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Lukas Bärfuss im Treppenhaus des Hessischen Staatstheaters Darmstadt Bild: dpa

Dankesrede zum Büchnerpreis : Jeder meiner Fäden führt zu einem Massengrab

  • -Aktualisiert am

Wie erzähle ich den Kindern, dass mein Werk in weiten Teilen ein Zeugnis für die menschliche Niedertracht und Grausamkeit ist? Die Dankesrede zur Verleihung des Büchnerpreises.

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          Sie haben die Freiheit, mir heute eine große, eine sehr große Ehre zuteilwerden zu lassen, und obwohl Sie versichert sein dürfen, wie tief und ehrlich meine Freude darüber ist, muss ich gestehen, dass ein Teil von mir nicht übel Lust hat, mit Ihnen hier zu schimpfen. Das liegt nur zu einem kleinen Teil an der Aufregung, die sich in meinem Leben breitgemacht hat und von der ich nicht sicher sagen kann, wie und wann sie sich wieder legen wird.

          Viel größer ist die innere Erregung darüber, nun in einer Reihe zu stehen, in der mich wiederzufinden eine kleine Genugtuung, aber einen großen Zweifel aufkommen lässt, ob mein Werk, so wie es vorliegt, auch tatsächlich in ebendiese Reihe gehöre, und alle, die sich jetzt verschämt an die Nase fassen und hoffen, diese dem Anlass angemessene Stilfigur, die öffentlich zur Schau gestellte Bescheidenheit nämlich, werde die schmale Linie zur Koketterie nicht überschreiten, möchte ich einfach darauf hinweisen, dass von den ausgezeichneten Büchern und Stücken keines meinen eigenen Ansprüchen genügt.

          Denn noch bei jedem Versuch ist mir das Leben dazwischengekommen und hat es ermangeln lassen an dem, was zur Erfüllung meiner Ziele nötig gewesen wäre, Zeit zuerst, Ruhe, und oft genug auch nur am schnöden Geld. Und so stellt das vorliegende Werk lediglich die den widrigen Umständen abgerungene äußerste Möglichkeit dar, und der Künstler in mir, der immer noch auf die perfekten Bedingungen wartet, jene, die ihm erlauben werden, seinen Anspruch eines Tages ungeschmälert in die Wirklichkeit umzusetzen, fragt sich, ob bescheiden oder nicht, welcher Preis dann noch für ihn übrig bliebe.

          Eine Existenz durch Leid

          Ferner bringt mich dieser Preis der Anwesenheit meiner Familie, besonders meiner Kinder, wegen in Verlegenheit. Als Vater will ich ihnen Zuversicht und Vertrauen schenken, aber mein Werk ist in weiten Teilen ein Zeugnis für die menschliche Niedertracht und Grausamkeit, und ich werde den Kindern wohl oder übel erklären müssen, was hier genau ausgezeichnet wird.

          Ein Gedenkort für Greuel des letzten Jahrhunderts: Auf dem Friedhof von Potocari ruhen die Opfer von Srebrenica.

          Ich habe in den letzten Jahrzehnten eine Existenz mit, durch und auf dem Leid errichtet, auf Mord und Totschlag, Folter und Vergewaltigung. Meine besten Jahre verbrachte ich mit dem Studium der Gewalt, und nicht etwa bloß abstrakt und theoretisch, nein, ich habe meinen Figuren eine Existenz geschenkt, um diese Existenz anschließend in ein einziges Leiden, in eine große Pein zu verwandeln. Jeden Charakter, der meine Aufmerksamkeit erregte, muss man aufrichtig bemitleiden. Dem geneigten Publikum, das meine diesbezüglichen Interessen teilt, habe ich reichlich Gelegenheit gegeben, die verzweifelten Versuche dieser armen Kreaturen, ihrem Unheil zu entrinnen, in allen Einzelheiten und aus der Nähe zu studieren. Oft wurden diese Kalamitäten von einigen der begabtesten Theatermenschen in Szene gesetzt und ausgeleuchtet, was der Anschaulichkeit und Lebensnähe gewiss keinen Abbruch getan hat.

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