https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/ddr-zensur-nachbemerkungen-zu-nachworten-von-christoph-hein-17583323.html

Gegen die Zensur : Nachbemerkungen zu Nachworten

Der Schriftsteller Christoph Hein Bild: epd

Wie oft hört man ­Klagen über Nachworte zu literarischen Texten. Doch die haben oft ganz andere Absichten, als man meinen könnte. In der DDR dienten sie manchmal dazu, die Zensur zu überlisten.

          5 Min.

          Die Nachworte – die kurzen oder voluminösen Texte, die einem Werk bei seiner Veröffent­lichung anzuhängen ein Verlag oder ein Herausgeber für notwendig erachten – haben in der Geschichte eine recht eigene Historie. Diese beginnt lange vor der Erfindung des Buchdrucks, sie setzte ein, als die Schrift entstand.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Nachworte sind äußerst unterschiedlich, redlich oder voreingenommen, informativ oder irreführend, sachlich oder polemisch, knapp und klar oder weitschweifig und selbstgefällig, hilfreich oder höchst überflüssig. Gelegentlich sind Nachworte beachtlich, sogar sehr beachtlich, unübersehbar und gewichtiger als das Werk, was das Nachwort zu würdigen sich bemüht. So kann einer dreißigbändigen Goethe-Ausgabe noch ein mehrere Hundert Seiten starker einunddreißigster Band folgen, in dem ein bedeutender Germanist dem Leser den Autor, das Werk und die Zeit erläutert. Ich erinnere mich an den Stoßseufzer eines amerikanischen Germanisten bei einer Sitzung in der Darmstädter Akademie. Er sagte damals: „Goethe – unser aller Brötchengeber.“

          Die verbale Attacke ermöglicht den Druck

          Auch die irreführenden Nachworte, also die angehängten Texte mit Desinformationen, die dem Leser eine scheinbar hilfreiche Verständnishilfe geben, tatsächlich aber – und zumeist aus ideologischen Gründen – zu einer erwünschten Interpretation führen sollen, haben eine lange Geschichte. Und nicht nur in Diktaturen, auch in Demokratien waren und sind sie vorhanden. Wenn heute in einem islamistischen Staat die Bibel der Christen veröffentlicht wird oder in christ­lichen Staaten, zumal in jenen mit kirchlichem Struktur-Fundamentalismus, der Koran gedruckt wird, also die dem Propheten Mohammed offenbarte Rede Gottes, werden Verlag und Herausgeber ihnen entsprechende Nachworte anhängen, weil der Text nicht ihrer anders­lautenden Weltauffassung entspricht oder um sich vor Angriffen und Attacken zu schützen. Offenbar ist die Welt noch nicht zivilisiert genug, um gänzlich auf diese Art von belehrenden Nachworten zu verzichten.

          Im Projekt-Wörterbuch des Deutschen Literaturarchivs Marbach zu dessen aktueller Ausstellung „Wie Literatur Welt+Politik macht“ fand ich unter dem Stichwort N wie Nachwort einen Brief meines verehrten Freundes und Verlegers Siegfried Unseld. Der Brief wurde von ihm im August 1978 geschrieben und war an Jürgen Gruner gerichtet, den Chef des DDR-Verlages Volk und Welt.

          Freund Unseld schrieb an seinen öst­lichen Kollegen, dass er immer wieder über die Editionspraxis der DDR-Verlage staune. Man bemühe sich bei seinem Verlag um Lizenzen von Autoren, schreibt er, aber kaum habe man die Lizenz, würden das Werk und der Autor im angehängten Nachwort abgekanzelt. In diesem Fall ging es um „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ von James Joyce, über das dann im DDR-Nachwort zu lesen war: der Text sei „eine Mischung von Widersprüchen und Gegensätzen“.

          Unseld fragte daher: „Wenn dem so ist, warum soll das Werk überhaupt in der DDR erscheinen?“ Und er sah als einzige Lösung für die Zukunft nur eine Ver­einbarung, dass die in Lizenz erscheinenden Bücher seines Verlages stets ohne ein Nachwort erscheinen.

          Wie Siegfried Unseld irrte

          Hier irrte mein hochverehrter Freund. Denn dieses Nachwort, das ich nicht kenne – ich hatte mir bereits Jahre zuvor auf Schleichwegen die Suhrkamp-Ausgabe von Joyce besorgt –, ist mir dennoch vertraut. Es gehört zu einer ganz anderen und sehr wichtigen Kategorie der Nachworte, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Denn das sind Nachworte, die Bücher ermöglichten.

          Der Verlag, der ein wichtiges Buch veröffentlichen wollte, das nicht den politischen und ästhetischen Vorgaben der zuständigen Behörde entsprach, oder einen Autor, der – aus welchen Gründen auch immer – sich bei den staatlichen Stellen und Ideologen unbeliebt gemacht hatte, konnte mit einem Nachwort diesen Unmut benennen. Der Schreiber des Nachworts äußerte die erwünschte, die gebotene Kritik, und der Verleger konnte gegenüber der Zensurbehörde auf die dort formulierte schonungslose Abrechnung mit dem Text oder dem Autor verweisen und umging so das ansonsten fällige Verbot.

          Und der Leser? Er war beglückt, ein langersehntes Buch in den Händen zu halten. Das Nachwort übersah er oder nahm es nachsichtig lächelnd zur Kenntnis. Er protestierte nicht, er ahnte um die Entstehung dieser unsinnigen Interpretation. Es gab sogar eine Redewendung dafür, einen Wortwitz, fast ein Bonmot. Zu diesem erforderlichen Unsinn sagte man: „Was wir am liebsten verurteilen“.

