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Neuer Comic von Steven Appleby : Vergesst Batman! Hier ist Dragman!

Schluss mit der Geheimniskrämerei: Dragman (auf seinem Rücken Dog Girl) fliegt Patrouille über London. Bild: Steven Appleby / Jonathan Cape

Ein sozial engagierter Roman, der selbst verkleidet ist, als Krimi und als Superhelden-Abenteuer: Steven Appleby betreibt mit seinem neuen Comic Travestie in jeder Hinsicht.

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          Vor Volker Reiches legendärem „Strizz“, der 2002 startete und heute noch in der „Frankfurter Allgemeinen Woche“ läuft, gab es im F.A.Z.-Feuilleton bereits einen anderen täglichen Comic: „Steven Applebys Normales Leben“, ein witziges Spiel mit Motiven aus Wissenschaft, Psychologie und Alltag. Und der Brite hatte einige Monate lang schon vorgemacht, was Volker Reiche dann unbegreiflicherweise fast zehn Jahre lang schaffen sollte: einen Comic-Strip täglich aktuell zu zeichnen. Appleby hat in einem Interview später erklärt, dass die Tätigkeit für die F.A.Z. die anstrengendste seines Lebens gewesen sei. Nach nur acht Monaten war die Zusammenarbeit deshalb wieder vorbei.

          Andreas Platthaus
          (apl), Feuilleton

          Seitdem ist leider kaum noch etwas von Appleby ins Deutsche übersetzt worden. Doch das sollte sich nun dringend ändern, denn jetzt ist die bislang ehrgeizigste Arbeit des Zeichners erschienen (bei Jonathan Cape, London): „Dragman“ heißt der Comic. Er ist sowohl hochkomisch als auch tiefbewegend. Denn Steven Appleby erzählt darin einen Teil seines Lebens.

          Niemand sollte jetzt allerdings meinen, es handelte sich bei „Dragman“ um ein autobiographisches Werk. Eine kurze Inhaltsbeschreibung mag dem vorbeugen: In einem London der Gegenwart gibt es Superhelden, viele sogar, und sie sind derart alltäglich (aber auch dermaßen unmoralisch) geworden, dass sie Rettungsdienste meist nur noch gegen Bares anbieten. Deshalb gibt es eine Superhelden-Einsatzversicherung, das Äquivalent zu unserer Unfallversicherung. Im Fernsehen reüssiert ein einzelner Held namens The Fist mit einer hübschen Super-Assistentin zum Quoten-Hit, und eine Standesorganisation wacht darüber, dass nicht jeder dahergelaufene Überbegabte gleich ins Geschäft einsteigt. Deshalb hat der Titelheld Dragman am Beginn der Handlung sein Kostüm bereits wieder abgelegt.

          Mit dem Seidenstrumpf zur Superkraft

          Wo um alles in der Welt sollte in einem solchen seit Alan Moore gängigen, dystopischen Gesellschaftsentwurf eines Superheldencomics Platz für irgendetwas aus Steven Applebys eigenem Leben sein? Nun war auch schon sein „Normal Life“ alles andere als normal, und trotzdem trat der Zeichner darin unter eigenem Namen als Hauptfigur auf. Das passiert in „Dragman“ nicht, aber es ist etwas viel Wichtigeres eingeflossen als der Name: Herzblut. Das Stück wahren Appleby-Lebens im liebevoll verfälschten von „Dragman“ ist just das abgelegte Kostüm des Titelhelden. Dragman heißt eigentlich August Crimp, kümmert sich im bürgerlichen Leben daheim um seinen kleinen Sohn Goliath und ist verheiratet mit der wunderschönen Schreinerin Mary, deren Eltern Kollateral-Opfer bei einem Superhelden-Einsatz wurden, weshalb sie nicht gut auf Weltretter zu sprechen ist. Besser also, dass sie gar nicht weiß, dass ihr Gatte früher einmal Dragman war. Sein altes Kostüm hält er deshalb vor ihr versteckt.

          Dieses Kostüm besteht aus Frauenkleidern. Denn als August Crimp als junger Mann neugierig einen Seidenstrumpf seiner Mutter anzog, merkte er, dass ihm dadurch die Kraft verliehen wurde zu fliegen. Da er sich schon als Kind gerne wie ein Mädchen angezogen hatte, machte er seine Faszination fortan als Erwachsener zur Mission – bis die Superheldengilde ihn verstieß, weil Transvestiten dort unerwünscht waren. Und der Zeichner Steven Appleby ist selbst ein Transvestit.

