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PEN-Präsident : Freiheit, sogar für bescheuerte Kunst

  • -Aktualisiert am

In der Frankfurter Paulskirche wurde er zum deutschen PEN-Präsidenten gewählt: Deniz Yücel Bild: dpa

Als frischgewählter Präsident des deutschen PEN setzt sich Deniz Yücel für Freiheit ein – sogar für die des „dummen Wortes“ und der „bescheuerten Kunst“.

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          Das deutsche PEN-Zentrum hat in der Frankfurter Paulskirche am Dienstagabend einen neuen Präsidenten gewählt: Deniz Yücel. Die bisherige Präsidentin des deutschen Teils des internationalen Schriftstellerverbandes, Regula Venske, war nicht zur Wiederwahl angetreten. Yücel setzte sich gegen Marion Tauschwitz durch. Der 1973 in Flörsheim am Main geborene Publizist wurde 2017 wegen angeblicher Unterstützung einer terroristischen Vereinigung bei einer Reise in die Türkei für knapp ein Jahr in Untersuchungshaft genommen und sieht sich nun in Istanbul mit einem neuen Verfahren wegen angeblicher Verunglimpfung der Türkei konfrontiert.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Zu seiner Entscheidung, sich zur Wahl zu stellen, sagte Yücel, der erst im vergangenen Jahr dem PEN beigetreten war, dem Deutschlandfunk, er habe zuletzt damit gehadert, auf eine Rolle festgelegt zu werden: jene des „deutschtürkischen Journalisten, der im Kerker des Kalifen saß“. Er habe dann aber auch gemerkt, dass diese Rolle eine Verantwortung mit sich bringe, sich für andere einzusetzen. Gerade im Lichte eigener Erfahrungen habe er, obwohl demütig vor den Leistungen des PEN, auch die Portion Selbstbewusstsein, sich dieser Verantwortung zu stellen, sagte Yücel am Tag nach seiner Wahl der F.A.Z. In der Paulskirche sprach Yücel sich für die „intellektuelle, politische und kulturelle Auseinandersetzung mit den Feinden der offenen Gesellschaft“ aus. Er sei aber überzeugt, „dass wir als PEN aus Prinzip und für unsere Glaubwürdigkeit im Zweifel immer für die Freiheit des Wortes und der Kunst sein müssen. Auch für die Freiheit des dummen Wortes, auch für die Freiheit der bescheuerten Kunst, auch dann, wenn es wehtut. Gegen die Mächtigen, gegen die Bösen – und wenn es sein muss, auch gegen die Guten.“

          Spielt er damit auch auf die Debatte über die jüngste Frankfurter Buchmesse an? Ja, sagte Yücel der F.A.Z. Man müsse ertragen können, wenn jemand bei einer offiziellen Veranstaltung plötzlich ans Mikrofon dränge wie die Stadtverordnete Mirrianne Mahn, die bei der Verleihung des Friedenspreises in der Paulskirche die Rede des Oberbürgermeisters Peter Feldmann unterbrochen hatte, um zu kritisieren, dass „schwarze Frauen auf der Buchmesse nicht willkommen“ gewesen seien. Befremdlich aber findet Yücel die Reaktion Feldmanns, daraufhin sofort nachzugeben und sich für den Ausschluss bestimmter Verlage von der Buchmesse auszusprechen. Bei seinem letzten Messebesuch habe er sich in Begleitung von Polizisten befunden, so Yücel. Er wisse, die Buchmesse nehme Bedrohungen ernst. Trotzdem käme er nicht auf die Idee, etwa Verlage der türkischen Regierung dürften nicht auf der Messe ausstellen. Es gehe um eine prinzipielle Frage und um die Glaubwürdigkeit „als Autoren, als Journalisten, als PEN“.

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