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Nobelpreisverleihung : Literaturverzicht

Die Königsfamilie Schwedens auf der Nobelpreisverleihung 2017. Bild: dpa

Mit dem Ausfall der Literatur verkürzt sich die Redezeit bei den Laudationes um ein Fünftel. Stört das überhaupt irgendjemanden?

          Wird man am kommenden Montag bei der Verleihung der Nobelpreise in Stockholm einen Preisträger für Literatur überhaupt vermissen? Es werden ja insgesamt zehn Ausgezeichnete aus anderen Disziplinen auf der Bühne stehen, und das sollte ja wohl für insgesamt nur sechs Kategorien reichen, zumal die Preisträger für eine davon, Frieden, traditionell gleichzeitig in Oslo geehrt werden. Da die Literatursparte die einzige unter den Nobel-Disziplinen war, in der die herkömmliche Vorstellung vom Einzelgenie immer noch Gültigkeit besaß, fällt also auch nur eine Person auf der Bühne des Stockholmer Konzerthauses aus, während Physik und Chemie jeweils mit drei und sowohl Medizin als auch Wirtschaftswissenschaften mit zwei Preisträgern vertreten sind.

          Die größte Erleichterung verschafft die skandalbedingte Aussetzung des diesjährigen Literaturnobelpreises den Protokollbeamten des schwedischen Königshauses, die im Großen Saal des Konzerthauses nicht mehr als 1782 geladene Gäste unterbringen können. Die ausfallende Entourage eines Preisträgers schafft da neue Kapazitäten, wobei im kommenden Jahr das Platzproblem zurückkehren, ja verschärft werden dürfte, weil dann nach den Vorstellungen der Schwedischen Akademie die in diesem Jahr nicht vergebene Literaturauszeichnung nachgeholt werden soll. 2019 könnten wir also erstmals zwei gleichzeitig mit dem Literaturnobelpreis Geehrte auf der Stockholmer Bühne sehen – die sich allerdings, anders als die Kollegen aus den anderen Sparten, das Preisgeld nicht teilen müssten.

          Nicht frei – zumindest nicht in dem Maße, wie sich das die schwedische Öffentlichkeit und auch viele Vertreter des internationalen literarischen Lebens wünschen – werden die vorne im Saal reservierten Sitzplätze für die Mitglieder der Schwedischen Akademie. Deren interner Machtkampf dauert an, einige Akademiker halten an ihren auf Lebenszeit zugesprochenen Mitgliedschaften krampfhaft fest, obwohl ihre Rolle in den letzten Jahren bei der Bestimmung der Preisträger und vor allem der vorzeitigen Ausplauderung von deren Namen als obskur gelten darf.

          Dass vom kommenden Jahr an die Vorbereitung der Auswahl in den Händen eines neugeschaffenen Gremiums liegen soll, das neben Mitgliedern der Akademie auch unabhängige Experten umfassen wird, dürfte neue Sitzplatzansprüche bei der Stockholmer Verleihung begründen. Der Schlamassel um den Literaturnobelpreis bringt also Schwierigkeiten vielfältigster Art mit sich. Ansonsten wird sich wohl vor allem König Carl XVI. Gustaf zu bemühen haben, am Montagnachmittag den Bruch in der ihm seit fünfundvierzig Jahren vertrauten Reihenfolge der Preisübergaben zu bewältigen und nach den Medizinern diesmal direkt die Wirtschaftswissenschaftler auszuzeichnen.

          Und das Publikum könnte noch etwas früher als nach den bislang üblichen etwa achtzig Minuten zum Bankett im Stockholmer Rathaus aufbrechen. Denn die Dauer der Würdigungen der Nobelpreisträger richtet sich nach der Zahl der Kategorien, nicht nach der der jeweils Geehrten. Der Ausfall der Literatur bedeutet also immerhin den Wegfall eines Fünftels an Redezeit bei den Laudationes. Mancher dürfte gerne hören, was er da nicht hören muss.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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