          Die faszinierendste Superkraft in der Geschichte des Genres

          Jahrzehntelang lebte Appleby diese Leidenschaft im Verborgenen aus, seit 2007 aber zeigt er sie öffentlich und trägt nur noch Frauenkleider. Freunde und Familie (auch Appleby ist verheiratet – mit einer Schreinerin – und hat Kinder) stärkten ihm den Rücken: In einem Nachwort zum Comic, das mit dem Satz „Ich bin nicht August Crimp“ beginnt, erzählt er von seinen Erfahrungen, die ausschließlich positiv waren. In der Tat: Das ist ganz anders als bei August Crimp. Was die literarische Figur mit Appleby verbindet, ist jedoch der Triumph ihres jeweils wahren Ichs am Ende, der eben darin besteht, dass ein Mann sich als Frau wohlfühlt und entsprechend leben kann. Und damit ist das Ende von „Dragman“ schon verraten.

          Aber das ist egal, denn zuvor passiert dermaßen viel, dass eine Nacherzählung eher mehr als jene dreihundert Seiten erfordern würde, die der Comic umfasst. Hier wird höchst komplex erzählt: mittels eingestreuter Prosa-Passagen und vielfach verschachtelter Rückblenden, deren Unterscheidung den Lesern aber mittels comicspezifischer Mittel erleichtert wird – durch Wechsel von Farbe zu Schwarzweiß, variierende Rahmenlinien und überhaupt alles, was das Theorielehrbuch dieser Erzählform hergibt. Das aber geschieht so spielerisch leicht, dass die zeichnerische Virtuosität kaum auffällt.

          Appleby zeichnet nur scheinbar in wilden Linien; in Wahrheit sind sie alles andere als planlos. Seine Ahnherren sind die Cartoonisten der fünfziger und sechziger Jahre, und wenn es heute noch einen legitimen Erben von Ronald Searle gibt, dann Appleby. „Dragman“ setzt die expressive Leichtigkeit der früheren Serien ihres Zeichners fort, ist aber dank der schönen Teilkolorierung von Nicola Sherring (die Schreinerin an seiner Seite!) und Grau-Lavierungen bei den Rückblicken gefälliger als die bisherigen Strip-Serien und Einzelcartoons. Appleby hat hier einen sozial engagierten Comicroman geschaffen, der selbst verkleidet ist: als Krimi (es gibt einen Serienmörder) und als Superhelden-Abenteuer. Das entspricht den allgemeinen Erwartungen an eine Graphic Novel ebenso wie den speziellen Hoffnungen seiner Fans auf Kontinuität bei Applebys bizarrem Humor und tiefer Humanität.

          Wie solche Elemente übers Gefällige einem großen Publikum schmackhaft gemacht werden können, das führt „Dragman“ exemplarisch vor. Die Stunden der Lektüre verfliegen, weil man den Figuren so nah ist und gleichzeitig von der Detailfülle der Dekors so begeistert. Allein die verschiedenen doppelseitigen Flugpanoramen über London! Und dann die Kontraste zwischen Typen wie dem perfiden The Fist und Dog Girl, der treuen Superhelden-Freundin von Dragman, oder zwischen so vielschichtig konzipierten Figuren wie August Crimp selbst und dem fehlgeleiteten Superhelden The Believer, für den sich Appleby die faszinierendste Superkraft in der Geschichte des Genres ausgedacht hat: The Believer ist jeweils das, was er glaubt. Man möchte selbst nicht glauben, dass das reicht, aber so ist es. Das ist natürlich auch ein Metakommentar auf Applebys eigene sexuell-soziale Disposition. Ansonsten aber wird sie in einer Unmittelbarkeit zum Thema dieses Comics, die rührt und fesselt. Wer nach der Lektüre noch die Frage nach der Legitimität des Verlangens von Transpersonen nach Anerkennung ihrer Lebensweise stellt, dürfte ein so kaltes Herz haben wie The Fist. In den vergangenen Jahren sind diverse genderpolitische Comics erschienen, aber erst „Dragman“ geht nun dieses Thema ebenso lustvoll wie geistreich an. Ein Geniestreich.

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