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Holocaust-Zeugnis-Literatur : Erinnerung am Ende der Zeitzeugenschaft

Darf es nach Auschwitz noch Gedichte geben? Ein Blick auf das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau aus diesem Jahr. Bild: EPA

Das kommt zur richtigen Zeit: Ein Sammelband hebt zwanzig Schätze der Holocaustliteratur. Darin wird auch die alte Frage neu aufgeworfen, wie Schreiben nach und über Auschwitz möglich ist.

          „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“, schrieb der Romanist Victor Klemperer in sein Tagebuch, das ihn lange nach seinem Tod berühmt machen sollte. Fünfzig Jahre seit Ende des Zweiten Weltkrieges vergingen, ehe seine Aufzeichnungen im Aufbau-Verlag veröffentlicht wurden – fünfzig Jahre, in denen um die von Adorno so beschriebene „Aufarbeitung der Vergangenheit“ gerungen, über Schuld und Verbrechen gestritten und geschwiegen wurde.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Wie ist ein Sprechen über Auschwitz möglich? Was ist die richtige Sprache? Gibt es eine falsche? „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, schrieb Adorno 1949 und löste damit eine Debatte aus, die bis heute nicht eindeutig entschieden ist. Hinterfragt wird mit diesem Diktum, dass es nach Auschwitz noch Schönes geben kann. Es spiegelt die Paradoxie zwischen dem Zivilisationsbruch und der Kontinuität der Unterhaltungsindustrie. Heißt es aber auch, dass keine Gedichte über Auschwitz geschrieben werden dürfen? Dass es infam ist, im Angesicht des Verbrechens literarische Texte zu verfassen?

          Ein kürzlich erschienener Sammelband über „Holocaust Zeugnis Literatur“ von Markus Roth und Sascha Feuchert, zwei Historikern der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen, legt diese Deutung nahe und erhebt gegen das so verstandene, wenn nicht missverstandene Diktum Widerspruch. Eine solche Position ignoriere, „dass Lyrik in Auschwitz eine enorme Rolle für die Gemarterten gespielt hatten“. Schon hier zeigt sich eine Unschärfe in der Bestimmung der Textkategorien auf der einen und der Anwendung von Adornos Diktum auf der anderen Seite. Denn Gegenstand des Sammelbandes sind nicht bloß ausgewiesen lyrische Texte, Romane oder Prosa, sondern auch Selbstzeugnisse. Diese können, sofern von einem erweiterten Literaturbegriff ausgegangen wird, was die Autoren empfehlen, müssen aber nicht zwangsläufig der Literatur zugeordnet werden. Denn es gibt auch autobiographische Texte, die eine eigene Quellengattung darstellen und mit Prosa nichts zu tun haben.

          Erinnerungsgeschichte ist kontingent

          Unklar in der methodischen Zuordnung, hebt der Band dennoch Schätze, die eine genaue Lektüre lohnen. Das gilt umso mehr, als es nur noch wenige Überlebende des Holocausts gibt und infolgedessen die Frage nach nötigen und angemessenen Formen des Gedenkens und der Ausgestaltung unserer Erinnerungskultur neu gestellt werden muss. Wenn die Zeitzeugen sterben, bleiben ihre Zeugnisse. Es ist, wenngleich die versammelten Beiträge von recht unterschiedlicher Qualität sind, das richtige Buch zur richtigen Zeit.

          Zwanzig Werke der Holocaustliteratur haben die beitragenden Journalisten und Wissenschaftler nach eigenen Präferenzen ausgewählt. Diese Idee der Herausgeber ist überzeugend, weil sie gerade nicht einem Kanonprinzip folgt, der die bekanntesten Texte ein weiteres Mal auflistet, sondern die Subjektivität und Kontingenz der Erinnerungsgeschichte spiegelt. Auf diese Weise können „Klassiker“ wie Jurek Becker, Imre Kertész oder Victor Klemperer wiederentdeckt, weitgehend unbekannte Werke wie jene des österreichischen Schriftstellers Rudolf Kalmar oder des Autors und Malers Hans Scholz neu erschlossen werden.

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