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Dankesrede zum Büchnerpreis : Jeder meiner Fäden führt zu einem Massengrab

  • -Aktualisiert am

Sie sind nie weg gewesen

Und da man jetzt, in diesem Jahr, das Grundgesetz feiert, so muss ich Ihnen gestehen, dass ich ebenfalls vergessen hatte, wie einer seiner einflussreichsten Kommentatoren, ein Mann namens Theodor Maunz, ein Jurist und für viele Generationen, bis heute, persönlich und mit seinen Schriften ein Lehrmeister des juristischen Nachwuchses, wie er schon in den dreißiger Jahren den totalitären Staat gerechtfertigt hatte und bis zu seinem Tod in rechtsextremen Blättern privat und anonym seine Sicht der Welt verbreitete. Er führte ein veritables politisches Doppelleben, unter der Woche Demokrat, in der Freizeit Faschist. Nach welchen Maßstäben haben sie wohl ihre Kinder erzogen?

Und wenn ich, nur als Beispiel, in Richtung Sachsen schaue, muss ich zu meiner Erinnerungslücke stehen, in die der Schwiegervater des ersten Ministerpräsidenten des Freistaates gefallen war, ein Industrieller, der mit Zwangsarbeitern seine Fabriken betrieben hatte, unter anderem in Auschwitz, und ich hatte auch vergessen, dass er wie die meisten Industriellen sein Vermögen nach dem Krieg hatte behalten dürfen; auch vergessen, wie spendabel er gerade mit den politischen Parteien gewesen war, besonders mit jener seines Schwiegersohnes.

Was das alles zu bedeuten hat? Das ist eine gute Frage, man müsste sie in aller Ruhe und Gründlichkeit diskutieren. Doch die Voraussetzung dafür wäre, dass man sich erinnert. Sie sind also nicht plötzlich wieder da, die Nazis und ihr Gedankengut sind überhaupt nie weg gewesen, und jeder Demokrat, der darüber staunt, sollte sich vielleicht fragen, warum er es vergessen hat, und vor allem, wer uns all dies in Zukunft ins Gedächtnis rufen wird.

Verbrechen in Erinnerung behalten

Denn bald, jetzt, in diesen Tagen, verschwinden die letzten Zeugen. Irgendwann werden wir ohne Esther Bejarano auskommen müssen. Ruth Klüger und Primo Levi und Imre Kertész und Richard Glazar, sie waren nicht nur meine Lehrer, sie haben nicht nur mir die Richtung gezeigt, sie gaben jedem Demokraten, jenseits der politischen und weltanschaulichen Differenzen, die Orientierung. Wir werden in Zukunft ohne sie auskommen müssen, und die Unruhe, die Beliebigkeit und die innere Zerrüttung, die unsere Zeit bestimmen und die wir alle spüren, sie rühren auch daher. Es ist die Angst vor dem Vergessen, vom Verlust der Orientierung. Es bleibt die Aufgabe und Verantwortung meiner Generation, die Erinnerung lebendig zu halten. Wer den letzten Krieg vergisst, der bereitet schon den nächsten vor.

Meine Poetik, meine Dramaturgie war mir nie Selbstzweck. Jeden Wohlklang verstand ich als eine Form der Memotechnik, als Methode, um sich lebendig zu erinnern, zu empfinden, daran, was Menschen einander antun können, aber auch, dass es dabei keine Fatalität gibt, kein Müssen. Wir sind keine Puppen, wie Danton sich erhofft, es sind nicht unbekannte Gewalten, die an den Drähten ziehen. Freiheit und Empathie sind niemals umsonst, das ist wahr, aber möglich sind sie immer, in jedem Augenblick. Davon wollte und will ich erzählen.

In meinem dichterischen Bemühen fühle ich mich jenen wie Georg Büchner verbunden, denen Zynismus und Resignation nur andere Worte für Feigheit sind, jenen, die trotz aller Rückschläge an der Möglichkeit festhalten, dass wir eines Tages vom Lügen, Huren, Stehlen und Morden lassen und ungeteilt, als Menschheit, in Frieden werden leben können. Und da ich sehe, dass diese Akademie mit ihrem Preis dieses Bemühen nicht nur auszeichnet, sondern teilt und dies öffentlich bekundet, habe ich für weit mehr zu danken als für die Ehre und den Lorbeer. Was Sie mir heute überreichen, beweist, in all dem nicht alleine zu sein. Das Geschenk, für das ich Ihnen von Herzen danke, heißt Ermutigung, es heißt Zuversicht und Hoffnung.

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Zum Verfasser

Lukas Bärfuss hielt diese Rede am Samstag als Dank für die Verleihung des Büchnerpreises durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Die Ansprache wird am 2. Dezember beim Wallstein Verlag als Buch erscheinen.

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