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Dankesrede zum Büchnerpreis : Jeder meiner Fäden führt zu einem Massengrab

  • -Aktualisiert am

Und es ist diese Frage, die mich mit Georg Büchner verbindet. Was das denn sei, was in uns lügt, stiehlt, hurt und mordet, fragt der Revolutionär Georges Danton, als er in einer Nacht von den Erinnerungen an die von ihm verantworteten Septembermorde heimgesucht wird. Es ist ein Schlächter, der diese Frage stellt, einer, der nach Rechtfertigung für seine Taten sucht, und nur ein weiterer, der sich auf die Notwehr beruft, auf den Fluch, der sich auf seine Hand gelegt und ihn gezwungen habe. So tönen sie immer, die Mörder, ausnahmslos, sie argumentieren mit dem Sachzwang, dem Befehlsnotstand, dem Schicksal, dem sie ausgeliefert seien. Es scheint sie zu besänftigen, Danton jedenfalls wird danach ganz ruhig, bevor er seine Frau, Lucille, zu sich ins Mörderbett ruft.

Lasst uns wache Herzen haben

Aber nein, so weit sollten wir seither gekommen sein seit Büchner, dieses „das“ in jener Frage, es ist nicht in uns, es ist zwischen uns, vor uns, es ist da, man kann es lesen, man kann es hören, es ist in den Beschlüssen, den Anordnungen, den Dienstvorschriften, den Funktionszusammenhängen, den Einreiseformalitäten, den Fahrplänen, den Beförderungsbestimmungen. Wer mit dem Zug reist, so lernte ich bei Raul Hilberg, braucht eine Fahrkarte, Erwachsene zahlen den vollen Preis, Jugendliche die Hälfte, und nur Kinder unter sechs Jahren reisten gemäß den Tarifbestimmungen der Reichsbahn umsonst, per Freifahrt nach Auschwitz-Birkenau. Es ist nicht in uns, es ist zwischen uns.

Kein dunkler, metaphysischer Pfuhl zwingt uns zu diesem Taten. Und das wäre, eigentlich, eine gute Nachricht. Es braucht keine Chirurgen, um uns das Böse aus den Leibern zu operieren, mit wachen Sinnen und empfindsamen Herzen können wir die Gewalt erkennen, wir können sie zur Sprache bringen, und wenn wir den Mut haben und nicht um unser Leben fürchten, dann können wir uns gegen sie stellen und sie überwinden.

Falls man dem Menschen die Möglichkeit geben will, aus der Geschichte zu lernen, wäre die erste Voraussetzung, dass er sich dieser Geschichte erinnert. Aber leider vergisst er so leicht, und oft vergisst er gerade die entscheidenden Lektionen. So hatte ich zum Beispiel vergessen, dass es so etwas wie eine Entnazifizierung nicht gegeben hat. Es brauchte Esther Bejarano, die Musikerin und Überlebende von Auschwitz, um mich daran zu erinnern, an einem Januartag vor zwei Jahren, in einer sonntäglichen Talkshow anlässlich des Holocaust-Gedenktages.

Eigentlich hatte ich es gewusst, natürlich, aber irgendwann, man weiß nicht, wie und warum, ging einfach vergessen, dass die Kontinuität der nationalsozialistischen Eliten nach 1945 ungebrochen war. Ich hatte vergessen, dass die NSDAP im Mai 1945 7,5 Millionen Mitglieder hatte, und ich hatte vergessen, dass es bis ins Jahr 2006 vor deutschen Gerichten nur zu 6500 Urteilen gegen Nazis gekommen war. Von 1000 Parteimitgliedern blieben also 999 ganz ohne Strafe. In der Armee, in der Erziehung, in der Kunst, in der Politik machten sie sich nützlich, jeder auf seine Weise. Keine Staatsämter, auch nicht die höchsten, blieben den Nazis verwehrt.

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