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Gedenken an den Holocaust : Im Stakkato durch ein Universum des Schreckens

  • -Aktualisiert am

David Rousset (links) 1948 neben Jean-Paul Sartre in der Pariser Salle Wagram. Bild: Getty

Mehr als siebzig Jahre nach der Erstausgabe liegt David Roussets Erfahrungsbericht über die Welt der Konzentrationslager auf Deutsch vor. „Das KZ-Universum“ führt uns in den „Abgrund der Lager“.

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          Wenn man sich in der Berliner Staatsbibliothek die Originalausgabe von David Roussets „L’Univers concentrationnaire“ aus dem Jahr 1946 kommen lässt, dann wird das Werk in einem grauen Schutzkarton geliefert, versehen mit dem Verbot, es dem grellen Licht eines Kopierers oder eines Scanners auszusetzen. Nach einem Dreivierteljahrhundert sind die 190 Seiten brüchig, das Papier vergilbt. Äußerlich mag das Buch fragil erscheinen, innen aber atmet es von der ersten Seite an die Kraft der Sprache. Es ist die Sprache des Existentialismus, die Sprache der Gewissheit und der Kompromisslosigkeiten, des auf seine bloße Existenz zurückgeworfenen, des – so Rousset – „innerlich nackten“ Individuums.

          Im Stakkato führt dieser Autor seine Leser in die Welt der Konzentrationslager ein, in ein eigenes Universum, für dessen Beschreibung er kurz nach der Befreiung der Lager erst einmal eine Sprache finden musste, die das Unaussprechliche auszudrücken vermochte. „Concentrationnaire“ ist dabei eine Wortneuschöpfung Roussets, die als Substantiv die Insassen der deutschen Konzentrationslager, als Adjektiv das „Wie?“ der Lager beschreibt. Ins Deutsche übersetzen lässt sich der Neologismus nicht, und so erscheint die jetzt vorgelegte deutsche Übersetzung des Texts, den Rousset seiner Frau Susie E. Elliot im August 1945 diktierte, unter dem Titel „Das KZ-Universum“. Die Übertragung büßt an Sprachkraft kaum gegenüber dem Französischen ein.

          Der 1912 in der Loire-Stadt Roanne geborene Rousset wurde als Angehöriger der Résistance im Oktober 1943 in Paris verhaftet und drei Monate später nach Buchenwald deportiert. Danach war er innerhalb kurzer Zeit in den Lagern Porta Westfalica, Neuengamme und Helmstedt interniert. Kurz vor Kriegsende wurde er auf einem der „Todesmärsche“ in das KZ Wöbbelin nahe Ludwigslust verschleppt, wo er Anfang Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. „Erfahrungsmaterial aus sechzehn Monaten“ nennt Rousset diese Odyssee zu Beginn seines Buches lapidar, bevor er den „Abgrund der Lager“, ihre innere bürokratische Hierarchie, ihr spezifisches Machtgefüge und ihre perversen Eigenlogiken darstellt.

          Nach dem Erscheinen seines zweiten Buches, dem Lagerroman „Les jours de notre mort“ (Paris 1947), hieß es in dieser Zeitung über Rousset, er sei „eine der machtvollsten schriftstellerischen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, der durch seine beiden Bücher über das Leben in den Konzentrationslagern Hitlers in diesen Fragen als internationale Autorität gilt.“ Anlass der Berichterstattung war ein Streit, den der langjährige Trotzkist Rousset Ende der vierziger Jahre mit anderen Linken vor Gericht unter anderem über die Frage austrug, inwiefern die damals noch bestehenden Lager Stalins mit denen Hitlers zu vergleichen seien. Später engagierte sich Rousset gegen die französischen Lager in Algerien und saß als gaullistischer Abgeordneter in der Nationalversammlung. Er starb 1997 in Paris.

          David Rousset: „Das KZ-Universum“. Aus dem Französischen von Olga Radetzkaja und Volker Weichsel. Nachwort von Jeremy Adler, Erläuterungen von Nicolas Bertrand. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 141 S., geb., 22,– .

          Die erste deutsche Übersetzung Roussets geht auf eine Initiative Jeremy Adlers zurück, der ein hervorragendes Nachwort für das Buch verfasst hat, in dem er es in den Kontexten seiner Zeit zwischen Politik und Philosophie verortet, auf dessen künstlerische Vorbilder Kafka und Alfred Jarry eingeht und es innerhalb der Lagerliteratur neben H. G. Adler und Primo Levi einordnet. Rousset entlarve in seiner Darstellung „die Metaphysik der Vernichtung“, so Jeremy Adler, „aus einer Haltung heraus, die man als tragische Würde bezeichnen könnte.“

          Eugen Kogon hob in „Der SS-Staat“, das ein Jahr nach „L’univers concentrationnaire“ erschien, Roussets Buch als das „beste nichtdeutsche Werk über die KL“ aus – was heute überraschen mag – der „Fülle von Schriften über Konzentrationslager“ hervor. Trotzdem avancierte der Bericht Roussets hierzulande nie zu einem Standardwerk vom Rang des „SS-Staats“. In Frankreich war das anders. Dort prägte seine Studie, die 1946 den renommierten Prix Renaudot erhielt, lange das Bild der NS-Lager. Claude Lanzmann etwa erwähnt Rousset als Vorbereitungslektüre für sein filmisches Werk „Shoah“. Die jetzt erschienene Übersetzung bahnt Rousset einen Weg in den deutschen Kanon der Lagerliteratur. Wir alle sind, was wir gelesen, hieß es bei Golo Mann. Roussets Buch sollte dazugehören.

          David Rousset: „Das KZ-Universum“. Aus dem Französischen von Olga Radetzkaja und Volker Weichsel. Nachwort von Jeremy Adler, Erläuterungen von Nicolas Bertrand. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 141 S., geb., 22,– .

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