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Kracht bei „Druckfrisch“ : Publikumstäuschung als Verkaufshilfe

Denis Scheck moderiert unter anderem die Sendung „Druckfrisch“. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Ein Buch wird publiziert, doch wie kommt es an den Mann? Der Umgang mit Christian Krachts neuem Roman führt es vor: Der Weg zum Erfolg führt über Rindertatar und Freundeslob.

          Was ist Literaturkritik? Gerade ist eine kleine Komödie aufgeführt worden, die uns darüber informiert. Aufgeführt haben sie der Literaturkritiker Denis Scheck und der Romanautor Christian Kracht. Aber das ist nur ein Zufall. Hießen die Akteure Denise und Christiane, machten sie andere Fernsehsendungen und schrieben sie andere Werke, hätte die Komödie genau gleich ablaufen können. Wichtig ist nur, dass sie auf der Bühne der Literatur aufgeführt wurde – und auf ihrer Hinterbühne, die Literaturbetrieb heißt.

          Und zwar so aufgeführt: Christian Kracht hat einen Roman geschrieben. Der Verlag schickt den Redaktionen die Druckfahnen, aber unter der Bedingung, dass die Besprechungen nicht vor dem Soundsovielten dieses Jahres erscheinen. Das wird als Bitte formuliert, aber es ist eine seltsame Bitte, insofern sie von den Redaktionen unterschrieben zurückgeschickt werden soll. Viele, womöglich alle Adressaten unterschreiben die Bitte.

          Der Roman des Anstoßes: „Die Toten“

          Dann hebt sich der Vorhang. Denis Scheck macht eine Literatursendung im Fernsehen. Lange vor der festgelegten Frist berichtet sie in Form eines Gesprächs mit Christian Kracht über den Roman. Dagegen ist nichts zu sagen. Das Spiel der Verlage heißt „Divide et impera“, es ist ein Spiel, zu dem Ausnahmeregelungen gehören. Von ihnen werden mal die einen, mal die anderen begünstigt, ein Heuchler, wer sich darüber beschweren wollte. „Wir haben vorab zwei Interviews genehmigt“, erklärt die Zuständige des Verlages.

          Erkenntnisgewinn durch Mittagessen

          Das zweite „Interview“, mit dem Literaturchef einer Hamburger Wochenzeitung geführt und gestern erschienen, ist allerdings doch eine Besprechung geworden. Es handelt sich um eine jener Ich-hab-mich-mit-dem-Autor-getroffen-Besprechungen, die stark zugenommen haben, ohne dass in jedem Fall klar würde, welche zusätzlichen Erkenntnisgewinne durch gemeinsames Mittagessen gesichert werden könnten. Romane enthalten keine Argumente, was sollte es für einen Sinn haben, mit den Autoren über sie zu diskutieren? Über literarische Technik hingegen, über Formen und Figuren, über die sich mit ihnen durchaus reden ließe, wird bei solchen Gelegenheiten so gut wie nie gesprochen.

          Dass Krachts Krawatte locker gebunden ist und er für sich und den Kritiker Rindertatar bestellt, ist ersatzweise natürlich sehr interessant. Auf der Bühne wird so etwas als „Begegnung“ angekündigt, aber „genehmigte Verabredung zur Herstellung von Lebensnähe“ würde es besser treffen. Dazu passt das dumme Zeug, das bedeutende Schriftsteller bei solchen Gelegenheiten oft zum Besten geben – über Religion, Politik, Sex und so weiter –, weil es in seinem smalltalkhaften Dahingequatschtsein eben ganz lebensnah ist. Vom Rindertatar und dem Smalltalk abgesehen, kann der Besprechung nicht einmal vorgeworfen werden, stark unter dem Eindruck des Gesprächs zu stehen. Auch all das ist üblich.

          Unüblich ist hingegen die Begründung, die der Verlag dafür gegeben hat, dass die Sequenz der Vorberichterstattung mit der Fernsehsendung eröffnet wurde. Denis Scheck und Christian Kracht kennten sich gut, da habe Kracht eine Ausnahme gemacht.

          Was wollte Denis Scheck sagen?

          Der Kritiker als guter Bekannter. Der Kritiker als jemand, dem locker gebundene Krawatten auffallen. Der Kritiker, der im Gespräch mit dem Schriftsteller keine der Beobachtungen, die er am Roman gemacht hat, zur Sprache bringt. Der Kritiker als jemand, der stattdessen ernsthaft fragt, ob der Autor noch derselbe sei wie vor 22 Jahren und ob er auch so körperlich erschlafft sei wie sein Protagonist. Der Kritiker, der es stehenlässt, wenn der Autor sagt, die Leser sollten eigentlich nicht alle Teile seines Romans lesen. Der Kritiker schließlich, der, gut bekannt mit dem Autor, ebenso markig wie völlig unbegründet zum Besten gibt, der Roman bedeute für die Literatur das, was der Tonfilm für den Film bedeutete.

          Christian Kracht trägt die Krawatte auch gern mal locker, wie die Literaturkritik neuerdings informiert.

          Es muss sich um jene Form der Kritik handeln, die kürzlich als „verkaufsrelevante Literaturkritik“ bezeichnet worden ist, wobei beklagt wurde, es gebe zu wenig davon in Deutschland. Man versteht spätestens vor diesem Hintergrund gut, dass Christian Kracht eine Ausnahme gemacht hat.

          Man versteht aber angesichts des manifesten Stusses, den dieser verkaufsrelevante und nachgerade dem Verkauf gewidmete Satz mit dem Tonfilm mitteilt, nicht, was er mit Literaturkritik zu tun haben soll. Mit Lesen, Nachdenken, Vergleichen, Kriterienbildung und Verstand. Wollte Denis Scheck sagen: Nach Christian Krachts Buch wird es fast nur noch Bücher geben wie seines? Wollte er sagen: Es wird so gut wie niemand mehr anders schreiben wollen als Christian Kracht in diesem Roman? Wollte er auch nur sagen: Die Literaturgeschichte muss neu geschrieben werden?

          Ach was, nichts von alledem wollte er sagen. Er hätte genauso gut sagen können „Christian Kracht – Vorsprung durch Technik“ oder „Christian Kracht – Weil ihr es euch wert seid“ oder „Christian Kracht – Es war schon immer etwas kostspieliger, einen guten Geschmack zu haben“. Kurz: Hier wird der Unterschied zwischen Reklame und Urteil, zwischen Dauerwerbesendung und Journalismus eingezogen. Dass Verlage so etwas freut, ist nachvollziehbar. Dass Kritiker auf so etwas umschulen, ist bedauerlich. Dass das Fernsehen so etwas als Kultursendung abbucht, ist ein Schwindel.

          Auf dem Umschlag des Romans wird ein Satz von Denis Scheck abgedruckt, der, minimal abgewandelt, auch in der Sendung aufgesagt wird. Ihm zufolge frage Krachts Roman, „um welchen Preis das Neue in die Welt kommt“. Die Antwort hat Denis Scheck in diesem Fall komischerweise selbst gegeben. Das Neue kommt nicht selten um den Preis einer Publikumstäuschung in die Welt.

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