https://www.faz.net/-gr0-9egem

Neue Blüte der Poesie : Wo die Lyrik der Ökonomie weit voraus ist

  • -Aktualisiert am

Genau diesen Gegensatz hoben die „neuen Leute“ auf. Sie wollten beides, und beides sollte auf der Oberfläche der Texte sichtbar sein. Die zeitgenössische Aktualität des „versierten Realismus“ sollte mit den Verfahren, den Freiheiten und Brüchen der Avantgarde in Spannung treten. Realistische Sequenzen? Ja. Glaubwürdige Figuren? Gerne. Szenen, die wirkten, als wären sie aus dem Leben gegriffen? Unbedingt. Aber all dies durchschossen von Passagen, in denen sich die Bilder nicht fügten, die Perspektive zerbrach, Glossolalie und Typographie von der Handlung ablenkten, die Informationsübertragung gestört wurde und das Gedicht sich in schwindlige Höhen der Abstraktion erhob oder in die Abgründe der Reflexion bohrte. Alles geht, solange man weiß, was man tut, wenn man sich eines bestimmten historischen Verfahrens bedient. Dann kann man sowohl seine Vorliebe für einen antiken Vers wie den Adoneus pflegen als auch mit Listen und Katalogen arbeiten. Wild durfte die Mischung wirken, aber gekonnt und kenntnisreich sollte sie konzipiert sein. Und sehr wohl sollten die Leser bemerken, dass sie sich im Zuge ihrer Lektüre durch einen sprachlich gemachten Parcours bewegten.

Doppelte Struktur von Gefühlen und Gedanken

Zugleich wurden die strikten Normen und Verbote der lyrischen Avantgarde hinterfragt und die vermeintlich unüberwindlichen Gegensätze zum Verschwimmen gebracht. Damit sind wir zurück bei der Frage, wie man sich gegenüber der Erlebnislyrik positionieren sollte: Die „neuen Leute“ entfalteten ein ausgeprägtes Interesse am Modell von „Erlebnis“ und „Ereignis“. Hendrik Jackson führt geradezu trotzig – mit einem „doch“ – das Verhältnis zwischen Gedicht und Ereignis wieder in die Poetik ein, indem er den einfachen Rückbezug durch einen aporetischen Ruck-Bezug des Gedichts auf das Erlebnis ersetzt: „Poesie ruck-bezieht (das plötzliche Anspannen der Seile, das Fangtuch, der Schatten unterhalb des Gestänges) doch auf Ereignisse, auf das Erfahrene (nicht aber auf eine simpel vorgestellte Realität).“

Die Beziehung zwischen Ereignis und Gedicht ist also nicht einfach, sondern stets (an)gespannt. Gleichzeitig tauchte plötzlich das lyrische Ich in den Texten wieder auf und berichtete von Erfahrungen, Gedanken und Emotionen. Aber nicht in der naiven Form, dass dort tatsächlich ein unmittelbarer Ausdruck von Gefühlen und Gedanken möglich wäre. Sondern in der – eigentlich bei Goethe und Hegel schon angelegten – doppelten Struktur und damit also in der gewieften Form. Denn einerseits ist es qua Sprache nicht möglich, Ereignisse, Gedanken und Gefühle direkt auszudrücken. Andererseits verfügen wir über kein besseres Werkzeug als unsere Sprache und müssen im Wissen um die Unmöglichkeit der Möglichkeit die Aporie aushalten und es trotz des Dilemmas wieder und wieder versuchen. Und weil diese Erkenntnis alles andere als taufrisch und schockierend ist, kann man dies auch in neuer Gelassenheit der Aporie gegenüber tun.

Lyrik nach 2000

Das klingt vielleicht nach hybrider Theorie, deckt sich aber mit der Alltagserfahrung. Man muss sich nur den sprachlichen Aufwand vor Augen führen, den ein Partner in einer intimen Situation auf sich nimmt, wenn der andere ihn – halb Liebender, halb Kontrolleur – fragt: Was denkst du gerade? Die bestimmende Denkfigur der neuen Lyrik lautet indes: sich über vermeintliche Gegensätze hinwegsetzen. Zum wichtigsten Verfahren wurde die Re-Kombination. Das Ergebnis war die spannungsreiche Vereinigung der Gegensätze. In Begriffe gefasst, wäre die neue Lyrik so etwas wie eine „experimentelle Erlebnislyrik“ und eine „Postpop-Avantgarde“ zugleich.

Weitere Themen

War es Mord oder Selbstmord?

Krimi von David Peace : War es Mord oder Selbstmord?

Wenn dreißigtausend Leute verdächtig sind: David Peace blickt im dritten Band seiner Tokio-Trilogie auf einen mysteriösen Todesfall und stellt sein Gespür für Stil unter Beweis.

Proteste in Kolumbien Video-Seite öffnen

Darum geht es : Proteste in Kolumbien

Seit Tagen gibt es in Kolumbien massive Proteste; mehrere Menschen wurden getötet. Ursprünglich richtete sich der Unmut gegen später zurückgezogene Pläne für eine Steuerreform; mittlerweile richten sich die Demonstrationen allgemein gegen die Politik der Regierung von Präsident Ivan Duque.

Wie die EU ihre Macht ausbaut

Europa und Corona : Wie die EU ihre Macht ausbaut

Die Europäische Union kam gut durch die Pandemie – und nutzte die Krise für ihren Machtausbau. Die Nebenfolgen verdienen mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

Topmeldungen

Ausmaß der Zerstörung: eine Straßenkreuzung in Cholon, Israel

Gewalt in Nahost : Hamas feuert 130 Raketen auf Tel Aviv

Militante aus dem Gazastreifen feuern am Abend mehr als hundert Raketen auf Zentralisrael. Im Großraum Tel Aviv kommt es immer wieder zu schweren Explosionen. Mindestens ein Mensch stirbt.
Die Intensivstation der Universitätsklinik Frankfurt mit Coronapatienten im April 2020

Anhaltend hohe Todeszahlen : Wer jetzt noch an Corona stirbt

Noch verzeichnet Deutschland jede Woche mehr als tausend Covid-Todesfälle. Viele sterben weder im Altenheim noch auf der Intensivstation. Doch wo dann? Die Suche nach der Antwort ist kompliziert.
Die EZB erwartet eine steigende Inflation. Allerdings meint sie, der Anstieg sei nur vorübergehend.

Steigende Preise : Was Sparer zur Inflation wissen müssen

Alles rund ums Bauen wird teurer, aber auch viele Lebensmittel und vor allem Heizöl und Benzin. Steigt mit dem Abklingen der Pandemie die Inflation? Und wie können sich Sparer rüsten?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.