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Colm Tóibíns Essay über Krebs : Er auf seiner Höllenfahrt

Seit Colm Tóibíns Essay vor einigen Tagen auf der Website des „London Review of Books“ erschien, haben zahllose Medien darauf reagiert. Bild: Picture-Alliance

Verdrängen, bis der Onkologe kommt: Der irische Schriftsteller Colm Tóibín schreibt einen erschütternden Essay über seine Krebserkrankung.

          „It all started with my balls“: Der Satz, mit dem der irische Schriftsteller Colm Tóibín den Essay über seine Krebserkrankung beginnt, liest sich im Original sicherlich etwas lockerer als auf Deutsch. Und doch geht es in dem rund dreißig Seiten langen, Satz um Satz erschütternden Stück, das die Kulturzeitschrift „London Review of Books“ jetzt veröffentlicht hat, auch darum: was sich über existentielle Grenzsituationen sagen lässt und was nicht; wohin Sprache vordringen kann, wenn ein Künstler sie ein Leben lang geschliffen hat; und am Ende auch, was das Schreiben über Angst, körperlichen Schmerz und nachtschwarzes Elend den Nichtkranken zu sagen hat.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Es begann also mit seinen Eiern – einem Schmerz, einer Schwellung, einer ersten ärztlichen Untersuchung und ein paar Tests. Dann Weiterleben, Reisen zwischen Kontinenten, wichtige Dinge. Sagen wir: Verdrängen, weil niemand gern darüber nachdenkt, was in den intimeren Zonen seines Körpers nicht stimmen könnte. Bis Ignorieren nicht mehr geht. Die Onkologie kommt ins Spiel, eines führt zum anderen: die Höllenfahrt, die für jeden Kranken eine andere ist und von der sich wohl nur in der Literatur so berichten lässt, dass andere etwas damit anfangen können.

          Die moderne Krankheitsliteratur will Ehrlichkeit

          Colm Tóibín, geboren 1955, pendelt zum Zeitpunkt seiner Erkrankung zwischen Südkalifornien, New York, Dublin und seinem Rückzugsort in den Pyrenäen. In Amerika hält er sich wegen ehrenvoller Professuren auf. Erstmals teilt er sein Leben dauerhaft mit einem Partner, wie er vor zwei Jahren in Berlin erzählte, und es gefällt ihm. Jetzt schleudert ihn die Krebserkrankung aus alldem heraus, zwingt ihn in eine lange Chemotherapie in Irland und schickt ihn auf einen monatelangen Kreuzweg, dessen Ende nicht absehbar ist. Auch heute noch nicht.

          Spätestens seit den Aids-Berichten der achtziger und neunziger Jahre, die ein eigenes literarisches Genre begründeten, hat die Kunst der autobiographischen Krankheitsbeschreibung mit Alltäglichkeit und dem banalen Sosein der Dinge zu tun – mit Krankenhausbürokratie, dem Temperament von Ärzten und Pflegepersonal, der Prozession der Pillen und den verschiedenen Flüssigkeiten, die aus dem Körper hinaus- oder in ihn hineinlaufen. Aber auch mit dem Entschluss, Schamgrenzen zu queren und das Schweigen zu brechen. Manchmal steht am Ende der Aids-Tod wie bei dem Franzosen Hervé Guivert („Mitleidsprotokoll“) oder dem Amerikaner Harold Brodkey („Die Geschichte meines Todes“). Die moderne Krankheitsliteratur will weder erbaulich sein – also Trost spenden, wo keiner zu haben ist – noch klinisches Grauen als Selbstzweck produzieren, sondern: Ehrlichkeit, Einsicht, Transparenz.

          Es ist wohl kein Zufall, dass Tóibín, der in seinen Essays oft über die Verhüllungsstrategien homosexueller Künstler geschrieben hat, weil er selbst einer ist, jetzt einen solch wahrhaftigen Text schreiben konnte. Von der ersten Zeile an gelingt es ihm, seine Leser zu berühren und nah an seine Seite zu holen. Kein einziger falscher Ton: Dieser Autor, der schon früh in seiner Laufbahn mit psychologischer Meisterschaft beschädigte ältere Menschen geschildert hat – etwa in „Flammende Heide“ (1992) –, macht sich selbst auf uneitle Weise durchlässig, ja durchsichtig. Medizinisches Detail muss sein – aber in Grenzen. Andererseits sind wir erwachsene Menschen, da verbieten sich Euphemismen. Als zwei junge Männer in Kitteln sich zur Vorbereitung des Ultraschalls an den Geschlechtsteilen des Autors zu schaffen machen, sagt der eine zu ihm: „Ich weiß, das ist jetzt peinlich für Sie.“ Tóibíns Antwort: „Wenn Sie so alt sind wie ich, ist nichts mehr peinlich.“

          Auch ein Agnostiker bleibt katholischer Ire

          Dieselbe Diskretion gilt für den Humor, der hier und da aufblitzt. Als Tóibín es vor Schmerzen kaum noch aushält und abermals dringend ins Krankenhaus muss, fällt ihm ein, dass der Papst sich auf Dublin-Besuch befindet und die halbe Stadt abgesperrt ist. Sofort fragt er sich, ob er in den letzten Jahren nicht zu kritisch über Franziskus I. geschrieben hat und ob ihm jetzt dafür womöglich die Rechnung von oben präsentiert wird. Auch ein Agnostiker bleibt katholischer Ire.

          Was sonst noch? Tóibín weiß jetzt, was Ärzte und Pflegepersonal leisten („ich mochte jeden dort, und das war eine Hilfe“). Dass Trinken ein Luxus sein kann. Dass er für den Rest seines Lebens das Geschrei der Dubliner Seemöwen hassen wird. Dass körperliche Schwäche demütigend ist und auch das mit Demut ertragen werden muss. Dass man kindliche Dankbarkeit empfindet für Medikamente, die einen zudröhnen.

          Seit Tóibíns Essay vor einigen Tagen frei zugänglich auf der Website des „London Review of Books“ erschien, haben zahllose Medien in Großbritannien und Irland darauf reagiert. Nicht nur, weil es sich um einen der großen zeitgenössischen Erzähler englischer Sprache handelt. Sondern weil hier ein bedeutendes Stück Lebensliteratur entstanden ist. „Berauben wir ihn seiner Unheimlichkeit“, hat Montaigne über den Tod geschrieben, „pflegen wir Umgang mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn...“ Aber nur wenige Autoren schaffen es wie Colm Tóibín, uns dabei zu helfen.

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