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Das Cover von „Wir waren Charlie“ Bild: Verlag Reprodukt

Neue Graphic Novels : Wie kann man den Verlust geliebter Menschen zeichnen?

Die Comicautoren Tina Brenneisen, Nick Drnaso und Luz zeigen, was Weiterlebenmüssen bedeutet – für diejenigen, denen Menschen genommen wurden.

          6 Min.

          Vor kurzem sind drei herausragende Comics erschienen, die thematisch eines eint: das Leben nach dem Tod. Nicht im religiösen Sinne, sondern als Fallstudien über Hinterbliebene, Weiterlebenmüssende also. Und zugleich erzählen alle drei Comics beklemmend über unsere Gegenwart, obwohl der eine als Paarporträt ganz privat ist, der zweite als Phänomenologie der Sozialen Medien ganz öffentlich und der dritte als Hommage an ein Redaktionskollektiv ganz politisch. Was den Stil betrifft, sind sie sowohl graphisch als auch erzählerisch denkbar unterschiedlich angelegt. Der erste Comic heißt „Das Licht, das Schatten leert“ und kommt aus Deutschland, geschrieben und gezeichnet hat ihn Tina Brenneisen. Der zweite heißt „Sabrina“ und kommt aus den Vereinigten Staaten, geschrieben und gezeichnet hat ihn Nick Drnaso. Der dritte heißt „Wir waren Charlie“ und kommt aus Frankreich, geschrieben und gezeichnet hat ihn Luz.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Luz ist ein Pseudonym, und trotzdem ist Rénald Luzier (wie der Autor mit bürgerlichem Namen heißt) der berühmteste dieser drei Comic-Künstler. Nicht, dass er sich Berühmtheit je auf die Weise gewünscht hätte, in der sie ihn ereilte: Am 7. Januar 2015 überlebte Luz das Attentat auf die Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, und zwar deshalb, weil es an seinem Geburtstag stattfand und seine Freundin ihn nicht rechtzeitig zur wöchentlichen Konferenz aus dem Haus ließ. Als er dann in der Rue Nicolas Appert vor dem Redaktionssitz eintraf, fielen drinnen gerade die tödlichen Schüsse. Über dieses Erlebnis, vor allem aber seine daraus resultierende Traumatisierung hat Luz schon wenige Monate danach den Comicband „Katharsis“ publiziert. Zugleich verließ er damals die Redaktion von „Charlie Hebdo“. Er hielt die ständige Konfrontation mit der Vergangenheit nicht mehr aus.

          Ausschnitt aus „Wir waren Charlie“: Luz erwacht aus unruhigen Träumen.

          Wieso dann nun mit „Wir waren Charlie“ (im Original: „Indélébiles“ – Unauslöschliche), erschienen beim Reprodukt Verlag, der mittlerweile ersten deutschen Adresse für „Autoren-Comics“, ein weiteres Buch aus seiner Feder zu diesem Thema? Weil Luz zwar immer noch unter Polizeischutz steht, aber so weit ins Leben zurückgefunden hat, dass er nun seine schönen Erinnerungen an zwanzig Jahre bei „Charlie Hebdo“ aufgezeichnet hat. Selbstverständlich stehen aber auch sie weiter im Schatten seiner acht Freunde, die beim Attentat von 2015 starben, zumal zwei von ihnen, der Chefredakteur Charb und der Zeichnerveteran Cabu, die Mentoren von Luz bei der Zeitschrift waren. Liebevoll – was zumindest bei Charbs brachialem Humorverständnis etwas heißen will – holt Luz diese beiden Persönlichkeiten vor unseren Augen ins Leben zurück, macht sie tatsächlich unauslöschlich, zumindest solange wir leben, die wir diesen Comic gelesen haben.

          Das Cover von Nick Drnasos „Sabrina“

          Zu Beginn erwacht der Luz der Geschichte aus unruhigen Träumen, und die Passagen, die zeitlich nach dem Mord angesiedelt sind, hat der wandlungsreiche Zeichner als dominant blau aquarellierte Bilder angelegt – Nocturnes, aus denen sich dann die in schwarzweißem karikaturesken Strich gehaltenen Rückblicke auf seine Zeit in der Redaktion entwickeln. Man erfährt darin erstaunliche Interna über die Arbeit in diesem Satiremagazin und noch viel mehr über die charakterlichen Unterschiede der Belegschaft; die Geschichte von „Charlie Hebdo“ wird ohne Kenntnis von Luz’ Comic künftig nicht mehr erzählt werden können.

