https://www.faz.net/-gr0-9oa5v

Chinesische Zensur : Wie Peking unliebsame Verleger mürbe macht

Auch hier stirbt die Freiheit einen langsamen Tod: Die Buchmesse in Hongkong im Jahr 2016. Bild: dpa

Eine halbe Million Bücher hat der Pekinger Flughafen konfisziert und ist stolz darauf. Die Regierung hält dazu an, sogenannte Skandalbücher aus dem Verkehr zu ziehen.

          Es gibt viele Orte in Hongkong, an denen man zusehen kann, wie die Freiheit einen langsamen Tod stirbt. Einer davon ist die Buchmesse, die immer im Juli stattfindet. Die Zahl der politischen China-Bücher ist dort seit Jahren rückläufig. Nicht etwa, weil die Hongkonger Regierung sie verbieten würde. Die Sache ist komplizierter.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          „Früher kamen viele Besucher vom chinesischen Festland zu der Messe“, sagt der Verleger Bao Pu. Sie kauften jene Bücher, die nirgendwo sonst in China erscheinen können: Historische Abhandlungen über das Tiananmen-Massaker und die Kulturrevolution, Biographien chinesischer Führer, aber auch Klatsch und Tratsch über das angebliche Sexleben der Parteielite. Ihr Durst nach Informationen hielt eine ganze Branche am Leben. Inzwischen aber kommen die Kunden vom Festland nicht mehr. „Es ist ein großes Risiko geworden, mit Büchern im Gepäck die Grenze zu passieren, erst recht zur Zeit der Buchmesse“, sagt Bao Pu. Deswegen haben die Aussteller kein Interesse mehr, solche Literatur zu zeigen. Denn die Hongkonger Jugend interessiert sich nicht für chinesische Geschichte. Laut einer Studie der Hong Kong University betrachten sich nur noch 16 Prozent der Hongkonger unter 30 als Chinesen.

          Wenn einer wie Bao Pu ans Aufgeben denkt, lässt das aufhorchen. Der Mann ist so etwas wie der Hüter von Chinas unterdrückter Erinnerung. In seinem kleinen Verlag New Century Press veröffentlicht er seit Jahren Dokumente und Tagebücher, die Zeitzeugen ihm heimlich zukommen lassen. Zu seinen Quellen zählen Funktionäre in den höchsten Etagen der Macht. Sein bekanntestes Buch ist das Tagebuch des früheren Ministerpräsidenten Zhao Ziyang, das dieser im Hausarrest heimlich auf dreißig Kassetten aufsprach. Zhao Ziyang wurde 1989 entmachtet, weil er sich gegen die blutige Niederschlagung der Studentenproteste gestellt hatte. Bao Pus Vater war sein engster Mitarbeiter.

          Eine halbe Million konfiszierte Bücher

          Bis vor fünf Jahren hatte der Verleger viele Kunden. Doch dann nahm die Kommunistische Partei den Hongkonger Buchmarkt ins Visier. Mit der Kampagne „Operation Südlicher Hügel“ verschärfte sie die Kontrollen an der innerstaatlichen Zollgrenze, die die Sonderverwaltungsregion Hongkong vom restlichen China trennt. Stolz verkündete der Pekinger Flughafen, er habe eine halbe Million Bücher konfisziert. Auch per Post werden inzwischen kaum noch Bücher zugestellt.

          Schließlich wurden 2014 fünf Hongkonger Buchhändler von der chinesischen Staatssicherheit verschleppt, die ihr Geld mit halbseidenen Skandalbüchern verdient hatten. Das Schicksal der Buchhändler, von denen einer noch immer in Haft ist, schüchterte die ganze Branche ein. Womöglich auch die Druckerei Asia One, die dem Verleger Bao Pu 2016 die langjährige Zusammenarbeit aufkündigte. Einfach so. Zunächst fand Bao Pu einen anderen Anbieter, ein kleines Familienunternehmen. Doch auch dieser bekam bald kalte Füße. „Sie sagten, 2019 sei ein ,sensibles Jahr‘ und sie könnten sich nicht leisten, ihr Geschäft zu verlieren.“ Also suchte sich Bao Pu eine Druckerei außerhalb Chinas. Sogar die hat nun nach nur drei Büchern abgewinkt. „Sie sagten, es gebe zu viel Aufmerksamkeit.“ Denn die drei Bücher erschienen anlässlich des 30. Jahrestags des Tiananmen-Massakers. Darunter „Das letzte Geheimnis“ mit dem Original-Protokoll jener Parteisitzung, in der die führenden Funktionäre, einer nach dem anderen, das Blutbad vom 4. Juni für richtig befanden.

