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Deutsche Akademie in Sarajevo : Blutstropfen am Rande Europas

Die „Rosen von Sarajevo“: Wo immer ein Mensch auf der Straße getötet wurde, erinnern Narben im Asphalt an ihn.
Die „Rosen von Sarajevo“: Wo immer ein Mensch auf der Straße getötet wurde, erinnern Narben im Asphalt an ihn. : Bild: Christoph Borgans

Am ersten Tag zitiert Heinrich Detering, der umsichtige Präsident der Akademie, Ernst Jünger: „Schon wieder Sarajevo“, notierte Jünger in seinem Tagebuch, als 1992 der Bosnienkrieg ausbrach und die Stadt von serbischen Truppen eingeschlossen wurde. Keine andere Stadt wurde im zwanzigsten Jahrhundert länger belagert als Sarajevo, das zuvor jahrhundertelang ein Beispiel dafür gegeben hatte, wie verschiedene Konfessionen und Nationalitäten friedlich zusammenleben können. An jedem der 1425 Tage der Belagerung schlugen im Durchschnitt 329 Granaten in der Stadt ein, abgefeuert von serbischen Artilleriestellungen auf dem Tribević und den umliegenden Hügeln. Allein am 22. Juli 1993 wurde Sarajevo von 3777 Granaten getroffen. Mehr als elftausend Einwohner verloren ihr Leben, darunter etwa 1600 Kinder.

Narben im Asphalt

Wo immer damals ein Mensch auf der Straße getötet wurde, erinnern heute Narben im Asphalt an ihn. Sie wurden mit rotem Harz ausgegossen und als „Rosen von Sarajevo“ bezeichnet. Ein Vierteljahrhundert nach Kriegsbeginn scheint das Harz verblichen. Achtlos geht man an ihnen vorbei, der Staub der Straßen macht sie fast unsichtbar. Am vierten Tag fällt Schnee. Als er schmilzt, sehen die „Rosen von Sarajevo“ aus, als seien sie mit frischem Blut getränkt.

Fünf Tage lang ist die Akademie in Sarajevo. „Willkommen in Sarajevo, willkommen in einem Land, in dem die Gesetze der Logik keine Gültigkeit besitzen“, sagt Senad Pećanin zur Begrüßung. Man sitzt im Tagungsraum des Bošnjački Instituts, einem ehemaligen Hamam aus osmanischer Zeit. Erbaut wurde es von Gazi Husrev Beg im frühen sechzehnten Jahrhundert. Damals herrschten die Osmanen über ein Weltreich, in dem Bosnien einen Sonderstatus genoss. Heute ist das Land, wie Pećanin sagt, ein Staatsgebilde mit zwei Entitäten, drei Regierungen, vierzehn Verfassungen, 183 Ministerien, 85 politischen Parteien, fünfzig Veteranenvereinigungen, 3,5 Millionen Einwohnern, 550.000 Arbeitslosen, 630.000 Rentnern und 450.000 Binnenvertriebenen.

Desinteresse Europas

Bosnien-Herzegowina, wie es nach dem Friedensabkommen von Dayton (1996) entstanden ist, leidet unter einem Regierungssystem, das als das wohl komplizierteste der Welt gilt. Es leidet unter korrupten Politikern, unter geistlichen Autoritäten, die sich dem Nationalismus verschrieben haben und unter der anhaltenden Bedrohung durch den serbischen Nachbarn und pro-serbische Kräfte im eigenen Land. Es leidet unter Armut und Arbeitslosigkeit, an den nicht heilen wollenden Wunden, die der Krieg schlug, und an dem tiefen Graben, der immer noch die in der Stadt Gebliebenen von jenen trennt, die sie während des Krieges verlassen haben. Und es leidet am Desinteresse Europas.

Später Schnee über Sarajevo: Türkei, Russland, Saudi-Arabien teilen das Land längst unter sich auf – und Europa hat dringendere Probleme.
Später Schnee über Sarajevo: Türkei, Russland, Saudi-Arabien teilen das Land längst unter sich auf – und Europa hat dringendere Probleme. : Bild: EPA

Pećanin, ein großer und schwerer Mann von brachialer Ironie, lebt als Jurist und Publizist in Sarajevo. Jetzt moderiert er eine Diskussionsrunde, die von der Akademie zusammen mit einigen Partnerinstitutionen organisiert wurde. Auf Einladung der S. Fischer Stiftung, der Allianz-Kulturstiftung, des Goethe-Instituts und des Übersetzerprogramms Traduki gehen Historiker, Publizisten und Soziologen der Frage nach, was Europa angesichts wieder aufkommender nationalistischer Gedanken vom Beispiel Sarajevos lernen könne – wenn Europa denn noch lernfähig sei.

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