          Reißen Sie Vor- und Nachwort heraus!

          In einem Hollywoodfilm gab es eine Szene, in der ein Literaturprofessor die Studenten auffordert, das Buch, das sie in den kommenden Stunden lesen und diskutieren wollen, in die Hand zu nehmen und die ersten zehn und die letzten dreißig Seiten herauszureißen, bevor sie sich an die Lektüre setzten, also das Vorwort und das Nachwort zu beseitigen. Ich sah diesen Film in einem New Yorker Kino, in dem abgedunkelten Raum gab es – ungewöhnlich bei einer Filmvorführung – Szenenapplaus. Andere Länder, andere Sitten, aber Probleme mit Nachworten offenbar allüberall.

          Natürlich hatte auch ich in der nun verstorbenen DDR-Republik meine Erlebnisse und Erfahrungen mit dieser eigentümlichen Nachwort-Strategie zu machen. Es gab dort noch eine weitere bemerkenswerte Absurdität: die vor einer Erstveröffentlichung einzuholenden Gutachten. Das waren gewissermaßen Pendants zu diesen Nachworten, also möglichst hilfreiche Stellungnahmen von geschätzten oder hochgestellten und einflussreichen Personen.

          Die Zensurbehörde in der DDR, die – um das hässliche Wort Zensur zu vermeiden – ihre Arbeit „das Genehmigungsverfahren“ nannte, womit die Sache nun mit einem Wortungetüm versehen wurde, was die Zensur und ihre Auswirkungen aber keinesfalls milderte, diese Zensurbehörde ließ sich bei ihrer Arbeit von Gutachtern beraten. Nach meiner Kenntnis waren es bei kritischen oder sogar gefährlichen Manuskripten stets drei Gutachter, die um ein Urteil gebeten wurden, und der Verlag wurde bei der Zusammensetzung dieses Tribunals um Vorschläge gebeten.

          Ob Siegfried Unseld wirklich irrte?

          Das war nun äußerst heikel. Wenn ein oder gar zwei Gutachter den Kopf schüttelten, verbot die Zensurbehörde den Druck des Buches. Waren die Gutachten aber allzu freundlich oder gar begeistert, wurde der zuständige Zensor misstrauisch und entschied sich womöglich gerade wegen der allzu positiven Einschätzungen gegen das Buch. Es mussten also Personen benannt werden, die der hohen Behörde als unverdächtig galten und in deren Gutachten einige Bedenken gegen das Manuskript geäußert, also irgendwelche Bauchschmerzen be­nannt wurden, die sich aber schlussendlich für eine Veröffentlichung ­aussprachen. In allen Jahrhunderten war es eine hochsensible und einzigartige Kunst, mit den Scharfrichtern ohne allzu hohen Blutzoll umzu­gehen.

          Zum Abschluss eine kleine Korrektur, eine Vermutung, die bei dem Verhältnis der beiden deutschen Staaten und den Usancen, zu denen ihre Unter­tanen genötigt waren, nicht eben fernliegt: Möglicherweise irrte Siegfried Unseld in seinem Brief an den ostdeutschen Verlegerkollegen nicht. Der alte Fuchs kannte Jürgen Gruner und wusste, dass dieser erfahrene und gebildete Mann nicht den Unsinn glaubte, der in dem beanstandeten Nachwort behauptet wurde. Unseld wollte, so meine Vermutung, vielmehr Gruner helfen.

          Möglicherweise schrieb er den Brief sogar in Ab­sprache mit Jürgen Gruner. Mög­licherweise sogar auf dessen Bitte. Die harsche Kritik konnte dem ostdeutschen Verleger bei der Vertei­digung der Veröffent­lichung helfen, konnte sein nächstes kniffliges ­Projekt auf einen guten Weg bringen. Der Verleger Gruner hatte mit dem Nachwort den Hut von Landvogt Gessler gegrüßt, um un­beschadet den Joyce veröffentlichen zu können und sich anschließend für ein weiteres missliebiges Buch einzusetzen.

          In einem Lehrgedicht des antiken Grammatikers Terentianus Maurus aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert heißt es: Pro captu lectoris habent sua fata libelli. Dieses Wort, leicht verkürzt, ist seit 1888 der Wahlspruch vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Bücher haben ihre Schicksale. Falls der Börsenverein über eine Änderung seines Wahlspruchs nachdenken sollte, so schlüge ich vor, dem klugen und welterfahrenen Satz von Terentianus Maurus noch ergänzend hinzuzufügen: Ein Nachwort kann das Schicksal eines Buches bestimmen.

          Christoph Hein, geboren 1944, ist Schriftsteller. Er schrieb diesen Text als Vortrag anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Wie Literatur Welt+Politik macht“ des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Zuletzt erschien von ihm der Roman „Guldenberg“ (Suhrkamp).

          Jetzt mit F+ lesen

          Richard David Precht

          Prechts Umgang mit Kritik : Grüße, ganz persönlich

          Richard David Precht gibt Artikel falsch wieder und fordert die Degradierung von Journalisten, die ihn kritisieren. Zeit, über die Größe des Egos nachzudenken.
          Vorbild Greta: ein Kunstwerk der britischen Künstlergruppe „Sand In Your Eye“ in der Nähe von Leeds aus dem Jahr 2020

          Wachstum und Wohlstand : Kommt das Zeitalter des Verzichts?

          Wachstum ist die Quelle unseres materiellen Wohlstandes. Doch es wird auch verantwortlich gemacht für die Klimakrise und den ruinösen Umgang mit dem Planeten. Können wir durch Verzicht unsere Umweltprobleme lösen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.