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Clemens Setz in Klagenfurt : „Man sieht euch an den Rändern flackern“

  • -Aktualisiert am

Clemens Setz in Klagenfurt bei seiner Rede zum Bachmann-Wettbewerb Bild: Picture-Alliance

Ein spielerisch-lässiger, dabei profund und glänzend komponierter Ritt durch die Kulturgeschichte von Cervantes bis zu Kevin Spacey: Clemens Setz’ Rede beim Bachmannpreis war ein Meisterstück.

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          Don Quijote ist nur der Kampfname eines Wrestlers, so wie Hulk Hogan, The Undertaker oder André the Giant. Weil der Job des Windmühlenwrestlers ihn ruft, vergisst Herr Alonso Quijano seine frühere Identität und geht ganz im Quixotismus auf. Von Menschen, die ihren Taufnamen fahren lassen und nur noch in einer Rolle leben, handelte auch die diesjährige Klagenfurter Rede zur Literatur, mit der traditionell der Wettbewerb um den Bachmannpreis beginnt. Dem österreichischen Schriftsteller Clemens Setz ist darin das Kunststück gelungen, einen ästhetischen Zentralbegriff zu finden, der für die sowohl für Literatur und ihren Betrieb als auch für die politische Gegenwart und nicht zuletzt jedes individuelle Leben eine Schlüsselfunktion haben kann: Als „Kayfabe“ bezeichnet man im Show-Wrestling die vorgeschriebene Dramaturgie, an die sich die Kämpfer zu halten haben, und die oft auch auf ihre gesamte Existenz übergreift: „Kayfabe wird in den großen Wrestlingverbänden zum Teil so dogmatisch umgesetzt, dass viele Profiwrestler in ihrem privaten Leben die vom Management über sie verhängte Persona wie selbstverständlich weiterspielen und sogar ausbauen.“

          Aus diesem Prinzip schlug Setz Funken in einem spielerisch-lässigen, dabei profunden und glänzend komponierten Ritt durch die Kulturgeschichte von Cervantes bis zu Kevin Spaceys gespenstischem Youtube-Video, in dem er auf Vorwürfe gegen seine Person in der Rolle des Frank Underwood aus „House of Cards“ reagiert. Aber Setz kam auch auf die Rollen zu sprechen, die Schriftsteller sich selbst geben: „Sie sitzen in Kammern, entwickeln dort ihren Stil, als wäre es ihr Charakter, verlieren sich jahrelang in Aufenthaltsstipendien, und dann wachen sie eines Tages auf und sind Dichter, wie aus dem Schullesebuch. Ihre eigenen Kinder stören sie. Sie verlangen nach staatlicher oder privater Förderung. Sie verheben sich an jeder Verantwortung. Sie ziehen nach Berlin.“

          Was der Kayfabe-Begriff nicht zuletzt auch für das Show-Wrestling des Bachmannpreis-Wettbewerbs selbst an witzigen Analogien, vielleicht auch Spitzen gegen die Jury birgt, kann man erschreckt oder amüsiert im Archiv nachsehen sowie bis Sonntag jeden Tag live und in Farbe verfolgen. Aber damit nicht genug, hat Clemens Setz schließlich auch noch eine Brücke vom zwischen Kayfabe den schlechten „Storylines“ heutiger Rechtspopulisten geschlagen, denen leider massenhaft Menschen auf den Leim gehen. Aus ihnen gehe das hervor, „was wir später als die Pogrome unserer Gegenwart erkennen werden.“ Bei dieser fatalistischen Analyse beließ Setz es aber nicht: Er sagte den Rechtspopulisten letztlich doch das Verschwinden voraus. „Man sieht euch bereits an den Rändern flackern. Euer System ist ein geschlossenes, und wie alle geschlossenen Systeme erstickt es irgendwann an sich selbst. Ihr wisst gar nicht mehr, wer euch schreibt.“ Die Ambivalenz zwischen Humor und Ernst, die triftige Auslegung der Grundidee in ganz verschiedene Systeme sowie die Integrität, mit der Clemens Setz alle Aspekte der Kayfabe-Realität zusammengebunden hat, machen diese Rede – nachzulesen auf der Bachmannpreis-Webseite sowie in einem Büchlein der Edition Meerauge – zu einem Meisterstück.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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