https://www.faz.net/-gr0-9egem

Neue Blüte der Poesie : Wo die Lyrik der Ökonomie weit voraus ist

  • -Aktualisiert am

Studie der Urteilsfindung

Greifen da nicht einfach zwei verschiedene Erlebnisstrukturen ineinander, einmal in Vers-, einmal in Tagebuchform? Das stimmt einerseits. Aber wenn es andererseits heißt „Alles liegt bewegungslos und schwarz“, dann geht es bei dieser Nacht-und-Nebel-Aktion um den schwarz gedruckten Text an dem weißen Blatt Papier. Wenn im Anschluss auf das „man sieht jetzt“ ein Gedankenstrich folgt, der die Zeit des Denkens markiert, dann fordert die Lyrik gezielt eine andere Art von Lektüre, als es ein Tagebucheintrag tun würde. Nämlich eine, die gedruckte Zeichen als ebenso wichtig ansieht wie das, was durch sie gesagt wird. Ist außerdem der eine Text erst einmal wie ein Readymade in den anderen gewandert, kann man sich in diesem Kontext nicht mehr sicher sein, ob die vermeintlich zitierte Zeile überhaupt von Zwetajewa stammt oder ihr nur zugeschrieben wurde. Auch bei Westermann überlagern sich Verfahren der Avantgarde mit dem Aufruf von Mustern des Erlebnisses.

Selbstverständlich sind mit der neuartigen Verflechtung von Pop, Avantgarde und Erlebnis die Charakteristika der Gegenwartslyrik längst nicht erschöpft. Nach 2000 pflegt die Lyrik zudem eine besondere Haltung zum Denken. Was Gedichte immer schon gemacht haben: festgefügte Denkweisen irritieren und verändern. Jetzt aber fokussieren sie sich auf eine spezifische Facette des Denkvermögens. Von den verhaltensökonomischen Modellen der Gegenwart stark beeinflusst,haben sich die Gedichte zu Versuchslaboren für Entscheidungs- und Urteilsfindungen entfaltet. Aufgrund ihrer besonderen Beziehung zum Latenten und Ungewissen ist die Lyrik der ideale Ort für solche Experimente. 2011 legte der Ökonom Daniel Kahneman die popularisierte Gesamtschau seiner dreißigjährigen Forschung vor: „Schnelles Denken, langsames Denken“. Den Nobelpreisträger interessiert, wie Menschen in unsicheren Situationen Urteile fällen und Entscheidungen treffen. Seine Argumentation orientiert sich an der Ökonomie. Dort galt noch bis zur Finanzkrise 2008 als unumstößliche Grundlage der wichtigsten Berechnungsmodelle, dass der Mensch nach der Prämisse „maximum utility“ handele. Kahneman will diese Maxime widerlegen. Er hält dagegen, dass unbewusste, instinktive und irrationale Muster eine wesentliche Rolle bei der Entscheidungs- und Urteilsfindung spielen.

Die Keimzelle

Um das zu zeigen, unterscheidet er zwischen zwei Denksystemen. Einem System 1, das intuitiv verläuft, nicht steuerbaren Automatismen folgt und in rasantem Tempo arbeitet. Und einem System 2, das über den Einsatz des Verstandes funktioniert, mehr Zeit in Anspruch nimmt und die Ergebnisse von System 1 überprüft. Es handelt sich also um ein Denken der zwei Geschwindigkeiten: thinking fast and slow. Kahnemans Forschung widmet sich ausgiebig den Irrtümern, die sich in das schnelle, intuitive Denken einschleichen. Er zeigt, dass diese Fehleinschätzungen nicht individuell begründet sind, sondern systematisch auftreten und bestimmten Mustern folgen. Das heißt, sie sind messbar, vorhersagbar und beeinflussbar. Kurz gesagt: Was Kahneman für die Ökonomie erarbeitet, weiß und betreibt die Lyrik seit Jahrhunderten systematisch.

Mit Stimmungen, Rhythmen, Metren und Klängen, mit allen möglichen latenten Faktoren, die jenseits argumentativer Überzeugung liegen, nimmt sie Einfluss auf ihre Rezipienten. Jetzt, in der Lyrik nach 2000 und im Lichte der Verhaltensökonomie, erhalten diese Grundeigenschaften der Poesie ein neues, über die Lyrik hinausweisendes Gewicht. Denn so wie in der Poesie werden – wie sich jetzt zeigt – überall Entscheidungen und Urteile durch latente Faktoren beeinflusst. Die Lyrik hat lange schon vorgemacht und ausgefeilt, was sich in der Ökonomie erst jüngst durchgesetzt hat. Darin liegt die Keimzelle des poetischen Denkens.

Der Text von Christian Metz ist ein Vorabdruck aus seinem Buch: „Poetisch denken. Die Lyrik der Gegenwart“, das am 4. Oktober bei S. Fischer erscheint.

Weitere Themen

Topmeldungen

Tagebau Garzweiler, im Hintergrund das Braunkohlekraftwerk Niederaußem

Deutsche Klimapolitik : Hambi-Hype und Kohle-Farce

Kampagnen zum Wohle des Klimas stecken voller Widersprüche und Kurzsichtigkeit. Das gilt für den Atomausstieg, den Kohleausstieg und auch für den „Hambi“.
Wenige Passagiere und kaum Betrieb im Januar 2021 am Flughafen Hamburg

Urlaubsrückkehrer : Das sind die neuen Einreiseregeln

Für Reisen nach Deutschland gelten von diesem Donnerstag an neue Regeln. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach mahnt Vorkehrungen an den Flughäfen an – damit eine vierte Welle im Herbst vermieden wird.

US-Abgeordneter Matt Gaetz : Trump-Freund auf Abwegen

Der amerikanische Kongressabgeordnete Matt Gaetz soll Prostituierte bezahlt, in andere Bundesstaaten gebracht und an Männer vermittelt haben. Der Trump-Anhänger selbst sieht sich als Opfer.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.