiten vor allem der Filialbuchhandel gelitten hat, der seinen Umsatz eher der Massenware verdankt, ist eine populäre Auswahl beim Deutschen Buchpreis konsequent. Und es ist ja auch nicht so, als ob Kim de l‘Horizons identitätspolitisch vielfach aufgeladener Roman „Blutbuch“ oder Jan Faktors sowohl zeithistorisch als auch psychologisch hochinteressanter „Trottel“ eingängige Bücher wären. Sie sind die klaren Favoriten, wobei man nach Überstehen dieser zweiten Auswahlrunde wohl auch noch Fatma Aydemirs Roman über eine türkischstämmige deutsche Familie dazurechnen muss. So wenig originell die Thematik angesichts einer Flut von thematisch ähnlichen Büchern aus den letzten Jahren ist, so zuverlässig verfängt doch das multiperspektivische Erzählen und die Fokussierung der Handlung auf den Tod eines Familienpatriarchen, der in der Fremde nie sein eigener Herr geworden war.

          Mit Kristine Bilkau und Daniela Dröscher treten zwei Autorinnen nun ins hellste Rampenlicht, die schon seit Jahren vom Publikum geliebt und Teilen der Kritik hoch gehandelt, aber doch selten zur ersten Garde der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gerechnet wurden. Bilkau ist die skrupulösere, auch intimere Schriftstellerin von beiden; sie hatte zuvor erst zwei Romane in großen Abständen veröffentlicht. Dröscher dagegen stieg 2009 mit dem überbordenden Roman „Die Lichter des George Psalmanazar“ ein und wurde dann immer konzentrierter – bis hin zu ihrem gesellschaftspolitisch anklagenden autobiographischen Buch „Zeige deine Klasse“. Dessen Ton hat „Lügen über meine Mutter“ bewahrt, und der Verlagswechsel von Hoffmann & Campe zu Kiepenheuer & Witsch hat sich nun für beide Seiten ausgezahlt.

          Und Eckhart Nickels „Spitzweg“? Wer eine Romanbiographie erwartet, liegt falsch. Das Buch spielt in der Gegenwart – und es spielt mit der Fehlwahrnehmung der Bilder von Carl Spitzweg als liebenswert-skurrile Genremotive. Wie Spitzwegs Kunst ist dieser Roman tiefironisch und (kultur-)politisch engagiert. Er ist in Sprache und Mitteln der klassischste Text auf der Shortlist. Das wird ihm die Sache leider schwer machen. Entschieden über das Gewinnerbuch wird am Montagabend des 17. Oktobers im Frankfurter Römer. Dann fällt nur noch ein Würfel – wie es sich gehört mit sechs Optionen.

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