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Deutsche Akademie in Sarajevo : Blutstropfen am Rande Europas

Saudi-arabischer Kulturexporteur

Die Akademie vergibt also nicht nur den Friedrich-Gundolf-Preis an den Germanisten László Márton und den Johann-Heinrich-Voß-Preis an die Übersetzerin Renate Schmidgall, sie denkt nicht nur mit Anne Bohnenkamp und Dževad Karahasan über Goethes „Divan“ und seine Vorstellungen von Weltpoesie nach, und sie lauscht nicht nur den Gedichten von berühmten bosnischen Lyrikern wie Faruk Śehic, Mile Stojić oder Tanja Stupar-Trifunović. Sie lässt sich unter anderem auch berichten, wie die Türkei, Russland, Saudi-Arabien versuchen, ihren Einfluss im Land zu vergrößern und als Schutzmächte zu agieren.

Srđan Šušnica, ein Kulturwissenschaftler aus dem nordbosnischen Banja Luka, schildert, wie die Russen die Polizeikräfte in der serbisch dominierten Teilrepublik, der Republica Srpska, systematisch aufrüsten. Sebastian Sons, Islam- und Politikwissenschaftler aus Berlin, berichtet von den saudi-arabischen Anstrengungen, im Gewand des Kulturexporteurs eine machtpolitische Rolle in der Region zu spielen. Hajrudin Somun, Journalist und ehemaliger bosnischer Botschafter, beschreibt, dass Erdogan die muslimische Bevölkerung im Land mit seinem Referendum genauso gespalten hat wie in der Türkei.

Chiffre zerstörter Hoffnungen

Der russische Schriftsteller Sergej Lebedew verweist auf den Krieg in der Ukraine und warnt eindringlich vor Putins Machthunger. Russland lebe seit Jahrzehnten ununterbrochen mit Regional- und Stellvertreterkriegen, die gesamten Strukturen seien auf Krieg ausgerichtet, und in der Ukraine könne man genau studieren, was eine relativ kleine Gruppe ausrichten könne, wenn eine Großmacht sie mit ihrer Logistik unterstütze. Und was tut Europa auf dem Balkan, was tut es für den Balkan?

Europa, so die Münchner Historikerin Marie-Janine Calic, habe zur Zeit drängendere Sorgen. Außerdem habe Bosnien, wenn man die Wirtschaftsdaten und andere „harten Fakten“ betrachte, ohnehin keine ernstzunehmende Alternative zu einem EU-Beitritt. „Europa wird längst zerfallen sein, bevor wir beitreten können“, spottet der Religionssoziologe Dino Abazović. Aber es ist gar kein Spott, sondern tiefe Überzeugung. Enttäuschung, Hohn, bitterster Sarkasmus sind in vielen Gesprächen deutlich zu spüren. Oft klingt es, als sei die Europäische Union zur Chiffre zerstörter Hoffnungen geworden.

Dysfunktionales Staatsgebilde

Die einen sehen die Instrumentalisierung der Religion zu nationalistischen Zwecken als Wurzel allen Nachkriegsübels, die anderen verdammen vor allem das Friedensabkommen von Dayton, das ein dysfunktionales Staatsgebilde geschaffen habe, ein „typisches westliches Produkt“. Der Westen habe Bosnien-Herzegowina in eine Zwangsjacke gesteckt, sagt Hajrudin Somun, und sehe seitdem dabei zu, wie Russland und die Türkei das Land unter sich aufteilten. Dayton, sagt Dževad Karahasan, sei sogar noch schlimmer als der Krieg.

Am vierten Tag, als der Schnee fällt und bevor es auf den Trebević geht, berichten Edin Konjhodžić und Azra Malagić, wie der Krieg ihr Leben für immer verändert hat. Sie war dreizehn, er siebzehn, als die ersten Granaten einschlugen. Beide wurden im Verlauf der Belagerung nach Deutschland gebracht. Als sie zurückkamen, gab es die Stadt, die sie verlassen hatten, nicht mehr. Er habe das Gefühl verloren, sagt Edin, dass Sarajevo, die Stadt, in der er geboren wurde, seine Heimat sei und es je wieder sein könne. Aber gewonnen habe er die Überzeugung, dass er seine Heimat auch woanders finden könne: „an einem Ort irgendwo in Europa“. Am nächsten Tag ging die Akademie durch’s Gebirg.

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