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Energiewende im Roman : Literatur unter Strom

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Die literarische Energiewende Bild: dpa

Energie ist eine Sache kultureller Ausdrucksformen und Bewegung. Das schlägt sich seit bald vierzig Jahren in deutschen Romanen nieder, die auf unterschiedliche Weisen das behandeln, was wir heute Energiewende nennen. Ein Gastbeitrag.

          Baden-Württemberg um das Jahr 1980, die Gegend östlich von Tübingen: Reutlingen, Metzingen, Eningen, die Schwäbische Alb. Georg Landerer ist ein Mann gerade jenseits seiner besten Jahre und übt den aussterbenden Beruf des Schriftsetzers aus. Dem Trübsinn verfallen, gibt er das Handwerk auf, verlässt Frau und Familie (die Kinder sind erwachsen). Das Land aber verlässt er nicht, obwohl ihm auch die damalige Bundesrepublik gehörig Frustration einflößt: „Plötzlich stimmte nichts mehr. Die Arbeit verlor ihren Sinn. Jedes Gespräch verletzte mich, bevor es geführt wurde... Die Nachrichten im Fernsehen bestätigten mir meinen Zustand.“

          Peter Härtlings Roman „Das Windrad“, in dem Georg Landerer Hauptfigur ist, folgt der Depression und der biographischen Desorientierung seines Protagonisten durch die herbsttrüben Orte und über die Regenhänge der Schwäbischen Alb. Auflockerung, den neuen Luftzug verschafft erst ein zweiter Akteur: der Bildhauer Kannabich, eine federnde, mitunter manische Figur, mit der Härtlings Erzählung in den Lauf der jungen Energiewende einbiegt. Denn der Künstler plant ein Windrad auf den Hängen der Alb zu errichten, ein Windrad, „das, ganz gleich, wie viel Strom es erzeugen werde, ein großes Kunstwerk sei“. Es ist die Figur des bildenden Künstlers, mit der das Thema der erneuerbaren Energien vor nunmehr 35 Jahren in die deutsche Literaturgeschichte eingeführt worden ist. Noch war sie zur Hälfte ein Kunstprojekt: die „Energiewende“.

          Eine Sache kultureller Ausdrucksformen

          Auch diese Bezeichnung ist eine Schöpfung aus dem Südwesten der Republik. 1980 veröffentlicht ein interdisziplinäres Autorentrio des Öko-Instituts Freiburg, Florentin Krause, Hartmut Bossel und Karl-Friedrich Müller-Reissmann, einen Bericht mit dem Titel „Energie-Wende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“. Dieses historische Dokument, ein kleinformatiger Band in leuchtendem Orange, ist wie Härtlings Roman Zeugnis einer ökologischen und energietechnischen Gegenkultur, die aus den Anti-Atomkraft-Kundgebungen und der Umweltbewegung hervorging. Die frühesten ästhetischen Zeugnisse der neuen Energien müsste man wohl in den Protestzügen und auf den Demo-Plätzen dieser Zeit suchen: etwa in der Plakatkunst oder im Liedgut.

          Auch Härtlings Buch führt in diese Sphäre: Das Windenergieprojekt wird obrigkeitlich verboten, die Polizei marschiert bereits auf, während Kannabich in luftiger Höhe am Windradturm schweißt und sich an dessen Fuß eine demonstrierende Menschenmenge für die Fortsetzung des Baus einsetzt. Durch ein so seltsames Verb wie „schunkeln“ gelingt es dem Text, deren enormen Emotionalisierungsgrad zu bestimmen: Die „Menschenketten begannen sich hin und her zu bewegen, zu schunkeln, Ornamente zu bilden, wie nach einer unhörbaren Musik... einige fingen an zu singen, sangen erst gegeneinander, dann miteinander.“

          Diese Windrad-Performance spürt intensiv den symbolischen Kräften nach, die sich mit den neuen Energien verbreiten mussten, und legt zugleich offen, dass Energie eine Sache kultureller Ausdrucksformen und Bewegung ist. Die Literatur ist deren Seismograph, sie macht seit fast vier Jahrzehnten den kulturellen und affektiven Begleitstrom sichtbar, der die Energiewende umspielt und bis in die Gegenwart reicht: in unsere Besorgnis um das Klima, in den ökologischen Projektgeist oder, vitaler denn je, in die Protestkultur, die sich 2018 vor allem auf und unter alten Bäumen zeigte.

          Die Jahre der großen Proteste

          Dem bundesrepublikanischen Zeitgeist und den Energieprotesten um 1980 widmet sich auch ein viel jüngerer Roman. Nicol Ljubic entwickelte 2017 in „Ein Mensch brennt“ eine Retrospektive auf den grünen Widerstand in seiner radikalsten Form und begab sich dafür abermals in den Südwesten der Republik. Sein Roman folgt der Geschichte von Hartmut Gründler, einem Tübinger Lehrer und Umweltaktivisten, der sich im November 1977 aus Protest gegen die Atompolitik der damaligen SPD-Regierung selbst verbrannt hat. Präzise und geduldig wird ein ethisches Paradox entfaltet: Ljubic zeigt, wie sich eine durch und durch philanthropische Idee verhärtet und zum Quell schneidender Tristesse wird.

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