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Israelische Literaturtage : Eine Art Ernährung

Die britische Autorin Priya Basil Bild: Heike Steinweg

Ob Populismus, Nahost-Konflikt oder Brexit: Die aktuelle Politik prägt auch die deutsch-israelischen Literaturtage, so etwa bei der Schriftstellerin Priya Basil.

          3 Min.

          Wieder einmal geht es um Populismus. Und wo es Populismus gibt, sind die Polarisierungen nicht weit: Polarisierungen des Volkes, der Gesellschaft, des Denkens, Polarisierungen hier und dort und überall, hierzulande, so sagt man, besonders akut im Osten, wo sich die Rechtspopulisten in Gestalt der AfD großer Beliebtheit erfreuten und ihre Anhänger die Linkspopulisten von ihrem Platz verdrängten. Überdruss am Schwadronieren über diesen allgegenwärtigen Populismus, unter dem sich allzu oft jeder etwas anderes vorstellt, stellt sich erstaunlicherweise selbst dort nicht ein, wo es noch so viel mehr zu ergründen gäbe: in der Literatur – oder vielmehr dem Sprechen über Literatur.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          „Lauter, immer lauter?“, fragen denn auch folgerichtig die diesjährigen Deutsch-Israelischen Literaturtage, die von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Goethe-Institut ausgerichtet, am Mittwochabend in Berlin eröffnet wurden und am 8. September von 12 Uhr an im Gebäude der Böll-Stiftung fortgesetzt werden. Man dürfe das Lautsein nicht nur den anderen überlassen, sagte Ellen Ueberschär von der Böll-Stiftung. „Wir müssen auch laut sein, um für Demokratie und die Veränderbarkeit der Verhältnisse zum Besseren einzustehen.“ Was ebenso zeitgemäß wie nichtssagend klang, wurde konkret, als die britisch-indische Schriftstellerin Priya Basil und der israelische Autor Sami Berdugo den „kritischen Denkraum“, den der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann der Literatur im Allgemeinen zuwies, mit Leben füllten.

          Sie sei verzweifelt und verunsichert, erzählte Basil, wenn sie an ihrige einstige Heimat Großbritannien denke, wo Populisten wie Boris Johnson die Macht übernommen hätten. Die Sprache sei durch deren Vorherrschaft vergiftet. Im Namen der Demokratie höhlten sie diese von innen aus. Was aber kann Literatur dagegen tun, wenn Kultur, wie Lehmann warnte, „in den Dienst der nationalen Erzählung gestellt“ wird? Für Basil ist sie eine Zuflucht und ein Zuhause: „In der Literatur hat man einen Ort, an dem man wieder zur Ruhe kommen kann.“ Das Schreiben und Lesen sei wie eine Art Ernährung.

          Wer auf Hebräisch schreibt, muss politisch werden

          Ruhe findet Sami Berdugo, als Sohn marokkanischer Einwanderer in Israel geboren, auch in der Literatur nicht – nicht in einem Land, das keinen Frieden kennt, tief verbunden mit dem Judentum, das die Erfahrung der jahrhundertelangen Verfolgung nicht abstreifen kann. Literatur ist für ihn unausweichlich politisch. Wer auf Hebräisch schreibe, habe keine andere Wahl, als in seinen Texten Israel zu spiegeln – eine Gesellschaft, die zutiefst zerklüftet sei. Die Herrschenden des heutigen Populismus weichten die Grenzen zum Volk auf. Sie gäben vor, selbst das Volk zu sein. Sie eigneten sich die Sprache des Volkes an, eine Alltagssprache, die eine Gleichwertigkeit zum „einfachen Mann“ suggeriere, die in Wahrheit nicht bestehe. Im Erkennen dieser Manipulation, des populistischen Eindringens in unsere Sprache, sieht Berdugo aber zugleich die Chance und Kraft der Schriftsteller. Literatur könne diese Dissonanzen sehr schnell identifizieren – und sich von ihnen abheben: „Wir müssen die Populisten aus unserem Sprachkreis ausklammern und auch aus unserem Lebenskreis.“

          Wie aber kann das gelingen? Wie kann eine Gesellschaft, die in einer Epoche grundlegender Umbrüche und Krisen lebt, sich der schönen Vorstellung einer „bedingungslosen Gastfreundschaft“ annähern, die Brasil vorschwebte? Ihr Ideal des Zusammenlebens entnahm sie einer Wendung von Jacques Derrida: „Der andere ist immer schon da.“ Was aber passiert mit diesem Gedanken, wenn er mit einer Realität konfrontiert wird, in der „das andere“ nicht Neugier auslöst, sondern nur noch Angst und Wut?

          Fragen, die an diesem Abend nicht nur unbeantwortet blieben, sondern trotz der umsichtigen Moderation von Shelly Kupferberg gar nicht gestellt wurden. Für die Gestaltung des Gesprächs war das durchaus symptomatisch. Beide Autoren hatten viel zu sagen. Die bekenntnishaft politisch korrekte Einrahmung der Veranstaltung hätte nicht not getan, um auf den Ernst der politischen Weltlage aufmerksam zu machen. Wer immer wieder beteuern muss, auf der richtigen Seite zu stehen und in jedem Fall gegen „die Populisten“ zu sein, deren Bedeutung auch nach dem zwei Stunden langen Gespräch wolkig blieb, verwirkt genau das, wofür er unumwunden wirbt: das begründete Vertrauen in die Demokratie, die stark genug ist, Meinungsdifferenzen auszuhalten – und der es gut täte, wenn sich jemand einmal die Mühe machte, diese Differenzen detailliert zu entziffern, anstatt es bei einer kategorischen Ablehnung der für falsch befunden Seite zu belassen.

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