          Sang- und klanglos verschwundene Verleger

          Derzeit bekommt Bao Pu so viele Manuskripte angeboten wie nie zuvor. Von alternden Funktionären der Generation Xi Jinping oder ihren Kindern, die „die Vergangenheit bewahren wollen“. Es gibt noch immer Mutige, die ihn auf Twitter kontaktieren, um ihm seine Bücher privat abzukaufen. Doch der Verkauf lahmt so sehr, dass der Verleger sich fragt, ob er weitermachen kann. Wenn er aufgibt, wäre er einer von vielen unabhängigen Hongkonger Buchhändlern, die sang- und klanglos verschwunden sind.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Der Markt wird inzwischen von drei Großverlagen im Besitz der chinesischen Regierung dominiert. Die Verlage betreiben zudem ihre eigenen Buchhandlungen, in denen man politische Literatur vergeblich sucht. Auf den Büchertischen der Straßenverkäufer in Hongkong findet man zwar noch immer reißerisch aussehende Titel mit dem Konterfei Xi Jinpings und anderer politischer Führer. Die meisten halten aber nicht, was sie versprechen. Bisweilen steckt hinter dem knalligen Titelbild dröge Parteipropaganda. In anderen Fällen hat die Partei den Spieß umgedreht und Schmutz über ihre Gegner produzieren lassen. Ein anzügliches Buch über den verstorbenen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo mit frei erfundenem Inhalt. Vermeintliche Enthüllungen über die Anführer der Hongkonger Demokratiebewegung. „Dubiose Verleger versuchen, die Festlandchinesen zu verwirren“, sagt Bao Pu. Er hat angefangen, solche Literatur zu sammeln. „Aber es ist einfach zu viel.“

          Fünf Jahre haben gereicht, um einen anarchischen, kritischen Hongkonger Buchmarkt in die Defensive zu treiben. „Was ist das für eine Freiheit, wenn du nicht mehr veröffentlichen kannst?“, fragt Bao Pu bitter. Hongkong ist die einzige Stadt der Welt, in der die Freiheit ein Haltbarkeitsdatum hat. Sie läuft im Jahr 2047 ab. Bis dahin gilt offiziell das Versprechen der chinesischen Führung, der früheren britischen Kronkolonie ein hohes Maß an Autonomie zu gewähren. Was danach geschieht und ob es überhaupt so lange dauern wird, darüber gehen die Meinungen in der Stadt weit auseinander. Bao Pu zählt zu den Pessimisten: „Hongkongs Tage sind gezählt. Ich weiß nicht, was besser ist, ein schneller oder ein langsamer Tod.“ Doch viele der Demonstranten, die derzeit in Hongkong auf die Straße gehen, sehen das anders. Sie stellen sich dem scheinbar unaufhaltsamen Prozess entgegen. Und produzieren damit vielleicht neue Literatur.

          Weitere Themen

          Ohne den Unsinn der Radikalität

          Suhrkamp-Rechtskultur : Ohne den Unsinn der Radikalität

          1968 plante Siegfried Unseld mit dem späteren Bundesinnenminister Werner Maihofer und dem Frankfurter Zivilrechtler Rudolf Wiethölter als Herausgebern eine juristische Zeitschrift neuen Stils. Warum wurde nichts daraus?

          Topmeldungen

          Neue Raumfahrtbegeisterung : Und jetzt der Mars?

          Fünfzig Jahre nach der ersten Mondlandung herrscht neue Raumfahrtbegeisterung. Zuletzt ging es vor allem um Pragmatismus und Risikominimierung – das ändert sich nun dank des privaten Raumfahrtsektors.
          Grenzsituation: Im Coworking-Center „BLOK-O“ in Frankfurt/Oder zielt man auch auf Nutzer aus dem benachbarten Polen.

          Coworking : Freie Sicht und schnelles Internet

          Arbeitsplätze fürs Coworking sprießen seit einiger Zeit auch wieder abseits der Metropolen aus dem Boden. Bringen die stadtmüden Hipster wieder Leben in die Provinz?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.