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Kleinverlag Non Solo : Ein anderes Italien

Die Verlegerin Alessandra Ballesi-Hansen und die Schriftstellerin Igiaba Scego. Bild: Non Solo-Verlag

Der junge Freiburger Verlag Non Solo möchte deutsche Leser um neue italienische Stimmen bereichern. Und damit ein vielschichtigeres Bild des Landes zeigen.

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          „Blauäugigkeit? Idealismus? Mut?“ Die Verlegerin Alessandra Ballesi-Hansen und ihre Mitstreiterinnen lachen laut, als sie auf die Frage antworten, mit welcher Haltung sie ihre Arbeit vor drei Jahren aufgenommen haben. Denn es erfordert einiges an Optimismus, sich an eine Verlagsgründung zu wagen. Noch dazu eine, die erklärtermaßen eine Nische anspricht. Ballesi-Hansen, eine gebürtige Römerin, die seit Jahrzehnten in Freiburg lebt, wollte es trotzdem versuchen. Jahrelang arbeitete sie als Kultur- und Sprachdozentin an der Universität, gründete Vereine und organisierte Veranstaltungen, um den Deutschen die Vielfalt der italienischen Literatur näherzubringen. Dabei fielen ihr zwei Dinge auf: Die Leute kamen gern. Und: Viele der Schriftsteller, die sie vorstellen wollte, waren in Deutschland vollkommen unbekannt. Denn selbst etablierte interessante Stimmen erschienen oft nicht in deutscher Übersetzung. „Das Interesse der Leserinnen und Leser ist da, aber die Bücher gibt es noch nicht“, sagt Ballesi-Hansen. „Ich weiß nicht, warum das so ist.“

          Sie beschloss, die Lücke zu füllen, gab ihre bisherige Arbeit auf und gründete gemeinsam mit zweisprachigen Freundinnen „Non Solo“, einen Verlag, der sich auf zeitgenössische italienische Literatur spezialisiert hat. Drei Bücher sind bisher erschienen, zuletzt „Fast nur eine Liebesgeschichte“ von Paolo di Paolo, einem Autor, der schon auf der Nominiertenliste des Premio Strega, des renommiertesten italienischen Literaturpreises, stand. Igiaba Scego, ebenfalls Autorin bei Non Solo, ist in Baden-Württemberg Pflichtlektüre im Italienisch-Abitur. Außer den Schülern kennen sie trotzdem hierzulande die wenigsten. Vielleicht, vermutet Irene Pacini, die sich ums Übersetzungslektorat kümmert, weil weder die Autorin, eine Tochter somalischer Eltern, noch deren Themen dem klassischen Italienbild entsprechen. Es geht um Kolonialismus und Migration, Themen, mit denen zuletzt auch die italienische Schriftstellerin Francesca Melandri in Deutschland großen Erfolg hatte. „Wenn es um Dante geht, kennen sich viele Deutsche besser aus als ich“, sagt Pacini, „das schätze und bewundere ich, aber es gibt eben auch ein anderes Italien.“ Da das Grundinteresse aber schon bestehe, lasse sich auch dieses neue Italien vermitteln, sind die Mitarbeiterinnen von Non Solo überzeugt. Erfolge wie der Melandris sind dafür möglicherweise ein weiterer Hinweis.

          Übersetzungen sind eigenständige Texte

          Noch ein anderes Anliegen hat der Verlag, eines, das sich auch in seinen Strukturen widerspiegelt: Die Übersetzerinnen der Non-Solo-Bücher sind Teil des Teams. Sie arbeiten in enger Rücksprache mit Irene Pacini, die selbst ins Italienische übersetzt, damit nicht nur die deutsche Endfassung, sondern auch die Übersetzung selbst lektoriert wird. Das ist deutlich arbeits- und kostenaufwendiger, doch diese Mühen sind der Verlegerin Ballesi-Hansen wichtig. Hin und her gehe es, erzählen Pacini und Ruth Mader-Koltay, eine der Übersetzerinnen, wenn sie mal wieder darüber diskutierten, wie ein bestimmter Ausdruck am besten ins Deutsche zu bringen sei. Denn bei einer Übersetzung müsse man schließlich nicht nur die Sprache, sondern auch den ganzen kulturellen Hintergrund, jede Anspielung verstehen. Es komme vor, sagen Pacini und Ballesi-Hansen, dass sie Bücher lesen und denken: Das hat der Übersetzer im Original einfach nicht verstanden.

          Das doppelte Lektorat hat dabei nichts mit Misstrauen gegenüber den Übersetzerinnen zu tun, sondern vielmehr mit einer Würdigung ihrer Arbeit. „Spiegelungen“, eine Anthologie, die zweisprachig erschienen ist, soll das zeigen: „Die Übersetzungen stehen nicht neben den Originaltexten, sondern kopfüber in der anderen Hälfte des Buchs, so dass man es von beiden Seiten lesen kann. Denn die Übersetzungen sind eigenständige Texte“, sagt Ballesi-Hansen.

          Die Corona-Pandemie war für den Verlag, der in diesem Jahr zum ersten Mal auf der Buchmesse vertreten gewesen wäre, eine Katastrophe. Lesungen, die so wichtig sind für die Präsenz außerhalb Freiburgs, seien vollständig ausgefallen, sagt Ballesi-Hansen. Nun müssen sich die Frauen andere Wege überlegen, um ein italienaffines Publikum auf sich aufmerksam machen. Einfach wird es nicht, das weiß auch die Verlegerin: „Ich fühle mich wie Don Quijote – im Kampf mit den Windmühlen!“ Aber sie lacht wieder, als sie das sagt.

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