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Energiewende im Roman : Literatur unter Strom

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Anders der Rückblick von Monika Maron, die, nachdem sie sich bereits 1980 im Roman „Flugasche“ mit der giftigen Kohlekraft unter DDR-Bedingungen auseinandergesetzt hatte, im Jahr 2010 den literarischen Bericht „Bitterfelder Bogen“ veröffentlichte. Darin erzählt sie vom Aufstieg des Solar-Unternehmens Q-Cells, das, so die damalige Vision, im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld die Bildung eines solar valley einleiten sollte. Die Sympathiefigur des Textes ist der früh verstorbene Q-Cells-Gründer Rainer Lemoine. Auf einigen schönen Seiten beleuchtet Maron dessen Zeit als Energiepionier Anfang der achtziger Jahre.

Ausgesehen habe Lemoine wie John Lennon, er studierte an der TU Berlin und gründete mit Gleichgesinnten das Ingenieurskollektiv Wuseltronik, das einen Gewerbekomplex in Kreuzberg besetzt hielt und mit energietechnischen Erfindungen beschäftigt war. Wuseltronik stand für Wind- und Sonnenelektronik: „Es waren die Jahre der großen Proteste, der Teach-ins, Sit-ins, der Demos und der Hausbesetzer. Lemoine und seine Freunde, nicht nur Atomkraftgegner, sondern eben auch Ingenieure, fanden, es genüge nicht, immer nur dagegen zu sein; man müsse auch etwas tun. Der Name Wuseltronik bezeugt beides, die chaotisch-fröhliche Atmosphäre dieser Jahre und das ernsthafte Vorhaben.“ So Monika Maron.

Mehr als fünftausend Beiträge im „Techniktagebuch“

Während in den späten Achtzigern und unter dem Eindruck von Tschernobyl (April 1986) noch einige zentrale Texte, etwa von Christa Wolf oder Gabriele Wohmann, erscheinen, wird es danach literarisch ruhiger um Energie- und Umweltthemen. Zu den Gründen dafür zählen zwei Großereignisse: Zum einen band die Wiedervereinigung die literarischen Kapazitäten, zum andern faszinierten die Innovationen eines anderen technischen Bereichs: Die Literatur entdeckte das digitale Leben. Sie blieb, wie die Popliteratur zeigt, technikaffin, vollzog aber die Ankunft im Informationszeitalter.

Als eine Art Kulminationspunkt dieser Entwicklung kann das von Kathrin Passig 2014 begründete und seitdem betreute „Techniktagebuch“ angesehen werden. Es dauert eine Weile, bis man den monumentalen Charakter dieser Online-Chronik umrissen hat. Man blickt dann auf ein beeindruckendes Zeugnis des Lebens mit digitalen Artefakten: Das Techniktagebuch umfasst gegenwärtig mehr als siebentausend Seiten, die mit mehr als fünftausend Beiträgen von rund vierhundert Autoren und Autorinnen gefüllt wurden. Auf die Frage hin, welche Arten von Energie und Strom durch die erwähnten Gerätschaften fließt, fördert die Suchfunktion eher kleine Textmengen zutage.

Die Narrative der Energie entstehen in den Jahren um 2010 eher auf Seiten der Politik. Nach den langwierigen Diskussionen und Volten in Sachen Atomausstieg wird in Folge der Katastrophe von Fukushima am 11. März 2011 jene Energiewende beschlossen, die wir heute erleben und die, trotz allen weiteren Diskussionen, breiten gesellschaftlichen Konsens erfährt. Der Umstieg auf erneuerbare Energien wird in den Jahren nach 2011 mit der Geste historischer Herausforderung vorgebracht. So etwa von Peter Altmaier, dem damaligen Bundesumweltminister: Er setzte die deutsche Energiewende mit der amerikanischen Mondlandung gleich. Sein Bundesumweltministerium entwarf ein globales Ethos: Die Energiewende „beinhaltet die einmalige Chance, der Welt ein Beispiel zu geben, wie Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit in einer führenden Industrienation vereinbart werden können.“

Dorfroman „Niemand ist bei den Kälbern“

Reichen diese politischen Energien bis in die literarischen Texte? Die Literatur griff das Thema erst wieder auf, als das Pathos bereits verflogen war, und findet seitdem ganz eigene Wege. Anstatt sich Zukunftsprojekten und den Herausforderungen der Geschichte zuzuwenden, verlegt sie sich geradezu darauf, ins Abgelegene zu blicken. Dabei kommt sie der Windkraft auf die Spur. Dezentralität könnte das Stichwort lauten, das man den neuen Energiesystemen und der Topographie der literarischen Entwürfe gleichermaßen anheften kann. Das Erzählen unternimmt also einen Gang in die Fläche und entspinnt sich auf den Flecken der Provinz.

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