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Dankesrede zum Büchnerpreis : Jeder meiner Fäden führt zu einem Massengrab

  • -Aktualisiert am

Diesen Szenarien des Schmerzes, ich darf es Ihnen versichern, ist eine lebendige, eine sehr lebendige Vorstellung nicht nur gefolgt, sondern auch vorausgegangen. So habe ich das Geräusch gehört, und es klingt noch in meinen Ohren, wie Hermann der Erika die Finger bricht. Dora bin ich in jenes Hotelzimmer gefolgt, neben David habe ich mich hinter das Notstromaggregat verkrochen und gewiss zehnmal hundert Tage in diesem verfluchten Garten von Haus Amsar verbracht. Ich bin in die Archive gestiegen, und wann immer sich eine besonders aparte Perversion enthüllte, habe ich daraus eine Szene, ein Kapitel oder einen Absatz möglichst akkurat geformt.

Bestimmt von Angst

Weniges war mir heilig, und auch mit der Fiktion kann ich mich nicht herausreden. Mein eigenes Brüderchen, dieser arme Mensch, war mir Material, seine Asche war mir Material, sein Schmerz, sein Leid, es war mir Material, es war mir Stoff, ich habe seinen Kummer vor der Öffentlichkeit ausgebreitet, habe das Publikum in jenes Badezimmer geführt, in dem er seinen letzten Augenblick verbrachte, ich ließ es einen Blick erhaschen auf sein nacktes Elend, und wie jeder Schausteller habe ich für meine Attraktionen von jedem Zuschauer natürlich Eintritt genommen.

Für all dies überreichen Sie mir heute eine Urkunde, und wenn es bei anderer Gelegenheit auch nicht unbedingt ein Attest, eine Überweisung oder eine Diagnose zu sein braucht, so wäre die Frage gewiss nicht abwegig, was denn eigentlich zum Kuckuck mein Problem sei.

Das allerdings ist sehr schnell beantwortet. Ich bin ein Schriftsteller aus dem Europa des zwanzigsten Jahrhunderts: Welchen Faden ich auch immer aufnehme, hinter der nächsten oder spätestens der übernächsten Ecke führt er zu einem Massengrab. Aufgewachsen bin ich in einer Zeit, die man den Kalten Krieg nennt, bloß eine weitere unter den vielen freudlosen Epochen der Menschheitsgeschichte. Durch den Kontinent, von Nord nach Süd, verlief eine Grenze, bewehrt mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Minenfeldern.

Auf beiden Seiten standen Hunderte, Tausende Raketen, jede bestückt mit einem Nuklearsprengkopf. Jeden Tag rechneten wir mit der Möglichkeit der augenblicklichen und vollständigen Vernichtung dessen, was man menschliche Zivilisation nennt, entweder durch Irrtum oder Vorsatz, was im Ergebnis dasselbe bleibt. Es gab nicht die kleinste Aussicht, dass sich in unserer Lebenszeit etwas ändern könnte. Die Verhältnisse waren betoniert, der Hass der beiden Lager existentiell und so unüberwindlich wie der Eiserne Vorhang.

Die Euphorie währte nur kurz

Doch es kam ein gewisser Herbst, und da geschah etwas, ein ganz und gar unvorhergesehenes Ereignis, ohne Ankündigung, von einem Moment auf den anderen war alles, einfach alles verändert, was der Definition eines Wunders ziemlich nahe kommt. Die Menschen jenseits der Grenze, im Osten, verloren die Angst, die sie fast ein halbes Jahrhundert geknebelt und gefesselt hatte, und sie erhoben sich.

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