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Dankesrede zum Büchnerpreis : Jeder meiner Fäden führt zu einem Massengrab

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Ein Imperium fiel, ohne Gewalt, friedlich, über Nacht, die Mauern fielen wie die Grenzen, die Raketen wurden überflüssig, und alle, die es erlebt haben, werden ein Leben lang mit Rührung und mit Stolz an diese Sternstunde der Menschheit denken, in diesen Tagen vor genau dreißig Jahren, und sie werden, sie müssen, sie dürfen den Menschen in Leipzig, in Dresden und in Berlin für immer dankbar sein.

Aber ach, der Frühling nach dem langen Winter währte nur kurz, denn schon im übernächsten April, ich war endgültig erwachsen geworden, sah man wieder ganz gewöhnliche Männer mit ganz gewöhnlichen Bierbäuchen in die Hügel um Sarajevo fahren und wahllos ganz gewöhnliche Menschen erschießen, Frauen, Kinder, Greise, die unten in der Stadt nach Brot oder nach Wasser anstanden. Man sah es morgens, mittags, abends, eintausendvierhundertfünfundzwanzig Tage lang, elftausend Leben blieben liegen in einer einzigen Stadt, Bosnien ein einziges Schlachthaus, hunderttausend Tote, und dieses, mein Europa, vor kurzem befreit, noch trunken vor Freude, war außerstande, etwas gegen Massenmord und Vertreibung zu unternehmen. In den Hauptstädten der freien Welt rollte man Mördern den roten Teppich aus, und wie jeder feige Mörder vor ihnen rechtfertigten sie sich mit Notwehr. Nichts Neues, auch nicht, dass sich gerade unter den musisch Begabten die abgefeimtesten Verbrecher fanden.

Das Böse in uns

So wurde ich erwachsen. Das war meine weltpolitische Erziehung. Meine erste und wichtigste Bildungsreise führte mich in jener Zeit nach Polen, an der Seite meines Freundes Michael. Seine Familie stammte ursprünglich aus einem Ort namens Wadowice. Es gab noch ein Haus da, und die polnische Regierung wollte wissen, ob es noch Ansprüche gebe seitens der Familie. Und so fuhren wir mit dem Zug über Berlin in diesen kleinen Ort, Geburtsort Karol Wojtylas, des späteren Papstes. Das Haus fanden wir bald, an der Tür noch der Davidstern, die Bewohner Roma, die sich ihrer Armut schämten und uns nicht hineinlassen wollten. Bis Auschwitz waren es ein paar Kilometer. Wir hatten es nicht vorgehabt, es gab keinen Plan, wir sprachen nicht darüber. Wir hätten uns die Feigheit niemals verziehen.

Ein Bus fuhr uns hin, ich erinnere mich an einen Fluss, an badende Menschen, an einen Busbahnhof, an das Schild, an die Baracken, an eine Bachstelze, und ich, kaum zwanzig, mit der Frage, wie das alles nur hatte geschehen können, was denn eigentlich mit diesem Kontinent, mit Europa, das Problem war. Dort bin ich geblieben, dort bin ich noch immer. An diesem Ort, mit dieser Frage. Sie hat mich gebildet. Ihr fühle ich mich verpflichtet. Dass ich hier stehe, heute, auf dieser Bühne, habe ich dem zwanzigsten Jahrhundert zu verdanken.

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