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Deep Web : Wo Suchmaschinen gar nichts finden

Bild: Verlag

Für die einen ist es der Abgrund, für die anderen Versuchung und Versprechen. Das Deep Web ist um ein Vielfaches größer als das World Wide Web - wie gefährlich ist es? Eine neue Buchveröffentlichung kapituliert vor dieser Frage.

          Wenn vom Deep Web die Rede ist, denken die meisten wohl an Waffenhandel, Pornographie und Drogen. Dabei handelt es sich definitionsgemäß nur um jenen Bereich des Internets, der von keiner normalen Suchmaschine gefunden wird, weil Daten verschlüsselt oder durch Passwörter geschützt sind. Zum Deep Web gehören auch die geheimsten Algorithmen von Google, die Datenbestände der Nasa, die Websites der Geheimdienste und so sinnvolle Einrichtungen wie Chatforen für Dissidenten und Missbrauchsopfer. Dass trotzdem so negativ über das verschlüsselte oder anderweitig unzugängliche Internet gedacht wird - Schätzungen zufolge ist es um ein Vielfaches größer als das Oberflächennetz -, ist dabei für sich genommen schon bemerkenswert.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Besonders große Neugier zieht dabei jener Bereich des Deep Web auf sich, in dem gezielt Anonymität erzeugt wird. Wer mit großer Energie und ausgefeilter Netzwerktechnik seine Daten verschlüsselt, so das Vorurteil, muss Böses im Schilde führen. Hier fällt dann häufig der Begriff Darknet, und aus dem Blick gerät die Tatsache, dass das wohl bekannteste Anonymisierungsnetzwerk, „Tor“, ursprünglich für das amerikanische Verteidigungsministerium entwickelt wurde. Es ist paradox: Einerseits ist das Tor-Netzwerk für die Polizei ein Sorgenkind und für den Suchmaschinenprimus Google eine Gefährdung seines derzeitigen Geschäftsmodells, andererseits wird seine Weiterentwicklung laut Tor-Homepage sowohl von der amerikanischen Regierung als auch von dem kalifornischen Internetriesen unterstützt. Was die Frage aufwirft: Wollen die beiden Wohltäter tatsächlich ihrer Verantwortung für ein sicheres Basisnetz und eine Hintertür für alle Fälle gerecht werden - so stellt Thomas Pynchon das Deep Web in seinem jüngsten Buch „Bleeding Edge“ dar - oder einfach nur den Fuß in der Tür zu ungehobenen Datenschätzen behalten?

          Wer hat Angst vorm tiefen Netz?

          Vor dem Hintergrund des Schreckgespenstes Deep Web ergibt plötzlich auch der Google-Grundsatz „Don’t be evil“ neuen Sinn. Unlesbare Datensätze bedrohen die Suchmaschine in ihrem Kern, und je neugieriger der Datenkrake erscheint, desto eher wird beim Nutzer die Bereitschaft zur Verschlüsselung wachsen. Damit schrumpft der Einflussbereich Googles. Das Unternehmen hat daher ebenso wie das FBI oder die CIA nach außen hin ein starkes Interesse an der Verteufelung des Deep Web. Für sein Selbstverständnis braucht es so etwas wie das böse Netz. Dass Google neuerdings ein Recht auf Information reklamiert, erscheint dagegen angesichts eigener Geheimniskrämerei und der unzähligen, heute schon unzugänglichen Informationen als geradezu lächerlich.

          Das Deep Web ist, wie der (anonyme) Autor des gerade erschienenen gleichnamigen Buches in großer Simplizität schreibt, mit einem Hammer vergleichbar: Mit ihm kann man einen Nagel in die Wand klopfen, aber auch ein Verbrechen begehen. Die Form des Buches wirkt zunächst charmant, wird aber im Lauf der Lektüre immer fragwürdiger. Es handelt sich um eine Art Gonzo-Reportage über „die dunkle Seite des Internets“, ohne jedoch den damit verbundenen Anspruch auf erfahrungsgetränkten Realismus zu erfüllen. Tauchten Journalisten wie Hunter S. Thompson, Tom Wolfe oder Truman Capote mit ihren subjektiven Buch-Reportagen in die Untiefen von Motorrad-Gangs, Drogenexperimenten oder Mörderpsychen ein, erkundet ihr jüngster Adept die Untiefen des Netzes hauptsächlich von seinem Schreibtisch aus. Er lädt sich die Software für das Tor-Netzwerk herunter, besucht über das „Hidden Wiki“ mit leichtem Gruseln die Verkaufsplattformen von Drogenhändlern und Auftragskillern, spricht mit Polizisten und Internetaktivisten, vermeidet es aber tunlichst, körperlich auch nur in die Nähe krimineller Energie zu geraten. Stattdessen schildert er geschätzte hundert Arten, vor dem Computer den Kaffee kalt werden zu lassen.

          Ist das naiv oder eine Marketing-Idee?

          Das Ergebnis ist allen Gonzo-Allüren zum Trotz ein zaghafter Journalismus, der blinde Flecken riskiert. Ein Zurückschrecken findet im Buch nicht nur vor echten menschlichen Abgründen statt, was nachvollziehbar ist, sondern gelegentlich auch vor dem möglicherweise überinszenierten Bösen. So wundert es einen, wie unkritisch nicht nur in diesem Buch, sondern auch in vielen amerikanischen Zeitungsartikeln, der Niedergang des wohl bekanntesten Online-Schwarzmarkts, „Silk Road“, aus FBI-Berichten nacherzählt wird. Die anonyme Seidenstraße war und ist eine hochkriminelle Angelegenheit, daran besteht kein Zweifel. Die plötzliche Verfinsterung der Gründerfigur „Dread Pirate Roberts“, der mehrere Morde in Auftrag gibt, bevor er geschnappt werden kann, klingt aber so übermäßig abschreckend, dass es einen nicht wundern würde, hätte das FBI das eine oder andere Detail aus dem „Breaking Bad“-Fundus hinzugefügt. Allein aus disziplinarischen Gründen ist es für die Behörde wichtig, anonyme Datenströme und das Tor-Netzwerk als knackbar dastehen zu lassen und als Tummelplatz für Psychopathen. Offen bleibt dabei die Frage, wie sicher das Tor-Netzwerk wirklich ist. Welche Angebote auf den Verkaufsplattformen sind wirklich kriminell, wie hoch ist der Anteil an Polizeifallen?

          Klug ist, was Anonymus zu der Streitfrage schreibt, ob der neutralisierende Schleusencharakter des Tor-Netzwerks neue Formen von Kriminalität erzeugt. Dass der Autor allerdings bei den vielen Hinweisen, die er in dem Buch auf eigene Gewohnheiten gibt, allen Ernstes an die Kraft von Pseudonymen glaubt, ist entweder naiv oder eine reine Marketing-Idee. So verwundert es nicht, dass Anonymus offenbar recht schnell enttarnt wurde. Eine Werbung für das Buch ist auch das nicht.

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