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Suhrkamps neues Domizil : Ein Haus, aber keine Adresse

Linien- statt Lindenstraße: Das ist zwar nur ein Buchstabe, macht aber einen enormen Unterschied. Bild: Andreas Rost

Der Suhrkamp Verlag hat in Berlin nun zwar ein Haus, aber keine Adresse, weil er an drei Straßen gleichzeitig liegt und die Behörde sich nicht entscheiden kann. Das ist fast ein bisschen metaphorisch.

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          Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt: Vor fünfzig Jahren bezieht der Suhrkamp Verlag das Haus Lindenstraße Nummer 29–35 im Frankfurter Westend. Längst ist es Opfer einer durch Investoren befeuerten Nachverdichtung geworden. 2010 zieht der Verlag nach Berlin, zur Miete in die Pappelallee. Neun Jahre später wird das neue, eigene Verlagsgebäude an der – ja, welche nimmt man jetzt? – Straße fertig.

          Das Haus ist von drei Straßen umgürtet, von der Torstraße, der Rosa-Luxemburg-Straße und von der Linienstraße. Da eine neue Heimat eine Anschrift haben muss, entscheidet sich der Verlag für die Linienstraße 34. Das hätte man früher im Gewerbe eine „Setzung“ genannt, denn tatsächlich hat der Verlag, wie uns Suhrkamp-Unternehmenssprecherin Tanja Postpischil auf Anfrage bestätigt, „bis heute keine verbindliche Adresse“. Wie das?

          Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit

          Das Bezirksamt Berlin behalte sich vor, Gebäude und Grund zu begehen, wenn alles, also auch die Außenanlagen, fertiggestellt sei. Erschwerend kommt hinzu, dass es „unterschiedliche Auffassungen über eine sinnvolle Adressvergabe“ gibt. Der Verlag hätte gerne die Adresse der Straße, an der sich der Eingang des Gebäudes befindet, eben an der Linienstraße. Die zunächst von der Behörde zugewiesene Anschrift Torstraße empfindet man bei Suhrkamp als wenig sinnvoll, da man von jener aus nicht ins Haus gelangen kann.

          Mit sanftem Schaudern wendet man sich ab von den Kapriolen des Berliner Amtsschimmels. Immerhin eine Konstante ist geblieben – die frühere Villa des Verlegers Siegfried Unseld an der Frankfurter Klettenbergstraße. Dort ist bislang alles so geblieben, wie es war, als der Patron noch lebte. Das Mobiliar, die Vorhänge, die Bücher, die Blumen, die Warhols an den Wänden, das Sofa, auf dem Marcel Reich-Ranicki gewohnheitsmäßig Platz nahm – nur dass heute dort Martin Lüdke sitzt. Beim traditionellen Kritikerempfang während der Buchmesse las in diesem Jahr Lutz Seiler einen Auszug aus seinem neuen Roman, der von einer DDR-Fluchtgeschichte handelt. Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit. Das fügt sich nahtlos in die anhaltende Debatte, ob Peter Handke, Autor des auf seine amtliche Anschrift wartenden Suhrkamp-Verlags, den Nobelpreis verdient hat.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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