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Neuer Lesekreis-Trend : Druckabfall bei den Literaturclubs

Wie das nur enden soll? Vielleicht ja so: Leserin im Café Leopold Hawelka in Wien Bild: Picture-Alliance

Erst müssen die Teilnehmer nichts mehr vorher gelesen haben, jetzt müssen sie nicht einmal mehr diskutieren: Die Entwicklung der Lesekreise geht in die richtige Richtung. Ein neuer Trend kommt aus Kanada.

          Es geht Schlag auf Schlag: Kaum hatte der Buchhandel Lesekreise, in England und Amerika „längst ein wichtiger Faktor bei der Lektürewahl, dem Kaufverhalten und dem Umgang mit Literatur“, auch hierzulande als „Mittel der Kundengewinnung und Kundenbindung“ entdeckt, schwappte die „Shared Reading“-Welle über den Kanal: Wer sich in diesen Zirkeln trifft, muss kein Buch gelesen haben, kann nicht durch Vorwissen punkten oder durch Randrecherchen zu Autor, Werk und Thema die anstehende Diskussion dominieren.

          Was gemeinsam, abwechselnd laut gelesen und dann besprochen wird, ist für alle Teilnehmer eine Überraschung. Hier zählt jede Stimme in ihrem persönlichen Bezug zum Text, so leise sie auch ist, so ungeübt im Sprechen über Bücher sie auch sein mag. Literatur, so schreiben es sich die Erfinder auf Fahnen und Website, hilft Menschen, zu überleben und gut zu leben. In einem kreativen und zugleich geschützten Rahmen könnten die Teilnehmer beim „Shared Reading“ ihr Innenleben erkunden und bedeutsame Beziehungen zu anderen entwickeln.

          Die nächste Welle kommt aus Kanada: Dort trifft sich, wie die Canadian Broadcasting Corporation berichtet, eine neue Form von Literaturkreisen vorzugsweise in Cafés: die „Silent Book Clubs“. Jeder bringt mit, was er gerade liest, und in einem ersten Teil des Treffens, der bis zu einer Stunde dauern kann, gehen alle Teilnehmer um den gemeinsamen Tisch, und jeder beschreibt kurz, was er liest. In einer zweiten Stunde wird dann gelesen - zusammen, aber allein. Nach fünfundfünfzig Minuten gibt es ein Zeichen, nach einer Stunde wird das stille Lesen abgebrochen, die Versammlung ist zu Ende. Aber, wie Vicki Ziegler, die den „Silent Book Club“ in Toronto mitgegründet hat, in der CBC-Radiosendung „Here & Now“ sagt, es kommt durchaus vor, dass einfach Leute dableiben und noch über das sprechen, was sie gerade gelesen haben.

          Erst müssen die Teilnehmer nichts mehr gelesen haben, jetzt müssen sie nicht einmal mehr diskutieren: In der Entwicklung der Lesekreise ist ein allgemeiner Druckabfall zu verzeichnen. Das hat sein Gutes, schließlich geht es beim Lesen nicht um Debattenhoheit und Distinktionsgewinn. Und schließt sich nicht tatsächlich ein Kreis beim Lesekreis neuester Prägung? Staunend und wohl auch mit einem Hauch Bewunderung hatte Augustinus Ende des 4. Jahrhunderts festgehalten, was er beim lesenden Ambrosius beobachtete: „Wenn er las, überspannten seine Augen die Seiten, und mit dem Herzen nahm er die Bedeutung auf. Seine Stimme schwieg, und seine Zunge blieb unbewegt.“ Im Laufe der Zeit ist das Leiselesen populär geworden, so dass inzwischen befremdlich wirkt, wer laut liest, ohne vorzulesen. Wer weiß, vielleicht wird dermaleinst noch wieder Mode, ganz ungestört zu lesen, ohne dass nach einer Stunde abgebrochen wird? Vielleicht sogar zu Hause?

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