          Aber noch viel interessanter ist das Selbstverständnis der Redaktion als kritische Intellektuelle, das in der Öffentlichkeit keinen breiten Widerhall gefunden hat. „Wir waren Charlie“ ist somit eine politische Erzählung sondergleichen, weil hier die Frage nach Meinungsfreiheit und dem Willen, sie zu verteidigen, ständig präsent ist. Und beim Finale des mehr als dreihundertseitigen Bandes, wenn in die schwarzweißen Rückblicke plötzlich blaue Aquarellfarbe einzieht, überführt Luz auch sein Presse-Ideal in die Gegenwart, ehe ganz am Ende, auf den letzten im Jetzt angesiedelten beiden Seiten, der Pinsel als Werkzeug des Aquarellkünstlers gegen die Feder des Karikaturisten getauscht wird: ein Bekenntnis zur eigenen Geschichte und zugleich die Wiedergeburt des 2015 von ihm selbst begrabenen Karikaturisten Luz.

          Ausschnitte aus „Sabrina“: Soldat Wrobel gleitet vom Wachsein in einen dunklen Schlaf.

          Unter den drei Comics zum Weiterlebenmüssen ist dieser der einzige, der auf einer rundweg positiven Note endet. An Nick Drnasos „Sabrina“ ist seit dessen Erscheinen dagegen bewundert worden, wie kompromisslos skeptisch diese Geschichte erzählt wird. Als erstem Comic überhaupt brachte das dem Buch im vergangenen Frühjahr die Nominierung auf der Shortlist des Man-Booker-Preises ein, der angesehensten literarischen Auszeichnung der englischsprachigen Welt. Er gewann zwar nicht, doch in der ganzen Welt riss man sich um die Übersetzungsrechte; in Deutschland machte mit Blumenbar ein Verlag das Rennen, der noch nie einen Comic publiziert hatte. Doch „Sabrina“ passt perfekt zu dem auf anspruchsvolle Literatur spezialisierten feinen Haus, das zur Aufbau-Verlagsgruppe gehört. Mit Karen Köhler sicherte man sich zudem eine Übersetzerin, die selbst zu den meistbeachteten jungen deutschsprachigen Autorinnen gehört; sie absolvierte die Aufgabe gemeinsam mit Daniel Beskos, der als Chef des Mairisch Verlags mit Comics ebenso vertraut umgeht wie mit Literatur. Das Resultat überzeugt sprachlich durchweg, und das will angesichts der Textfülle und Stimmvariationsbreite im zweihundertseitigen „Sabrina“ einiges heißen.

          Tina Brenneisen: „Das Licht, das Schatten leert“

          Wobei Drnaso immer wieder auch ganz ruhige, also „stumme“ Sequenzen zwischenschaltet, Nebengeräusche haben gleich gar keinen Platz in seinem Comic; wenn etwa das Autoradio eingeschaltet wird, „hört“ man als Leser nichts. Hauptgeräusche dagegen sind extrem präsent: Türklingeln oder -klopfen etwa, ganz zu schweigen von einem daheim gehörten Radioprogramm, das ein apokalyptischer Verschwörungstheoretiker bestreitet: Ganze Doppelseiten in „Sabrina“ sind mit seinem Sermon gefüllt, und dazu passiert in den Bildern selbst nicht mehr, als dass Teddy King, ein junger Mann, immer faszinierter diesen wirren Worten der Welterklärung, einem Konfusianismus, lauscht.

          Teddy war der Freund der Titelheldin, jener Sabrina, die aber im Comic nur ganz zu Beginn in ihrer Heimatstadt Chicago auftritt, weil sie kurz danach verschwindet und, wie man nach einem Drittel der Handlung erfährt, bestialisch ermordet wird. Die schreckliche Bestätigung stammt vom Täter selbst, der seinen Mord filmte, die Videokassetten an Medienhäuser ins ganze Land verschickte und sich dann selbst umbrachte. Man kennt solche Fälle aus der (nicht nur) amerikanischen Wirklichkeit zur Genüge, und natürlich gelangt auch hier eine Kopie des Snuff-Videos ins Internet. Zugleich artikulieren sich über die unterschiedlichsten medialen Kanäle Zweifler am Geschehen. Was so etwas für die Angehörigen bedeutet, kann man sich denken. Man konnte es aber noch nie so deutlich sehen wie in Drnasos „Sabrina“.

