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Buch der #Metoo-Enthüllerinnen : Der Erdrutsch

Die Autorinnen Jodi Kantor und Megan Twohey in New York Bild: Getty

Die „New York Times“ -Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey deckten den Weinstein-Skandal auf. Ihr jetzt auf Deutsch erschienenes Buch beschreibt einen Anstoß für eine globale Bewegung, der zur richtigen Zeit kam.

          5 Min.

          Ob die #Metoo-Bewegung nun eine Erfolgsgeschichte ist, woran man überhaupt Erfolg oder Scheitern messen will, dazu gibt es verschiedene Einschätzungen. Dass eine enorme Schubwirkung ausging von den Enthüllungen über Harvey Weinstein in der „New York Times“ und im „New Yorker“ im Oktober 2017, daran besteht jedoch kein Zweifel. Zugleich verknüpft das Hashtag #Metoo, das zurückgeht auf eine Formel der afroamerikanischen Aktivistin Tarana Burke aus dem Jahr 2005, mittlerweile zwei große Debattenschauplätze von heute.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Diese Konstellation hat die gesamte diskursive Landschaft innerhalb der letzten Jahre massiv verändert. Die #blacklivesmatter-Bewegung hat nicht zuletzt durch den Tod von George Floyd im Mai eine Resonanz erzeugt, die weit über Amerika hinausreicht. Statuen werden gestürzt, Straßennamen geändert, Rassismus und Diskriminierung attackiert, was auch zur bizarren Reaktion eines weißen Politikers führte, eine Studie über strukturellen Rassismus in der deutschen Polizei mit der Begründung zu untersagen, den könne es nicht geben, weil er gesetzlich verboten sei.

          In all diesen Debatten, deren Fieberkurven, Rhythmen und Zuspitzungen wesentlich durch die sozialen Medien bestimmt worden sind, bleibt vor allem der Eindruck, dass hier Rückzugsgefechte ausgefochten werden, mit verschiedenen Frontverläufen, mal geordnet, mal panisch. Die Indizien und Beweise haben eine Wucht und Überzeugungskraft gewonnen, dass man sich ihrer nicht mit Droh-, Macht- und Beschwichtigungsgesten erwehren kann, weil sich nicht aus der Welt schaffen lässt, was überall zu sehen, zu hören und zu lesen ist.

          Atmosphäre der Andeutungen und Insinuationen

          Neben einem Minister, für den nicht sein kann, was nicht sein darf, neben Kolumnisten, die sich selbst zu intelligenten Konservativen erklären und auffordern, die Kirche im Dorf zu lassen, verfallen aber auch liberale Intellektuelle wie die 153 Unterzeichner des „Letter on Justice and Open Debate“ im „Harper’s Magazine“ in den Verteidigungsmodus. Obwohl die wenigsten von ihnen bisher befürchten mussten, Opfer einer „Cancel Culture“ zu werden, also wegen unliebsamer Äußerungen aus dem öffentlichen Diskurs verbannt zu werden, konstruieren sie das Phantom einer Bedrohung: Neue „moralische Haltungen und politisches Engagement“ schwächten offene Diskussionen und Toleranz. Wer diese „Kräfte des Illiberalismus“ verkörpert, wer wofür verantwortlich ist und woher die große Macht der unbekannten Verantwortlichen rührt, Redeverbote zu verhängen, bleibt unscharf bis unkenntlich – außer Donald Trump wird niemand namentlich genannt.

          In dieser Atmosphäre der Andeutungen und Insinuationen hat es eine erfrischende Klarheit, wenn jetzt – nach Ronan Farrows „Durchbruch. Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen“ – auch das Buch von Jodi Kantor und Megan Twohey auf Deutsch erscheint, den beiden Journalistinnen der „New York Times“, die schon fünf Tage vor dem „New Yorker“ einen großen Enthüllungsartikel über die Praktiken von Harvey Weinstein veröffentlicht hatten. Kantor und Twohey überschätzen sich nicht, wenn sie fragen, warum gerade die Weinstein-Affäre einen derartigen Erdrutsch ausgelöst habe.

          Mit Einsicht sollte man das nicht verwechseln

          Natürlich kann „#Me Too. Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung“ (Tropen, 448 Seiten, 18 Euro) keine amtliche Antwort darauf geben, aber das Buch zeigt, dass die Zeit einfach reif war, dass in Hollywood, Silicon Valley oder in den Fernsehsendern, ganz zu schweigen von anderen, weniger glamourösen Arbeitsplätzen, zum einen ein Grad an Unerträglichkeit erreicht war, zum anderen in den Medien, die ja nur gesellschaftliche Strömungen und Stimmungen spiegeln, eine Bereitschaft und Empfänglichkeit existierten, Geschichten zu diesem Thema zu recherchieren und zu publizieren. Es gab einen hinreichenden gesellschaftlichen Konsens, dass bestimmte Verhaltensweisen, von denen jeder lange wusste, nun nicht länger toleriert werden sollten.

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