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Literaturarchiv Monacensia : Thomas Mann als Spinne im Netz

Hier soll im Frühjahr das Café Mon eröffnen: Glasanbau im Innenhof des Hildebrandhauses Bild: Eva Jünger / Münchner Stadtbibliothek

Hochgeehrter Zuschauerraum! Nach einer aufwendigen Sanierung bekommt München sein städtisches Literaturarchiv nebst einem Anbau wieder. Die Monacensia kann sich sehen lassen.

          Mehr als drei Jahre war „Münchens literarisches Gedächtnis“ - so beschreibt sich die Monacensia selbst - geschlossen. Jetzt strahlt sie wieder, und zwar richtig. Die 1898 fertiggestellte Künstlervilla am Isar-Hochufer nahe dem Friedensengel beherbergt seit 1973 das städtische Literaturarchiv. In jenem Jahr stand das Haus, das nach dem Krieg der evangelischen Kirche gehörte, wie eine Ruine da. Auf die Fassade hatte ein früher Fassadenschmierer „Du Depp“ geschrieben.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Insofern war es eine weitreichende Entscheidung, es nicht abzureißen, wie hie und da gefordert, sondern es zu renovieren und dort das 1922 von Hans Ludwig Held gegründete Nachlass-Archiv unterzubringen. Nach Asbestfunden entschied sich das Stadtparlament, noch einmal den Geldbeutel aufzumachen. Eine 2013 begonnene Generalsanierung und 9,3 Millionen Euro später kann sich die Öffentlichkeit von heute an ein Bild machen, dass die Übung gelungen ist.

          Sitz der Monacensia: das neu sanierte Hildebrandhaus

          Nicht nur die Ausstellungsfläche hat sich auf 780 Quadratmeter verdoppelt, durch die Renovierung sind auch die Räume in den Obergeschossen erschlossen worden, die künftig für die Forschung am Bestand - mehr als dreihundert literarische Nachlässe, darunter von Autoren wie Oskar Maria Graf, Klaus und Erika Mann, Lena Christ - genutzt werden können. Traumhafte Bedingungen für Philologen, aber auch eine Einladung an ganz normale Leser: „Wir sind eine Ausleihbibliothek“, sagt die Leiterin Elisabeth Tworek, „zumal in Zeiten eines Kulturbruchs: Man kann den Generationen, die ans Buch gewöhnt sind, nicht den Zugriff darauf entziehen.“ Eine Anspielung auf den Digital-Kurs, den derzeit die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt fährt. 36.000 der rund 150.000 Bestandstitel sind im Haus verfügbar, der Rest wird auf Bestellung geliefert.

          Unter dem Titel „Mon Oncle“ handelt eine Sonderausstellung von der Beziehung zwischen Heinrich Mann und seinem Neffen Klaus Mann

          Zur Eröffnung lockt das Archiv mit zwei Ausstellungen: Die kleinere handelt unter dem Titel „Mon Oncle“ von der Beziehung zwischen Heinrich Mann und seinem Neffe Klaus Mann, kuratiert hat sie der Hamburger Literaturwissenschaftler Uwe Naumann. Eine Trouvaille ist der gut zweieinhalb Minuten lange Film, der Klaus Mann am 11. Mai 1945 in Augsburg inmitten internationaler Journalisten zeigt, die bei einer Pressekonferenz Hermann Göring Fragen stellen; eine andere ein filmischer Mitschnitt, der Heinrich Mann 1926 im Atelier des Berliner Künstlers Max Oppenheimer bei einer Porträtsitzung zeigt.

