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Münchner Subkultur-Ausstellung : Punks am Stachus

Portrait der Künstlerin als junger Vogel: Die Münchener Malerin und Performerin Rabe Perplexum (1956 bis 1996) Bild: Rainer Schwinge

„Wer sich an die Achtziger erinnern kann, hat sie nicht miterlebt“, sagte Falco einmal. Jetzt befasst sich eine Ausstellung des Münchner Literaturarchivs Monacensia mit der Subkultur dieser Zeit.

          3 Min.

          Neuerdings ist alles vierzig Jahre her: Vielleicht liegt die Idee, sich mit einer noch gar nicht so lange – aus anderem Blickwinkel: endlos lange – zurückliegenden Vergangenheit zu beschäftigen, nicht von ungefähr im Trend? Die dabei waren, sind noch mehrheitlich am Leben, und Nachgeborene, die mit wachen Augen durch die Welt gehen, erkennen, dass die vordigitale Existenzform nicht notwendigerweise eine primitivere war. Früher war bestimmt nicht alles besser, aber dümmer war es auch nicht, und viele Probleme trugen nur andere Namen als heute.

          Hannes Hintermeier
          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Wer sich davon ein Bild machen will, muss jetzt nur noch den Weg in das Münchner Literaturarchiv Monacensia finden, das nicht direkt auf dem Hipster Trail am Isarhochufer im geldigen Bogenhausen steht. Diese noble Adresse hat es dem Haus von jeher nicht leicht gemacht, über den engen Zirkel des bildungsbürgerlichen Literaturbetriebs hinaus Strahlkraft in die Stadtgesellschaft hinein zu entwickeln. Am mangelnden Elan seiner Leiterinnen lag das nicht. Auf Elisabeth Tworek folgte Anfang 2019 Anke Buettner. Sie setzt seither, wie sie im Gespräch mit der F.A.Z. erläutert, auf „kuratorische Feldforschung“, bindet Experten diverser Fachrichtungen ein und vernetzt sich mit Institutionen wie der Deutschen Nationalbibliothek, Wikimedia, den Münchner Kammerspielen und dem Deutschen Museum.

          Punks vor dem Münchner Rathaus
          Punks vor dem Münchner Rathaus : Bild: Volker Derlath

          Den Makel der unverändert kleinen Ausstellungsfläche fängt man heute im Netz auf, wo Ausstellungen digital fortgeschrieben und erweitert werden. So auch im Fall der soeben eröffneten Schau „Pop Punk Politik“, die Sylvia Schütz von der Monacensia und der Journalist und Kurator Ralf Homann umgesetzt haben. Sie rekonstruiert München in den achtziger Jahren als ein Zentrum der Subkultur. Punks am Marienplatz und am Stachus, das Lipstick, die Alabamahalle, FSK.

          Gespräche mit Protagonisten

          Und weil die Monacensia zwar viele wichtige Schriftsteller-Nachlässe hat, aber kaum Archivalien aus der Popwelt, haben die Kuratoren viele Gespräche mit Protagonisten der Szene geführt, darunter Cora Frost, Thomas Meinecke, Lorenz Schröter, Peter Wacha, Mona Winter, Thomas Palzer, Alexeij Sagerer, Cornelia Siebeck. Und die wiederum haben Fanzines, Platten, Kassetten, Bücher, Poster, Briefe hervorgezaubert. Einige wenige Videos ergänzen die überwiegend stumme Schau, im Juli wird der Bayerische Rundfunk eine Sendung bringen, in dem auch die Musik jener Jahre zu hören sein wird.

          Rainald Goetz im Tanzlokal Größenwahn
          Rainald Goetz im Tanzlokal Größenwahn : Bild: Andrea Hagen

          In Anspielung auf das Buch „Kapitalismus und Schizophrenie“ von Félix Guattari und Gilles Deleuze gliedert sich die Ausstellung in vier „Plateaus“. So viel Meta-Ebene muss sein, um sie sogleich mit einem Falco-Zitat zu konterkarieren: „Wer sich an die Achtziger erinnern kann, hat sie nicht miterlebt.“ Die Motoren dieser Subkultur nahmen – auch gestalterisch – in ihren Stadtzeitungen und Zeitgeistschriften vieles vorweg, was heute in den sogenannten sozialen Medien gängig ist. Auf überregionaler Ebene konkurrierten die Magazine Tempo und Wiener, an der Isar erscheint Das Blatt oder Mode und Verzweiflung.

          Heft 1 der „Luxuslüge“
          Heft 1 der „Luxuslüge“ : Bild: Frank Schubert

          Politisch verortet die Ausstellung den Beginn der achtziger Jahre bereits 1978, mit dem Berliner Alternativen-„Treffen in TUNIX“und der Wahl Margret Thatchers zur Premierministerin ein Jahr später. 1980 schneidet das Oktoberfest-Attentat tief ins Fleisch der Stadtgeschichte. Die Do-it-yourself-Bewegung nimmt Fahrt auf, die Umwelt-, die Schwulen- und Lesbenbewegung. Und mit der CSU unter Franz Josef Strauß gibt es ein kerniges Feindbild. Hausbesetzungen duldet die Staatspartei nicht, ein Transparent an der Hausfassade genügt, schon wird geräumt, selbst wenn das Haus leer ist.

          Bundesinnenminister Zimmermann streicht Herbert Achternbusch 1982 die Filmförderung. Punks prügeln sich mit Nazis, Popper und Anhänger der Neuen Deutschen Welle positionieren sich gegen die Achtundsechziger, und die große Krankheit mit dem kleinen Namen, wie sie Prince genannt hat, löst Hysterie aus. Mir san dageng! Den Widerstand im Geist der Anarchie mit vorbereitet hatten Musiker und Texter wie Carl-Ludwig Reichert und Till Obermaier mit ihrer Band Sparifankal; Autoren, die ein anderes, wilderes Bayern im Sinn hatten, waren im Verlag Friedel Brehm versammelt.

          Ohne Zeigefinger erinnert die Schau, optisch im Stil des verhandelten Jahrzehnts präsentiert, an ein München, in dem (noch) nicht der Dietl-Satz galt „Wer reinkommt, ist drin“. Sie ist ein willkommenes Angebot, das tradierte Bild der Hauptstadt der Bussi-Bewegung zu ergänzen und zu korrigieren.

          Pop Punk Politik – Die 1980er Jahre in München. Monacensia im Hildebrandhaus; bis 31. Januar 2022. Kein Katalog.

          Punks auf dem Münchner Marienplatz
          Punks auf dem Münchner Marienplatz : Bild: Volker Derlath

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