          Ein Soldat als unerwarteter Protagonist

          Dabei stehen im Mittelpunkt dieses Comics nicht Teddy oder Sabrinas Schwester Sandra, sondern das Zentrum ist der in Colorado lebende Air-Force-Angehörige Calvin Wrobel, ein Schulfreund von Teddy, bei dem dieser Zuflucht sucht, weil er mit der Gegenwart nach Sabrinas Verschwinden nicht mehr zurechtkommt. Calvin hat seine eigenen familiären Probleme, doch er kümmert sich einfühlsam um den Gast, obwohl der immer unzugänglicher wird. Zugleich gerät Calvin, der bei der Air Force für Internet-Überwachungstechnik zuständig ist, in den Fokus der Medien, die nach dem Auftauchen des Hinrichtungsvideos nach Angehörigen gieren, und der Verschwörungstheroretiker, denen er als Militär perfekt in die krude Gedankenwelt passt.

          Der medial vermittelte, aber auch angezettelte Ausnahmezustand ist das eigentliche Thema von „Sabrina“, einem meisterhaft komponierten Bilderroman, dem man den Einfluss von Chris Ware nicht nur in den Zeichnungen anmerkt. Sie sind bewusst statisch, die Figuren gleichen in ihrer reduzierten Individualität bisweilen Piktogrammen, zur Unterscheidung gerade der Militärangehörigen in Uniform braucht es genaue Lektüre. Diese Welt wird aus Worten konstruiert – und dekonstruiert.

          Bei Tina Brenneisens „Das Licht, das Schatten leert“ ist es genau umgekehrt: Hier sprechen vor allem die Bilder. Die Geschichte ist erklärtermaßen autobiographisch, es geht um die Verarbeitung eines kurz vor der geplanten Geburt im Mutterleib gestorbenen Kindes. Wie die Berliner Zeichnerin die Verzweiflung des Elternpaares ins Bild setzt, mit immer wieder deformierten Konturen und expressivem Form- und Farbeinsatz, das gleicht einem graphischen Schrei. Entsprechend intensiv ist das Lektüreerlebnis, aber es entspricht in seiner Gewalttätigkeit dem unerwarteten Einbruch des Todes in das Leben einer Familie, die nun nicht einmal weiß, ob sie es je sein wird – Lasse, wie der Sohn hätte heißen sollen, war das erste Kind. Die Trauer der Eltern ist derart überwältigend, dass für die Umwelt keinerlei Raum bleibt: weder metaphorisch noch buchstäblich. Beide verriegeln sich in ihrer Wohnung, und wenn es denn doch einmal zu Konfrontationen mit der Außenwelt kommt, sind das agoraphobische Erlebnisse. Und radikale Enttäuschungen über die Tatsache, dass alle anderen Leben einfach weitergehen.

          Nicht nur, weil der Tod ungeborener Kinder oft tabuisiert wird, ist dieser Comic ein Ausnahmefall. Er ist es auch in seiner paradox erscheinenden Lebensbejahung, die er schließlich doch vermittelt. Tina Brenneisen zeichnete ihn gewissermaßen als Therapie, 230 Seiten lang. Freunde überredeten sie dazu, ihn beim Leibinger-Comicbuchpreis einzureichen; er gewann, doch bis zur Publikation vergingen noch einmal zwei Jahre, weil Brenneisen zögerte, diese höchstpersönliche Geschichte allgemein zugänglich zu machen. Dass es nun bei der Edition Moderne, einem höchst ambitionierten Schweizer Comicverlag, der immer schon ein starkes autofiktionales Segment hatte (Tardi, Satrapi, Sacco, Guibert, David B.), geschieht, ist ein Glück für den deutschen Comic.

          Aus drei Ländern kommen diese drei Comics, doch sie sprechen mit einer Stimme, sosehr sie sich auch unterscheiden: davon, dass vorzeitiges Sterben viel mehr tötet als die jeweiligen Todesopfer. Mit ihnen stirbt auch die Welt ihrer Vertrauten, wie die sie kannten, und der doppelte Verlust macht die Bewältigung des Schmerzes vielfach schwieriger. Tina Brenneisen, Nick Drnaso und Luz haben Bücher geschaffen, die auch die Glücklichen, die keine derartigen Erfahrungen gemacht haben, verstehen lassen, was da geschieht. Sie bauen die Welt für die Leidtragenden ein Stück weit wieder auf. Der Rest ist dann an uns.

          Tina Brenneisen: „Das Licht, das Schatten leert“. Edition Moderne, Zürich 2019. 240 S., br., 29,– .

          Nick Drnaso: „Sabrina“. Aus dem Amerikanischen von Karen Köhler und Daniel Beskos. Blumenbar Verlag, Berlin 2019. 205 S., geb., 26,– .

          Luz: „Wir waren Charlie“. Aus dem Französischen von Vincent Julien Piot, Karola Bartsch und Tobias Müller. Reprodukt Verlag, Berlin 2019. 320 S., br., 29,– .

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