          Blick in die Dauerausstellung „Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann“

          Tiefer Luft holen konnte Hausherrin Elisabeth Tworek bei der neuen Dauerausstellung, die sich in acht Stationen in dicht bestückten Vitrinen mit dem literarischen München zur Zeit Thomas Manns befasst, also mit den Jahren 1894 bis 1933, jenem Jahr, in dem der Nobelpreisträger von einer Reise nicht mehr in die „Hauptstadt der Bewegung“ zurückkehrte und der Erbauer der Villa, der Bildhauer Adolf von Hildebrand, den Gang ins Exil antrat. Ausgehend von der Frage, wie der dezidierte Anti-Bohemien Thomas Mann mehr als drei Jahrzehnte in einer für seine Boheme so bekannten Stadt wie München zurechtkam, stellt Tworek dennoch nicht den berühmten Autor ins Zentrum ihres Epochenbildes, sondern die vielfältigen künstlerischen Netzwerke, Freundeskreise und Seilschaften.

          Man trifft auf das Kabarett der Scharfrichter, geht in den Alten Simpl oder ins freizügige Café Stefanie an der Theresien-Ecke Amalienstraße, bekannt unter dem Namen Café Größenwahn; man feiert Künstlerfeste in exotischer Opulenz. Man entziffert die Räumungsandrohung, die ein gewisser Dr. Peter Natig der Fanny Gräfin zu Reventlow schickte, weil diese mal wieder heillos im Mietrückstand war. Man kann die Entwicklung zweier sich radikal bayerisch stilisierenden Autoren vergleichen - hier der kriegslüsterne Ludwig Thoma, dort der mit einer Psychose aus dem Weltkrieg zurückgekehrte Oskar Maria Graf. Man sieht die Revolutionäre 1919 um München kämpfen und erlebt die Ankunft der Konterrevolutionäre aus dem Oberland mit. Man läuft Frank Wedekind, Ödön von Horváth, Lion Feuchtwanger und Grete Weil in die Arme; man liest Visitenkarten und Billets und kann die Bedeutung ermessen, die Liesl Karlstadt als Partnerin für Karl Valentin hatte, wenn man ihre Mitschriften bei Proben und Dialogentwürfen sieht („Hochgeehrter Zuschauerraum!“).

          Die Bibliothek Familie Mann in ersten Obergeschoss

          Und über allem schweben und sind hineingewoben Bilder der distinguierten Familie Mann, in deren Mitte der einflussreiche Paterfamilias als Spinne im Netz die Haltung wahrt, dazu die exaltierte Gattin und die weltläufigen Kinder, die sich in der Welt der Grand-Hotels ebenso zurechtfinden wie später im Exil: Nicht jeder konnte, wie Klaus Mann es vormachte, drei Striche im Tagebuch ziehen und fortan weiter auf Englisch schreiben. Am Ende illustrieren viele Pässe die verschlungenen (Flucht-)Wege der Münchner Schriftsteller ins Exil - oder in den Tod.

          Ein Geschenk

          Dies alles findet nun in einem Gehäuse statt, das der Architekt Lorenz Wallnöfer, der schon für die Generalsanierung der Villa Stuck verantwortlich war, mit Gefühl für die historische Substanz behandelt hat. Er hat im Obergeschoss das Damenatelier wieder erschlossen, das Hildebrand für seine vier Töchter Irene, Bertha, Elisabeth und Eva einrichtete, die sich hier künstlerisch betätigten - und dem Vater die Bemalung des Turmzimmers schenkten. Ein Durchbruch gibt die Sicht auf die ebenerdige Veranstaltungshalle frei, an deren Rückwand die Forschungsbibliothek des Thomas-Mann-Spezialisten Peter de Mendelssohn Platz gefunden hat.

          Ein Tor von Format, vom ersten Hausherrn für den Abtransport seiner monumentalen Skulpturen eingebaut

          Ein nach Süden hin gelegener Anbau mit einem wuchtigen Sichtbetonrahmen war nötig geworden, weil man das grüne Ateliertor wieder funktionstüchtig gemacht hat, durch das der erste Hausherr seine monumentalen Skulpturen abtransportierte. Hier soll im Frühjahr das Café Mon eröffnen. Es sieht danach aus, als hätte die alte, neue Monacensia das Zeug zu einem gleichermaßen beschaulichen wie konzentrierten Ort für Leser zu werden. München hat sich ein Geschenk gemacht.

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